
Die internationale Zeitmessung steht vor einer grundlegenden Änderung. Ab Mai 2027 sollen weltweit keine Schaltsekunden mehr eingefügt werden. Damit endet ein Verfahren, das seit mehr als fünf Jahrzehnten die Atomzeit mit der Erdrotation in Einklang hält. Der Grund für die Reform liegt vor allem in der modernen Technik: Computersysteme benötigen eine möglichst gleichmäßige Zeitmessung, während zusätzliche oder gestrichene Sekunden Probleme verursachen können.
Die Generalkonferenz für Maß und Gewicht hat am 15. Oktober 2026 in Versailles beschlossen, die bisherige Schaltsekunde abzuschaffen. Die neue Regelung für die koordinierte Weltzeit UTC gilt ab dem 20. Mai 2027.
Bereits 2022 hatten sich die beteiligten Staaten grundsätzlich auf eine Reform verständigt. Damals war eine Umsetzung bis spätestens 2035 vorgesehen. Mit dem neuen Beschluss wird der Zeitplan deutlich vorgezogen.
Eine wesentliche Änderung betrifft die zulässige Abweichung zwischen der koordinierten Weltzeit und der astronomischen Zeit. Bisher durfte diese Differenz höchstens 0,9 Sekunden betragen. Künftig wird eine Abweichung von bis zu 3.600 Sekunden zugelassen, also einer Stunde. Eine entsprechende Zeitverschiebung erfolgt allerdings nicht unmittelbar mit der Reform.
Seit 1972 werden Schaltsekunden verwendet, um zwei unterschiedliche Grundlagen der Zeitmessung miteinander abzugleichen. Atomuhren bestimmen die Zeit mit großer Genauigkeit. Die Rotation der Erde verläuft dagegen nicht vollkommen gleichmäßig.
Weil sich die Erde unterschiedlich schnell dreht, verändert sich die Abweichung zwischen der astronomischen Zeit und der auf Atomuhren beruhenden Weltzeit.
Bislang wurden insgesamt 27 Schaltsekunden eingefügt. Die letzte zusätzliche Sekunde gab es zum Jahreswechsel 2016/2017. Dabei wurde die letzte Minute des betreffenden UTC-Tages um eine Sekunde verlängert.
Künftig soll die koordinierte Weltzeit ohne solche Korrekturen auskommen. Die Differenz zur tatsächlichen Erdrotation darf dadurch langfristig anwachsen.
Ein wichtiger Grund für die vorgezogene Reform ist eine Entwicklung, die zunächst widersprüchlich erscheint: Obwohl die Erdrotation langfristig langsamer wird, hat sich die Erde in jüngerer Zeit zeitweise schneller gedreht.
Dadurch könnte erstmals eine negative Schaltsekunde erforderlich werden. Anders als bei den bisherigen Korrekturen müsste dabei eine Sekunde aus der Zeitrechnung entfernt werden.
Eine solche Anpassung wurde bislang noch nie vorgenommen. Viele technische Systeme sind darauf nicht vorbereitet. Bei einer internationalen Fachtagung im März 2025 wurde die Wahrscheinlichkeit einer negativen Schaltsekunde bis 2035 auf rund 30 Prozent geschätzt.
Mit der neuen Regelung entfällt die Notwendigkeit, kurzfristig auf diese mögliche Entwicklung reagieren zu müssen.
Die genaue Synchronisierung von Zeitangaben ist für zahlreiche technische Anwendungen unverzichtbar. Dazu gehören Telekommunikationsnetze, Satellitennavigation, Energieversorgung und digitale Informationssysteme.
Schaltsekunden können dort Schwierigkeiten verursachen, weil unterschiedliche Computersysteme die zusätzliche Sekunde nicht immer auf dieselbe Weise verarbeiten. Einige Systeme übernehmen die Korrektur unmittelbar, andere verteilen sie über einen längeren Zeitraum.
Dadurch können zeitweise Unterschiede zwischen miteinander verbundenen Systemen entstehen. Besonders problematisch wäre eine negative Schaltsekunde, für deren technische Umsetzung bislang kaum praktische Erfahrungen vorliegen.
Die internationale Reform soll deshalb eine dauerhaft gleichmäßige Zeitbasis schaffen und die Synchronisierung digitaler Systeme vereinfachen.
Für die meisten Menschen dürfte die Abschaffung der Schaltsekunde unbemerkt bleiben. Smartphones, Computer und andere digitale Geräte werden weiterhin ihre Uhrzeit anzeigen und automatisch synchronisieren.
Auch die gesetzlichen Zeitzonen bleiben bestehen. Die Umstellung hat insbesondere nichts mit der Sommerzeit oder Winterzeit zu tun. Die Zeitumstellung im Frühjahr und Herbst wird durch den Beschluss nicht verändert.
Die größere zulässige Abweichung zwischen Weltzeit und Erdrotation bedeutet zudem nicht, dass Uhren plötzlich eine Stunde vor- oder zurückgestellt werden. Die Differenz entwickelt sich über lange Zeiträume.
Eine besondere Bedeutung hat die Reform für Wissenschaftsbereiche, die auf die genaue Stellung der Erde im Weltraum angewiesen sind. Dazu gehören insbesondere Astronomie und Geodäsie.
Für entsprechende Berechnungen bleibt die astronomische Zeit UT1 wichtig. Die Differenz zur koordinierten Weltzeit soll deshalb weiterhin ermittelt und über internationale Zeitdienste bereitgestellt werden.
Langfristig könnte die neue Regelung eine wesentlich größere Abweichung zwischen beiden Zeitsystemen ermöglichen. Die Grenze von einer Stunde bedeutet allerdings nicht, dass künftig regelmäßig ganze Stunden eingefügt oder gestrichen werden. Nach Einschätzung der zuständigen internationalen Gremien kann die neue Regelung die Kontinuität der Weltzeit für mehrere Jahrhunderte sichern.
Mit dem 20. Mai 2027 beginnt damit eine neue Phase der internationalen Zeitmessung: Die Weltzeit soll künftig ohne die bisher erforderlichen Schaltsekunden auskommen und zugleich als einheitliche Grundlage für digitale Systeme, Wissenschaft und zivile Zeitangaben erhalten bleiben.
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