
Zwei Tage nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat sich Ministerpräsident Sven Schulze an die Spitze der deutlich verkleinerten CDU-Landtagsfraktion gesetzt. Der bisherige CDU-Landesvorsitzende setzte sich am Dienstag in Magdeburg in einer Kampfabstimmung gegen den bisherigen Fraktionschef Guido Heuer durch. Die Personalentscheidung fällt in eine Phase, in der sowohl die künftige Rolle der CDU als auch die Regierungsbildung in Sachsen-Anhalt offen sind.
Nach Informationen von t-online entfielen bei der internen Abstimmung acht Stimmen auf Schulze und sieben auf Heuer. Eine offizielle Veröffentlichung dieses konkreten Abstimmungsergebnisses durch die CDU-Fraktion lag zunächst nicht vor. Bestätigt ist, dass Schulze die Kampfabstimmung gegen Heuer gewann und damit dessen Nachfolge als Vorsitzender der Landtagsfraktion antritt.
Mit der Wahl von Sven Schulze als CDU-Fraktionschef übernimmt der bisherige Spitzenkandidat seiner Partei eine zentrale Position im neuen Landtag. Die Fraktion ist nach der Wahl allerdings erheblich kleiner als in der vergangenen Wahlperiode.
Nach dem vorläufigen amtlichen Ergebnis der Landeswahlleitung kommt die CDU auf 17,2 Prozent der Zweitstimmen. Sie erhält damit 15 der insgesamt 83 Sitze im neuen Landtag. In der vorherigen Wahlperiode war die CDU mit 40 Abgeordneten vertreten.
Besonders deutlich zeigt sich die Veränderung bei den Direktmandaten. Bei der Landtagswahl 2021 hatte die CDU 40 der 41 Wahlkreise gewonnen. Diesmal errang sie kein einziges Direktmandat. Alle 15 CDU-Abgeordneten ziehen über die Landesliste in das Parlament ein. Schulze stand dort auf Platz eins, Heuer auf Platz drei.
Schulze selbst konnte seinen Wahlkreis Magdeburg III ebenfalls nicht gewinnen. Er erhielt dort 31,7 Prozent der Erststimmen und unterlag dem AfD-Kandidaten Christian Mertens, der auf 35,2 Prozent kam. Sein Mandat erhält der Ministerpräsident deshalb über die CDU-Landesliste.
Der Wechsel an der Fraktionsspitze ist damit zugleich eine Neuordnung nach dem bislang schwächsten CDU-Ergebnis bei einer Landtagswahl in Sachsen-Anhalt.
Stärkste Kraft wurde bei der Wahl die AfD mit 43,8 Prozent der Zweitstimmen. Sie stellt im neuen Landtag 39 Abgeordnete. Für eine absolute Mehrheit wären bei 83 Sitzen mindestens 42 Mandate erforderlich.
Die AfD gewann 38 der 41 Direktmandate. Die übrigen drei Wahlkreise gingen an Kandidaten der Linken. Neben AfD und CDU ziehen SPD, Grüne und Linke mit jeweils acht Abgeordneten in den Landtag ein. Das BSW erhält fünf Mandate.
Damit unterscheiden sich die Kräfteverhältnisse im Parlament grundlegend von denen der vergangenen Wahlperiode. CDU, SPD und FDP hatten bislang gemeinsam die Landesregierung getragen. Die FDP verfehlte mit 2,6 Prozent diesmal den Wiedereinzug.
Die CDU hatte bei der Wahl 2021 noch 37,1 Prozent erreicht. Der Rückgang auf 17,2 Prozent bedeutet einen Verlust von 19,9 Prozentpunkten. Die AfD verbesserte sich zugleich von 20,8 auf 43,8 Prozent.
Durch den Wechsel an die Fraktionsspitze entsteht vorübergehend eine ungewöhnliche Doppelrolle. Schulze ist weiterhin Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt und führt nun zugleich die CDU-Fraktion.
Der 47-Jährige hatte das Amt des Regierungschefs erst am 28. Januar 2026 von Reiner Haseloff übernommen. Der damalige Landtag wählte ihn mit 58 Stimmen zum Ministerpräsidenten.
Die Landesverfassung sieht vor, dass die Amtszeit der Mitglieder der Landesregierung mit dem Zusammentritt eines neuen Landtags endet. Bis ein Nachfolger das Amt übernimmt, müssen der bisherige Ministerpräsident und auf dessen Ersuchen auch die Minister ihre Geschäfte weiterführen.
Eine gleichzeitige Mitgliedschaft in Landesregierung und Landtag ist grundsätzlich möglich. Die vorübergehende Verbindung von Regierungsamt und Fraktionsvorsitz ist politisch ungewöhnlich, aber nicht ohne Beispiel. Zuletzt hatte der rheinland-pfälzische SPD-Politiker Alexander Schweitzer im Mai 2026 für einen kurzen Zeitraum gleichzeitig die Landesregierung und die SPD-Landtagsfraktion geführt.
Wie lange Schulze beide Funktionen ausüben wird, hängt deshalb auch von der weiteren Regierungsbildung ab.
Eine neue Landesregierung zeichnet sich bislang nicht eindeutig ab. Die AfD verfügt trotz ihres Wahlsiegs nicht über genügend Mandate für eine Alleinregierung. Die anderen fünf im Parlament vertretenen Parteien kommen zusammen auf 44 Sitze.
Auch eine Fortsetzung eines Bündnisses aus CDU, SPD und Grünen würde keine eigene Mehrheit erreichen. CDU, SPD und Grüne verfügen zusammen über 31 Mandate. Selbst unter Einbeziehung der acht Abgeordneten der Linken käme eine solche Konstellation nur auf 39 Sitze. Mit den fünf Mandaten des BSW wären rechnerisch weitere Mehrheiten möglich. Ob sich daraus eine politisch tragfähige Zusammenarbeit ergeben könnte, war am Dienstag offen.
Vor der Wahl hatten die anderen Parteien Koalitionen mit der AfD ausgeschlossen. Die CDU lehnt nach ihren bisherigen Parteibeschlüssen zudem eine Zusammenarbeit sowohl mit der AfD als auch mit der Linken ab.
Damit stehen nach dem Wahltag nicht nur Gespräche über mögliche Mehrheiten an. Auch innerhalb der Parteien laufen personelle Neuordnungen. Schulze hatte nach dem CDU-Ergebnis angekündigt, den Landesvorsitz nicht dauerhaft weiterführen zu wollen. Für dieses Amt hat der CDU-Bundestagsabgeordnete Sepp Müller seine Kandidatur angekündigt.
Im Landtag hat Schulze dagegen nun eine neue Führungsfunktion übernommen. Die knappe Kampfabstimmung gegen Guido Heuer macht deutlich, dass die Entscheidung innerhalb der auf 15 Abgeordnete geschrumpften Fraktion nicht ohne Gegenkandidatur gefallen ist. Wie die CDU ihre parlamentarische Rolle ausfüllen wird, hängt nun wesentlich davon ab, welche Mehrheiten sich für eine neue Landesregierung finden.
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