
Magdeburg. Elf Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt haben sich Ministerpräsident Sven Schulze von der CDU und AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund im MDR einen konfrontativen Schlagabtausch geliefert. Im TV-Duell zwischen Sven Schulze und Ulrich Siegmund prallten am Mittwochabend vor allem bei Wirtschaft, Bildung, Migration und dem politischen Umgang miteinander gegensätzliche Vorstellungen aufeinander. Die Auseinandersetzung erhält zusätzliches Gewicht durch die jüngsten Umfragewerte, nach denen die AfD deutlich vor der CDU liegt.
Das direkte Duell eröffnete am 26. August die MDR-Sendung Fakt ist! aus dem Landesfunkhaus in Magdeburg. Moderiert wurde die Sendung von Susann Reichenbach und Gunnar Breske. Schulze und Siegmund diskutierten zunächst rund 30 Minuten allein, bevor die Spitzenkandidatinnen und Spitzenkandidaten von Linken, SPD, Grünen, FDP und BSW hinzukamen.
Unmittelbar vor der Sendung hatte die ARD den letzten Sachsen-Anhalt-Trend von Infratest dimap vor der Wahl veröffentlicht. Danach kam die AfD auf 42 Prozent und lag damit deutlich vor der CDU mit 22 Prozent. Die Linke erreichte in der Sonntagsfrage 11 Prozent, die SPD 8 Prozent und die Grünen 6 Prozent. Das BSW lag mit 4 Prozent und die FDP mit 3 Prozent unterhalb der Fünf-Prozent-Hürde.
Die Zahlen markieren gegenüber der Landtagswahl 2021 eine erhebliche Verschiebung. Damals erreichte die CDU 37,1 Prozent der Zweitstimmen und wurde deutlich stärkste Kraft. Die AfD kam auf 20,8 Prozent. Die aktuelle Umfrage ist allerdings keine Prognose des Wahlergebnisses. Sie bildet die politische Stimmung kurz vor dem Wahltermin ab.
Sachsen-Anhalt wählt am Sonntag, 6. September, einen neuen Landtag. Rund 1,7 Millionen Wahlberechtigte sind aufgerufen, über die Zusammensetzung des Landesparlaments zu entscheiden. Der Ministerpräsident wird anschließend vom Landtag gewählt.
Schulze versuchte im Duell vor allem, seine Regierungsbilanz und seine wirtschaftspolitische Erfahrung herauszustellen. Er warf Siegmund vor, keine ausreichenden Konzepte für die wirtschaftliche Zukunft Sachsen-Anhalts vorzulegen. Der CDU-Politiker verwies auf Investitionen und Arbeitsplätze und warnte davor, dass politische Unsicherheit Unternehmen von neuen Projekten im Land abhalten könne.
Der MDR überprüfte diese Aussage während und nach der Sendung. Einzelne Unternehmen verschieben demnach tatsächlich Investitionen. Wirtschaftsvertreter nennen dafür allerdings mehrere Gründe. Neben der politischen Lage spielen auch allgemeine wirtschaftliche Bedingungen eine Rolle. Eine pauschale Aussage, Unternehmen würden allein wegen eines möglichen AfD-Wahlsiegs nicht mehr investieren, lässt sich daraus nicht ableiten.
Siegmund stellte dem die Forderung nach einem grundlegenden politischen Wechsel entgegen. Der AfD-Spitzenkandidat argumentierte, die bisherige Politik habe zentrale Probleme des Landes nicht gelöst. Seine Partei wolle unter anderem staatliche Ausgaben anders priorisieren und die Migrationspolitik deutlich verändern.
Besonders kontrovers verlief die Debatte über die Bildungspolitik. Siegmund bezeichnete Inklusion in ihrer bisherigen Form als gescheitertes Experiment und forderte eine stärkere individuelle Betrachtung der Schüler. Schulze widersprach entschieden und kritisierte diese Position.
Auch die geplante Ausrichtung des Geschichtsunterrichts wurde zum Streitpunkt. Schulze warf der AfD vor, im Fall einer Regierungsübernahme stärker politisch auf Lehrpläne einwirken zu wollen. Im Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt finden sich tatsächlich konkrete Forderungen zur Veränderung des Geschichtsunterrichts. Unter anderem soll die deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts mit den Jahren 1813 und 1871 stärker gewichtet werden.
Die unterschiedlichen Vorstellungen bei Bildung und gesellschaftspolitischen Fragen verdeutlichten im Duell die grundsätzliche Distanz zwischen beiden Parteien. Der CDU-Politiker stellte bestehende Strukturen und schrittweise Veränderungen in den Mittelpunkt, während Siegmund für einen umfassenderen Kurswechsel warb.
Auch die Migrationspolitik nahm im Laufe der Sendung breiten Raum ein. Siegmund forderte, Migration deutlich stärker zu begrenzen und neu zu ordnen. Er argumentierte, dadurch könnten erhebliche öffentliche Mittel für andere Aufgaben freiwerden. Bei der erweiterten Debatte kritisierte er außerdem die Zahl der Einbürgerungen und forderte konsequentere Abschiebungen.
Die finanzielle Wirkung lässt sich jedoch nicht auf eine einzelne Summe reduzieren. In Sachsen-Anhalt wurden zwischen 2016 und 2025 rund 1,2 Milliarden Euro für Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz ausgegeben. Diese Zahl umfasst nicht sämtliche Kosten von Migration und Integration. Gleichzeitig stieg die Zahl sozialversicherungspflichtig beschäftigter Ausländer im Land deutlich. Migration verursacht damit sowohl öffentliche Ausgaben als auch Einnahmen und spielt angesichts von Fachkräftemangel und Bevölkerungsalterung eine wirtschaftliche Rolle.
Neben Sachfragen stritten Schulze und Siegmund über die Sprache im politischen Wettbewerb. Anlass war eine Äußerung von AfD-Bundeschefin Alice Weidel, die Regierende als Flachzangen bezeichnet hatte. Schulze erklärte, einen politischen Gegner nicht auf diese Weise bezeichnen zu wollen. Auf die Frage, ob die Bezeichnung auf Schulze zutreffe, unterschied Siegmund zwischen persönlicher und politischer Bewertung und bejahte sie für die politische Ebene.
Der Ministerpräsident kritisierte diese Form des Umgangs. Der Austausch verdeutlichte einen weiteren zentralen Gegensatz des Wahlkampfes: Neben konkreten politischen Vorhaben geht es um die Frage, welchen Ton Parteien gegenüber politischen Konkurrenten anschlagen.
Ein weiterer Konfliktpunkt war der Umgang mit der AfD selbst. Der Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt stuft den Landesverband seit 2023 als gesichert rechtsextremistische Bestrebung ein. Die Behörde begründete dies unter anderem mit Positionen, die sich nach ihrer Bewertung gegen die Menschenwürdegarantie und das Demokratieprinzip richten. Die AfD bestreitet die Einstufung und die entsprechenden Vorwürfe.
Für Schulze stellt sich damit im Wahlkampf auch die Frage nach der Abgrenzung zur AfD. Siegmund wiederum versucht, seine Partei als konkrete Regierungsalternative darzustellen. Er hält am Ziel fest, nach der Wahl die Regierung zu führen.
Die Bedeutung des Duells reicht über Sachsen-Anhalt hinaus. Sollte die AfD am 6. September tatsächlich mit deutlichem Abstand stärkste Kraft werden, würde sich die Frage nach stabilen Mehrheiten im Landtag neu stellen. Nach dem aktuellen Sachsen-Anhalt-Trend würde ihr Ergebnis für eine Alleinregierung dennoch nicht ausreichen.
Auch für die CDU ist die Lage kompliziert. Bei einer Zusammensetzung des Landtags entsprechend der aktuellen Umfrage könnten Mehrheiten ohne die AfD schwierig werden. Deshalb dürfte nach der Wahl nicht allein entscheidend sein, welche Partei die meisten Stimmen erhält. Ebenso wichtig wird sein, welche politischen Mehrheiten sich im neuen Landtag tatsächlich organisieren lassen.
Das MDR-Duell hat die entscheidenden Konfliktlinien dafür deutlich gemacht. Schulze setzt auf Erfahrung, wirtschaftliche Stabilität und eine klare Distanz zur AfD. Siegmund wirbt mit einem grundlegenden politischen Wechsel und einer deutlich restriktiveren Migrationspolitik. Am 6. September entscheiden die Wählerinnen und Wähler, welches Kräfteverhältnis daraus im Landtag entsteht.
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