
Die Schweinepreise in Deutschland stehen erneut unter Druck. Nach einem weiteren Rückgang der Erzeugerpreise warnen Landwirtschaftsverbände vor erheblichen wirtschaftlichen Folgen für schweinehaltende Betriebe. Der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband (WLV), das Landvolk Niedersachsen und die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) fordern am Freitag, 30. Oktober 2026, Maßnahmen von Politik, Handel und Fleischwirtschaft. Sollten die Preise weiter sinken oder notwendige Veränderungen ausbleiben, könnten Protestaktionen folgen.
Die Vereinigung der Erzeugergemeinschaften für Vieh und Fleisch (VEZG) senkte ihre Notierung für Schlachtschweine am Mittwoch, 28. Oktober, um acht Cent auf 1,32 Euro je Kilogramm Schlachtgewicht. In der Vorwoche hatte der Basispreis noch bei 1,40 Euro gelegen. Die neue Notierung gilt vom 29. Oktober bis zum 4. November 2026 und versteht sich netto bei Anlieferung an die Schlachtstätte. Es handelt sich um einen Orientierungspreis für die Vermarktung und nicht um den Verkaufspreis für Schweinefleisch im Supermarkt.
Nach Einschätzung der VEZG übersteigt das verfügbare Angebot derzeit die Nachfrage. Auch die Landwirtschaftskammer Rheinland-Pfalz verweist in ihrem Marktbericht vom 28. Oktober auf umfangreiche Schlachtschweinemengen und einen schleppenden Fleischabsatz. Einzelne Schlachtunternehmen übten zusätzlichen Druck auf die Erzeugerpreise aus.
Besonders deutlich äußerte sich der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband. Präsident Hubertus Beringmeier erklärte am 30. Oktober, dass der Verband bei einem weiteren Rückgang des Schweinepreises unter 1,32 Euro umfangreiche Protestaktionen starten wolle. Vorgesehen seien unter anderem Aktionen vor Großhandelsunternehmen, Lebensmittelhändlern sowie Schlacht- und Verarbeitungsbetrieben.
Der WLV wirft den Unternehmen entlang der Vermarktungskette eine Preispolitik vor, die landwirtschaftliche Familienbetriebe zunehmend wirtschaftlich belaste. Die Erlöse der Tierhalter seien erheblich zurückgegangen, während die Verbraucherpreise nach Darstellung des Verbands vielfach hoch geblieben seien. Konkrete Termine oder Veranstaltungsorte für mögliche Protestaktionen wurden zunächst nicht genannt.
Auch das Landvolk Niedersachsen schließt Proteste nicht aus. Vizepräsident Jörn Ehlers fordert von Politik und Wirtschaft die Umsetzung bereits angekündigter Maßnahmen. Besonders wichtig seien wirtschaftlich tragfähige Erzeugerpreise, verlässliche Absatzmöglichkeiten und faire Wettbewerbsbedingungen gegenüber importiertem Schweinefleisch.
Nach Berechnungen des Landvolks Niedersachsen benötigen Schweinehalter mindestens 2,20 Euro je Kilogramm Schlachtgewicht, um unter den zugrunde gelegten Bedingungen wirtschaftlich arbeiten zu können. Zwischen diesem Wert und der aktuellen VEZG-Notierung liegen 88 Cent je Kilogramm. Die tatsächliche Kostensituation hängt allerdings von der Betriebsstruktur, den Investitionen und den jeweiligen Haltungsbedingungen ab.
Die ISN bezifferte am 29. Oktober die rechnerische Unterdeckung bei den variablen Kosten auf rund 30 Euro je Tier. Unter Berücksichtigung der Vollkosten liege sie bei etwa 70 Euro. Diese Angaben beruhen auf Berechnungen der Erzeugerseite und sind keine individuell nachgewiesenen Verluste sämtlicher Schweinehalter.
Die Schwierigkeiten beschränken sich nicht auf Deutschland. Der europäische Schweinefleischmarkt ist ebenfalls von schwacher Nachfrage in einzelnen Absatzbereichen und Veränderungen im internationalen Handel betroffen. Nach der aktuellen Herbstprognose der Europäischen Kommission dürfte die Schweinefleischerzeugung in der EU im Jahr 2026 um 0,5 Prozent steigen. Gleichzeitig erwartet die Kommission einen Rückgang der gesamten Schweinefleischexporte um 0,5 Prozent.
Besonders deutlich fällt die erwartete Entwicklung beim Handel mit China aus. Hier rechnet die Kommission mit einem Rückgang der europäischen Schweinefleischausfuhren um 32 Prozent. Zuwächse auf anderen Märkten, insbesondere in Südkorea, dürften diesen Rückgang nur teilweise ausgleichen. Auch die Afrikanische Schweinepest beeinflusst die internationalen Handelsströme.
Die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands fordert Veränderungen bei der Preisbildung und den Vertragsbedingungen. Geschäftsführer Torsten Staack kritisiert, dass die deutschen Betriebe höhere Anforderungen an Tierhaltung und Produktion erfüllen müssten, während die Vermarktungspreise stark vom internationalen Wettbewerb bestimmt würden.
Die ISN setzt sich unter anderem für verbindlichere Lieferverträge, kalkulierbare Preismodelle und eine angemessene Vergütung der Erzeuger ein. Das Landvolk Niedersachsen verlangt außerdem die Weiterentwicklung der staatlichen Tierhaltungskennzeichnung und einen stärkeren Einsatz von deutschem Schweinefleisch in Gastronomie und Gemeinschaftsverpflegung.
Die wirtschaftliche Entwicklung trifft eine Branche, in der die Zahl der Betriebe bereits seit Jahren zurückgeht. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes gab es im Mai 2026 bundesweit rund 14.700 schweinehaltende Betriebe. Gegenüber 2016 entspricht das einem Rückgang um 40 Prozent. Gleichzeitig wurden in Deutschland noch etwa 21 Millionen Schweine gehalten.
Der weitere Preisverlauf dürfte deshalb für viele Betriebe von erheblicher Bedeutung sein. Ob die angekündigten Protestaktionen tatsächlich stattfinden, hängt insbesondere von der weiteren Marktentwicklung und den Reaktionen der angesprochenen Unternehmen und politischen Entscheidungsträger ab.
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