
Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing hat die Bundesregierung aufgefordert, ihren eingeschlagenen Reformkurs konsequent fortzusetzen. Bei einem Auftritt auf dem Handelsblatt Banken-Gipfel am Mittwoch in Frankfurt wandte sich der Vorstandsvorsitzende der größten deutschen Bank gegen Überlegungen, angekündigte Maßnahmen wieder abzuschwächen oder zurückzunehmen. Seine Forderung fällt in eine Phase, in der Union und SPD zwar zahlreiche wirtschafts-, steuer- und sozialpolitische Änderungen vereinbart haben, ein Teil davon aber erst noch gesetzlich umgesetzt werden muss.
Mit Blick auf die politische Debatte formulierte Sewing seine Erwartung an die Regierungsparteien deutlich: „Koalitionsparteien sollten nicht über den Rückweg sprechen, sondern das Angekündigte konsequent umsetzen.“ Die bisher vereinbarten Maßnahmen könnten aus seiner Sicht zudem nur ein Anfang sein. „Reformen können zunächst wehtun“, sagte Sewing. Er zeigte sich zugleich überzeugt, dass ein entschlossener Reformkurs wirtschaftlich und politisch positive Auswirkungen haben könne.
Hintergrund der Aussagen ist vor allem das Reformpaket, auf das sich die Regierungskoalition Anfang Juli verständigt hatte. Union und SPD vereinbarten insgesamt 34 Maßnahmen in den Bereichen Steuern, Arbeitsmarkt, soziale Sicherung und Bürokratie. Sewing hatte die Einigung bereits damals grundsätzlich begrüßt. Nun richtet sich sein Augenmerk auf die tatsächliche Umsetzung der Reformen der Bundesregierung.
Zu den zentralen Vorhaben gehört eine Reform der Einkommensteuer. Sie soll vor allem Familien sowie Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen entlasten und zum 1. Januar 2027 greifen. Vorgesehen sind unter anderem höhere Grund- und Kinderfreibeträge sowie Änderungen beim Kindergeld und beim Arbeitnehmerpauschbetrag. Das jährliche Entlastungsvolumen soll nach den Planungen bei rund zehn Milliarden Euro liegen. Zur Gegenfinanzierung sollen sehr hohe Einkommen stärker belastet werden. Für Einkommen ab bestimmten Schwellen sind Änderungen beim Spitzen- und sogenannten Reichensteuersatz geplant.
Daneben hat die Bundesregierung bereits steuerliche Anreize für Unternehmensinvestitionen auf den Weg gebracht. Unternehmen können für bestimmte Ausrüstungsinvestitionen zeitweise höhere Abschreibungen nutzen. Ab 2028 soll zudem die Körperschaftsteuer schrittweise sinken. Damit will die Koalition private Investitionen anregen und die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts verbessern.
Ein weiterer Schwerpunkt ist der Abbau staatlicher Vorgaben. Die Bundesregierung beziffert die seit dem ersten sogenannten Entlastungskabinett auf den Weg gebrachten Entlastungen für Bürger und Unternehmen auf rund zehn Milliarden Euro. Im Juli folgte ein zweites Paket mit weiteren Maßnahmen.
Die Koalition will zahlreiche Berichts- und Dokumentationspflichten abschaffen. Ministerien sollen künftig begründen müssen, wenn bestimmte Berichtspflichten bestehen bleiben sollen. Daneben ist eine Genehmigungsfiktion vorgesehen. Bei bestimmten Verfahren soll ein Antrag nach einer festgelegten Frist als genehmigt gelten, wenn die zuständige Behörde nicht entschieden hat. Auch Unternehmensgründungen, Steuerverfahren und Verwaltungsleistungen sollen stärker digitalisiert werden.
Ein Teil dieses Modernisierungskurses ist bereits umgesetzt. Im Juli trat unter anderem das Infrastruktur-Zukunftsgesetz in Kraft, das Planungs- und Vergabeverfahren beschleunigen soll. Weitere Vorhaben befinden sich noch im Gesetzgebungsverfahren oder müssen in einzelnen Ressorts konkretisiert werden.
Die Deutsche Industrie- und Handelskammer hatte das Reformpaket grundsätzlich positiv bewertet und insbesondere den geplanten Abbau von Berichtspflichten hervorgehoben. Zugleich fordert die Wirtschaft eine schnellere Umsetzung. Auch Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger begrüßte den eingeschlagenen Kurs, erklärte aber, dass weitere Schritte zur Senkung von Sozialabgaben und zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit erforderlich seien.
Besonders weitreichende Entscheidungen stehen bei der Alterssicherung an. Seit Januar gelten bereits die Aktivrente und das Rentenpaket 2025. Im Mai trat zudem die Reform der steuerlich geförderten privaten Altersvorsorge in Kraft, deren praktische Umsetzung Anfang 2027 beginnen soll. Im August beschloss die Bundesregierung außerdem die Frühstart-Rente für Kinder.
Damit ist die grundsätzliche Reform der gesetzlichen Alterssicherung jedoch noch nicht abgeschlossen. Die Bundesregierung will Empfehlungen der Alterssicherungskommission in ein weiteres Gesetzespaket überführen. Nach ihrer bisherigen Planung soll die Rentenreform noch bis Ende 2026 den Bundestag passieren.
Auch bei Gesundheit und Sozialstaat sind Veränderungen angelaufen. Seit Juli ersetzt die neue Grundsicherung schrittweise das bisherige Bürgergeldsystem. Sie soll die Vermittlung arbeitsfähiger Leistungsbezieher beschleunigen und bei fehlender Mitwirkung stärkere Konsequenzen ermöglichen. Im Gesundheitsbereich wurden bereits Maßnahmen zur Stabilisierung der Krankenkassenbeiträge beschlossen.
Umstritten sind dagegen mehrere arbeitsmarktpolitische Elemente des Reformpakets. Die Koalition will sachgrundlose Befristungen künftig für einen längeren Zeitraum ermöglichen. Hinzu kommen Änderungen bei den Regeln zur Krankschreibung. Gewerkschaften kritisieren diese Vorhaben. Der DGB begrüßte zwar die geplante steuerliche Entlastung kleiner und mittlerer Einkommen, lehnt aber unter anderem die Ausweitung sachgrundloser Befristungen und Verschärfungen bei Krankmeldungen ab.
Parallel zu den Strukturreformen hat der Bund seine Investitionsausgaben deutlich erhöht. Kern ist das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität mit einem Kreditrahmen von 500 Milliarden Euro über zwölf Jahre. Das Geld ist für Straßen, Schienen, Brücken, Schulen, Digitalisierung und weitere Infrastrukturvorhaben vorgesehen. Für Länder und Kommunen sind davon 100 Milliarden Euro eingeplant.
Im Bundeshaushalt 2026 sind unter Einbeziehung des Sondervermögens und des Klima- und Transformationsfonds Investitionen von mehr als 128 Milliarden Euro vorgesehen. Gleichzeitig steigt die staatliche Verschuldung. Im ersten Halbjahr 2026 lag das Finanzierungsdefizit des Staates bei 71,3 Milliarden Euro. Die Defizitquote lag bei 3,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Damit steht die Bundesregierung vor der Aufgabe, zusätzliche öffentliche Investitionen, Steuerentlastungen und höhere Ausgaben für Verteidigung und soziale Sicherung miteinander zu verbinden. Genau an diesem Punkt setzt auch Sewings Forderung nach verlässlicher Umsetzung an. Für Unternehmen sind nicht nur die angekündigten Entlastungen entscheidend, sondern auch die Frage, welche Regeln tatsächlich in Kraft treten und wie dauerhaft sie gelten.
Die deutsche Konjunktur hat sich 2026 zuletzt etwas besser entwickelt als zunächst erwartet. Das Bruttoinlandsprodukt stieg im zweiten Quartal preis-, saison- und kalenderbereinigt um 0,3 Prozent gegenüber den ersten drei Monaten des Jahres. Im ersten Quartal hatte das Wachstum bei 0,4 Prozent gelegen. Gegenüber dem zweiten Quartal 2025 lag die Wirtschaftsleistung real um 1,0 Prozent höher.
Damit hat Deutschland nach einer längeren Phase schwacher wirtschaftlicher Entwicklung wieder an Dynamik gewonnen. Die strukturellen Probleme bleiben jedoch bestehen. Hohe Energie- und Arbeitskosten, Fachkräftemangel, demografischer Wandel, eine hohe Regulierungsdichte sowie der zunehmende Wettbewerb aus China und anderen Weltregionen belasten insbesondere exportorientierte Industrieunternehmen.
Ökonomen hatten das Reformpaket der Koalition deshalb überwiegend als möglichen Wachstumsimpuls bewertet, zugleich aber auf die Bedeutung der tatsächlichen Umsetzung verwiesen. Der Effekt struktureller Änderungen zeigt sich zudem häufig erst über mehrere Jahre.
Sewings Forderung kommt zugleich aus einer Bankenbranche, deren große deutsche Institute zuletzt deutlich stärkere Ergebnisse vorgelegt haben. Die Deutsche Bank erzielte im zweiten Quartal 2026 einen Gewinn nach Steuern von 1,9 Milliarden Euro. Für das gesamte erste Halbjahr lag der Nettogewinn bei 4,1 Milliarden Euro. Beides waren nach Angaben des Instituts neue Höchstwerte für die jeweiligen Vergleichszeiträume.
Auch die Commerzbank meldete für das erste Halbjahr ein Rekordergebnis. Der Konzerngewinn lag bei 1,8 Milliarden Euro, davon entfielen 898 Millionen Euro auf das zweite Quartal. Die beiden großen börsennotierten deutschen Privatbanken profitieren damit von einer deutlich stärkeren Ertragslage als noch vor einigen Jahren.
Gleichzeitig sieht die Branche erheblichen Finanzierungsbedarf für Infrastruktur, Digitalisierung, Energieversorgung, Verteidigung und den industriellen Umbau Europas. Die Bundesregierung setzt deshalb stärker auf private Investoren und Kapitalmärkte. Der Deutschlandfonds soll zusätzlich privates Kapital mobilisieren. Auch eine stärkere kapitalgedeckte Altersvorsorge könnte die Rolle der Finanzmärkte langfristig vergrößern.
Auf dem Banken-Gipfel beschränkte Sewing sich nicht auf wirtschaftspolitische Forderungen. Wenige Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt warnte er vor einer stärkeren politischen Polarisierung und vor Konzepten, die auf Abschottung und Nationalismus setzen. Offenheit, internationale Zusammenarbeit, verlässliche Institutionen und ein starkes Europa seien aus seiner Sicht Grundlagen des wirtschaftlichen Erfolgs Deutschlands.
Damit verbindet der Deutsche-Bank-Chef seine Forderung nach Reformen mit der Standortdebatte. Für ihn sind Wachstum, Investitionen und politische Stabilität eng miteinander verknüpft. Die Bundesregierung hat inzwischen zahlreiche Maßnahmen beschlossen oder vereinbart. Ob daraus die von Wirtschaft und Regierung erhoffte dauerhafte Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit entsteht, hängt nun wesentlich davon ab, wie schnell und in welcher endgültigen Form die noch offenen Reformen gesetzlich umgesetzt werden.
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