Statine im hohen Alter: Neue Studie prüft Folgen des Absetzens

Ein Schild zeigt Warnung
Symbolbild mit KI erstellt

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Statine gehören zu den am häufigsten eingesetzten Medikamenten zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Doch gerade bei Menschen jenseits des 75. Lebensjahres ist die wissenschaftliche Datenlage weniger eindeutig als bei jüngeren Erwachsenen. Eine neue randomisierte Studie aus Frankreich liefert nun wichtige Erkenntnisse zu einer bislang nur unzureichend beantworteten Frage: Was geschieht, wenn ältere Menschen ein Statin absetzen, obwohl sie noch keinen Herzinfarkt, Schlaganfall oder eine andere atherosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankung hatten?

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Die Ergebnisse der sogenannten SAGA/SITE-Studie wurden 2026 im Fachjournal The Lancet Healthy Longevity veröffentlicht. Bei den untersuchten Menschen führte das Absetzen innerhalb von drei Jahren nicht zu einer höheren Gesamtsterblichkeit als die Fortführung der Behandlung. Allerdings lässt sich daraus nicht ableiten, dass Statine im höheren Alter generell überflüssig sind. Die Studie untersuchte eine eng definierte Patientengruppe und ist insbesondere nicht auf Menschen mit bereits bestehender Herz-Kreislauf-Erkrankung übertragbar.

SAGA/SITE-Studie untersuchte mehr als 1.100 ältere Menschen

An der multizentrischen Phase-3-Studie beteiligten sich 297 hausärztliche Praxen in Frankreich. Zwischen Juni 2016 und Januar 2020 wurden 1.180 Menschen ab 75 Jahren randomisiert. Für die zentrale Analyse standen Daten von 1.160 Teilnehmenden zur Verfügung. Das Medianalter lag bei 80 Jahren, rund zwei Drittel waren Frauen.

Alle Teilnehmenden hatten seit mindestens einem Jahr ein Statin eingenommen, ausschließlich zur Primärprävention. Sie hatten also zuvor keine diagnostizierte atherosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankung. Menschen mit diagnostizierter Demenz, bestimmten erblichen Fettstoffwechselstörungen oder einer fortschreitenden Erkrankung mit einer Lebenserwartung von höchstens drei Monaten waren von der Studie ausgeschlossen.

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Die Teilnehmenden wurden einer Gruppe zugeteilt, die ihre Statintherapie fortsetzte, oder einer Gruppe, in der sie beendet wurde. Die Nachbeobachtung dauerte 36 Monate. Primärer Endpunkt war die Gesamtsterblichkeit.

Nach drei Jahren kein Unterschied bei der Sterblichkeit

Nach 36 Monaten waren in der für diesen Endpunkt ausgewerteten Fortsetzungsgruppe 48 von 604 Menschen gestorben, entsprechend 7,9 Prozent. In der Absetzgruppe waren es 35 von 484 oder 7,2 Prozent. Der absolute Unterschied lag bei minus 0,68 Prozentpunkten. Das 95-Prozent-Konfidenzintervall reichte von minus 3,95 bis plus 2,60 Prozentpunkten.

Damit erfüllte das Absetzen das zuvor festgelegte statistische Kriterium der Nichtunterlegenheit bei der Gesamtsterblichkeit. Eine solche Nichtunterlegenheitsstudie prüft allerdings nicht, ob beide Strategien vollkommen gleichwertig sind. Sie untersucht, ob die schlechtere Variante mit ausreichender statistischer Sicherheit nicht über eine vorher definierte Grenze hinaus schlechter abschneidet.

Auch bei schweren Herz-Kreislauf-Ereignissen zeigte sich in der Studie kein statistisch gesicherter Unterschied zwischen den Gruppen. Wegen der begrenzten Teilnehmerzahl lassen sich kleinere Unterschiede bei vergleichsweise seltenen Ereignissen jedoch schwieriger erkennen als Veränderungen bei häufigeren Endpunkten.

Überraschend wenig änderte sich nach dem Absetzen

Ein weiterer Befund ist für die Einordnung wichtig. Wer weniger Medikamente einnimmt, könnte theoretisch von weniger Nebenwirkungen, einer geringeren Medikamentenbelastung oder einer besseren Lebensqualität profitieren. In SAGA/SITE ließ sich ein solcher Vorteil durch das Absetzen jedoch nicht klar nachweisen.

Die allgemeine Rate unerwünschter Ereignisse war nahezu identisch. Sie lag bei 73,1 Prozent in der Gruppe mit fortgesetzter Statintherapie und bei 74,0 Prozent in der Absetzgruppe. Auch nicht kardiovaskuläre unerwünschte Ereignisse traten praktisch gleich häufig auf. Zusätzliche Auswertungen fanden ebenfalls keinen erkennbaren Vorteil bei Lebensqualität, kognitiver Funktion, körperlicher Funktionsfähigkeit oder allgemeiner Symptombelastung.

Gerade dieser Befund ist bemerkenswert. Die neue Studie liefert keine Hinweise darauf, dass das Weglassen des Statins in dieser Gruppe automatisch zu einem spürbaren gesundheitlichen Gewinn führt.

Welche Nebenwirkungen von Statinen tatsächlich belegt sind

Statine gelten insgesamt als gut untersuchte Arzneimittel. Zu den bekanntesten Beschwerden, die mit ihnen in Verbindung gebracht werden, gehören Muskelschmerzen. Kontrollierte Studien zeigen allerdings, dass nur ein Teil der während einer Statinbehandlung berichteten Muskelbeschwerden tatsächlich durch das Medikament verursacht wird. Schwere Muskelschäden sind selten.

Gut belegt ist zudem ein kleiner Anstieg des Risikos, neu an Typ-2-Diabetes zu erkranken. Der Effekt betrifft vor allem Menschen, bei denen ohnehin Risikofaktoren für Diabetes bestehen. In einer häufig zitierten Meta-Analyse randomisierter Studien entsprach der zusätzliche Effekt ungefähr einem weiteren Diabetesfall je 255 über vier Jahre mit Statinen behandelten Personen. Gleichzeitig wurden in dieser Größenordnung mehrere schwere Gefäßereignisse verhindert.

Immer wieder diskutierte mögliche Auswirkungen auf Gedächtnis und Denkfähigkeit sind dagegen in randomisierten Studien nicht überzeugend bestätigt worden. Große Fachgesellschaften sehen derzeit keine belastbaren Belege dafür, dass Statine generell Demenz oder einen dauerhaften kognitiven Abbau verursachen.

Frühere Beobachtungsstudien kamen teilweise zu anderem Ergebnis

Die neue Untersuchung steht nicht isoliert. Eine große französische Registerstudie hatte bereits 2019 mehr als 120.000 Menschen untersucht, die mit 75 Jahren Statine zur Primärprävention einnahmen. Die durchschnittliche Beobachtungsdauer lag bei 2,4 Jahren. Bei Menschen, die ihre Statine absetzten, war das statistisch ermittelte Risiko einer Krankenhauseinweisung wegen eines Herz-Kreislauf-Ereignisses um 33 Prozent höher als bei Menschen, die die Behandlung fortführten.

Eine dänische Kohortenstudie mit 67.418 langfristigen Statinnutzern ab 75 Jahren kam ebenfalls zu einem Zusammenhang zwischen dem Absetzen und mehr schweren Herz-Kreislauf-Ereignissen. Die mediane Nachbeobachtung lag bei 5,5 Jahren in der Primärpräventionsgruppe und bei 4,2 Jahren bei Menschen mit bereits vorhandener Herz-Kreislauf-Erkrankung.

Solche Beobachtungsstudien können allerdings nicht zweifelsfrei klären, ob das Absetzen selbst für den Unterschied verantwortlich ist. Menschen beenden Medikamente beispielsweise häufiger, wenn sich ihr Allgemeinzustand verschlechtert, andere Krankheiten hinzukommen oder sich die Behandlungsziele verändern. Eine Randomisierung wie in SAGA/SITE verringert solche Verzerrungen erheblich.

Ergebnisse gelten nicht für Menschen nach Herzinfarkt oder Schlaganfall

Für die Interpretation ist die Unterscheidung zwischen Primär- und Sekundärprävention zentral. SAGA/SITE untersuchte ausschließlich ältere Menschen ohne bekannte atherosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankung. Aussagen über Menschen, die bereits einen Herzinfarkt, einen ischämischen Schlaganfall oder eine andere manifeste Gefäßerkrankung hatten, lassen sich daraus nicht ableiten.

Auch für deutlich jüngere Menschen beantwortet die Studie die Frage nicht. Ebenso wenig untersuchte sie, ob Menschen jenseits des 75. Lebensjahres erstmals eine Statintherapie beginnen sollten. Gegenstand war ausschließlich die Fortsetzung oder Beendigung einer bereits bestehenden Behandlung zur Primärprävention.

Die Frage Statine absetzen im Alter lässt sich deshalb auch nach der neuen Studie nicht mit einem allgemeinen Ja oder Nein beantworten. Alter, bisherige Herz-Kreislauf-Erkrankungen, individuelle Risikofaktoren, Begleiterkrankungen und die ursprüngliche Begründung für die Statintherapie unterscheiden sich erheblich.

Neue Studie verändert vor allem die wissenschaftliche Abwägung

SAGA/SITE schließt eine wichtige Lücke, weil erstmals eine größere randomisierte Studie speziell die Beendigung einer langfristigen Statintherapie zur Primärprävention bei Menschen ab 75 Jahren untersucht hat. Für die ausgewählte Studienpopulation zeigte sich über drei Jahre keine höhere Gesamtsterblichkeit durch das Absetzen. Gleichzeitig ergaben sich aber auch keine nachweisbaren Verbesserungen bei Lebensqualität, Beschwerden oder unerwünschten Ereignissen.

Für einzelne Patientinnen und Patienten können Studienergebnisse nur einen Teil der medizinischen Beurteilung liefern. Die Resultate lassen sich nicht automatisch auf individuelle Krankheitsverläufe oder andere Risikogruppen übertragen. Besonders die gut belegte Rolle von Statinen bei bereits bestehender atherosklerotischer Herz-Kreislauf-Erkrankung wird durch die neue Untersuchung nicht infrage gestellt.

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