
Die Strompreise in Deutschland könnten nach dem jüngsten deutlichen Anstieg in den kommenden Jahren wieder sinken. Prognosen von Energieanalysten sprechen dafür, dass vor allem ein wachsendes Angebot aus Wind- und Solarenergie den Großhandelspreis langfristig dämpfen kann. Für private Haushalte und Unternehmen bedeutet das allerdings nicht automatisch eine Rückkehr zu den niedrigen Stromkosten früherer Jahre. Netzausbau, Reservekraftwerke, Steuern und Umlagen bleiben wichtige Kostenfaktoren.
Aktuell ist die Situation noch von hohen Energiepreisen geprägt. Nach Angaben des Analysehauses ICIS, über dessen Berechnungen das Handelsblatt am 20. September 2026 berichtete, lag der Preis für Stromlieferungen im vierten Quartal 2026 zuletzt bei mehr als 170 Euro je Megawattstunde. Der starke Anstieg hängt wesentlich mit den höheren Gaspreisen infolge des Konflikts im Nahen Osten zusammen. Gaskraftwerke können insbesondere in Stunden mit wenig Wind- und Solarstrom den Börsenpreis bestimmen.
Die ICIS-Prognose geht davon aus, dass sich das hohe Preisniveau der zweiten Jahreshälfte 2026 nicht dauerhaft fortsetzt. Für die kommenden Jahre werden wieder niedrigere Großhandelspreise erwartet. Dabei handelt es sich um eine Modellrechnung, deren Ergebnis unter anderem von Gaspreisen, Stromnachfrage, Kraftwerkskapazitäten und dem weiteren Ausbau erneuerbarer Energien abhängt.
Ein wichtiger Faktor ist die zunehmende Stromerzeugung aus Wind- und Solaranlagen. Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE bezifferte den Anteil erneuerbarer Energien an der öffentlichen Nettostromerzeugung im ersten Halbjahr 2026 auf 61,8 Prozent. Allein Photovoltaikanlagen erzeugten in diesem Zeitraum 43,2 Terawattstunden und erreichten damit einen neuen Höchstwert.
Wie stark dieser Effekt sein kann, zeigte sich bereits im Frühjahr. Nach Berechnungen des Fraunhofer ISE stieg der Erdgaspreis von Februar auf März 2026 um 48 Prozent. Trotzdem sank der durchschnittliche Börsenstrompreis im weiteren Verlauf, weil Wind- und Solarstrom einen wachsenden Teil der Nachfrage deckten. Im April wäre der Börsenstrompreis nach Berechnungen des Instituts ohne die starke erneuerbare Erzeugung deutlich höher ausgefallen.
Beim Haushaltsstrom ist der Börsenpreis nur ein Teil der Rechnung. Hinzu kommen Netzentgelte, Stromsteuer, Umsatzsteuer, Umlagen sowie Kosten für Vertrieb und Messstellenbetrieb. Deshalb schlagen sinkende Großhandelspreise nicht unmittelbar und nicht vollständig auf die Stromrechnung durch.
Die Bundesnetzagentur hatte für Januar 2026 einen modellierten Neukundenpreis von durchschnittlich 34,9 Cent je Kilowattstunde ausgewiesen. Das waren rund sieben Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Im Jahr 2025 hatte der von der Behörde erfasste durchschnittliche Strompreis über alle Vertragsarten hinweg zum Stichtag 1. April noch bei 40,05 Cent je Kilowattstunde gelegen.
Inzwischen liegen viele Neuangebote darunter. Verivox bezifferte den durchschnittlichen Neukundenpreis am 18. September 2026 auf rund 30 Cent je Kilowattstunde bei einem Jahresverbrauch von 4.000 Kilowattstunden. Die Werte schließen Tarife mit zwölfmonatiger Preisgarantie und Boni ein und sind deshalb nicht direkt mit Durchschnittspreisen aller bestehenden Verträge vergleichbar.
Gerade Haushalte in älteren Verträgen oder in der Grundversorgung können deshalb weiterhin deutlich mehr bezahlen als Neukunden.
Zusätzliche Entlastung soll über die Netzentgelte kommen. Für 2026 stellt der Bund dafür 6,5 Milliarden Euro bereit. Nach Angaben der Bundesregierung kann die Entlastung bei einem Haushalt mit 3.500 Kilowattstunden Jahresverbrauch rechnerisch etwa 100 Euro ausmachen.
Das Bundeskabinett hat Anfang September zudem beschlossen, die Förderung fortzuführen. Für die Jahre 2027 bis 2029 sollen jeweils 5,525 Milliarden Euro aus dem Klima- und Transformationsfonds bereitgestellt werden. Die genaue Höhe der Netzentgelte für 2027 steht allerdings noch nicht fest, weil die Netzbetreiber ihre Kalkulationen erst vorlegen müssen.
Eine generelle Senkung der Stromsteuer für private Haushalte ist dagegen bislang nicht beschlossen. Für rund 600.000 Unternehmen des produzierenden Gewerbes sowie für die Land- und Forstwirtschaft gilt seit Anfang 2026 dauerhaft der europäische Mindeststeuersatz.
Für energieintensive Unternehmen ist die Entwicklung besonders relevant, weil Stromkosten unmittelbar über die internationale Wettbewerbsfähigkeit entscheiden können. Neben der reduzierten Stromsteuer hat die Bundesregierung für die Jahre 2026 bis 2028 einen Industriestrompreis eingeführt. Die Europäische Kommission genehmigte die Regelung im April 2026, die entsprechende Förderrichtlinie trat im Mai in Kraft.
Für begünstigte energieintensive Betriebe können Teile des Stromverbrauchs damit zu staatlich gestützten Konditionen abgerechnet werden. Daneben besteht die Strompreiskompensation für Unternehmen, die besonders stark durch den europäischen Emissionshandel belastet sind.
Deutschland steht dabei im Wettbewerb mit Ländern, in denen Strom teilweise deutlich günstiger produziert oder stärker staatlich vergünstigt wird. International gewinnt günstige Elektrizität zusätzlich an Bedeutung, weil Industrieprozesse, Verkehr, Wärmeversorgung und Rechenzentren zunehmend elektrifiziert werden. Auch die Internationale Energieagentur erwartet, dass die weltweite Stromnachfrage erheblich schneller wächst als der gesamte Energieverbrauch.
Dass Strom aus neuen Wind- und Solaranlagen günstig erzeugt werden kann, bedeutet deshalb nicht, dass auch der Endkundenpreis im gleichen Umfang sinkt. Der Ausbau der Stromnetze erfordert hohe Investitionen. Gleichzeitig braucht das System Speicher, flexible Verbraucher und Kraftwerke, die einspringen können, wenn wenig erneuerbarer Strom verfügbar ist.
Bereits der BDEW hatte in einer längerfristigen Analyse darauf hingewiesen, dass steigende Investitionen in Übertragungs- und Verteilnetze die Netzentgelte perspektivisch erhöhen können. Auch Verbraucher mit wenig Möglichkeiten, ihren Verbrauch zeitlich zu verschieben, können höhere Kosten für die jederzeitige Bereitstellung von Strom tragen.
Auf der Erzeugungsseite sprechen die langfristigen Kosten dagegen für erneuerbare Energien. Nach Berechnungen des Fraunhofer ISE liegen die Stromgestehungskosten neuer Photovoltaik- und Windanlagen bereits unter denen vieler konventioneller Kraftwerke. Bis 2045 erwartet das Institut weitere Kostensenkungen für Solarstrom. Flexible Gas- oder später Wasserstoffkraftwerke bleiben dagegen vergleichsweise teuer, werden aber für Zeiten mit geringer erneuerbarer Erzeugung benötigt.
Damit deutet sich für Deutschland ein zweigeteiltes Bild an: Die eigentliche Stromerzeugung könnte mit mehr Wind- und Solarenergie günstiger werden. Gleichzeitig sorgen Netze, Reservekapazitäten, Steuern und weitere Systemkosten dafür, dass sinkende Strompreise an der Börse nicht eins zu eins bei Haushalten und Unternehmen ankommen.
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