
Südkorea erhöht im Streit mit der Ukraine über zwei nordkoreanische Kriegsgefangene den diplomatischen Druck. Präsident Lee Jae Myung kündigte am Freitag, 2. Oktober 2026, weitere Schritte an, sollte Kyiv weiterhin bestreiten, dass die Übergabe der beiden Männer vertraulich behandelt werden sollte, und keine offizielle Entschuldigung abgeben. Welche konkreten Maßnahmen Südkorea erwägt, ließ Lee offen. Damit hat sich der Konflikt um die Veröffentlichung der Gefangenenübergabe deutlich verschärft.
Im Mittelpunkt steht eine öffentliche Aussage des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Er hatte bei seiner Rede vor der UN-Generalversammlung in New York erklärt, dass die Ukraine zwei gefangene nordkoreanische Soldaten an Südkorea übergeben habe. Die Männer waren zuvor in ukrainische Gefangenschaft geraten, nachdem sie auf russischer Seite eingesetzt worden waren. Selenskyjs Rede ist auf der offiziellen Internetseite des ukrainischen Präsidenten dokumentiert.
Die südkoreanische Regierung reagierte verärgert auf die öffentliche Bekanntgabe. Nach Darstellung Seouls hatten beide Staaten vereinbart, die Übergabe vertraulich zu behandeln. Südkoreanische Regierungsvertreter begründen dies unter anderem mit dem Schutz der beiden Soldaten und ihrer in Nordkorea lebenden Familien. Die Regierung verlangt deshalb von der Ukraine eine Erklärung und eine Entschuldigung.
Am Freitag erklärte ein hochrangiger Vertreter des südkoreanischen Außenministeriums, die Geheimhaltung sei bereits zu Beginn der Gespräche über die Übergabe vereinbart worden. Seoul verfüge zudem über schriftliche diplomatische Aufzeichnungen, die diese Darstellung stützen sollen. Öffentlich vorgelegt wurden diese Dokumente bislang nicht. Eine unabhängige Bestätigung ihres Inhalts liegt deshalb nicht vor.
Die Ukraine widerspricht der Darstellung. Aus Kyiv hieß es, eine entsprechende Geheimhaltungsvereinbarung habe nicht bestanden. Genau daran entzündet sich der aktuelle Konflikt. Präsident Lee warf der ukrainischen Seite vor, die Existenz einer Vereinbarung zu bestreiten, obwohl Südkorea von deren Bestehen ausgehe. Er kündigte daraufhin nicht näher bezeichnete „zusätzliche Maßnahmen“ an, falls Kyiv bei seiner Position bleibe und keine offizielle Entschuldigung abgebe.
Parallel laufen direkte diplomatische Gespräche. Nach Angaben aus Seoul stehen der südkoreanische Außenminister Cho Hyun und sein ukrainischer Amtskollege Andrij Sybiha in Kontakt. Diskutiert wird demnach auch darüber, wie eine mögliche ukrainische Erklärung zu dem Streit formuliert werden könnte. Eine Einigung über den Inhalt einer solchen Erklärung war zunächst nicht bekannt.
Sybiha bemühte sich zuletzt um eine weniger konfrontative Darstellung. Er bezeichnete den Vorgang als diplomatisches Missverständnis und betonte die Bedeutung der Beziehungen zu Südkorea. Die Ukraine wolle die Angelegenheit kurzfristig lösen und die Zusammenarbeit fortsetzen.
Damit ist die Lage widersprüchlich: Südkorea sieht einen Vertrauensbruch und verlangt eine Entschuldigung, während die Ukraine bestreitet, gegen eine Geheimhaltungsvereinbarung verstoßen zu haben. Welche Folgen Seoul tatsächlich ziehen könnte, ist offen. Präsident Lee nannte weder diplomatische noch wirtschaftliche oder sicherheitspolitische Schritte konkret.
Die beiden nordkoreanischen Soldaten waren Anfang 2025 von ukrainischen Kräften gefangen genommen worden. Nordkorea hatte zuvor Soldaten zur Unterstützung Russlands entsandt. Die militärische Zusammenarbeit zwischen Moskau und Pjöngjang spielt inzwischen eine wichtige Rolle im Ukrainekrieg und hat zugleich unmittelbare Bedeutung für die Sicherheitslage auf der koreanischen Halbinsel.
Selenskyj verwies in seiner UN-Rede ausdrücklich auf den Einsatz nordkoreanischer Soldaten durch Russland. In diesem Zusammenhang machte er auch die Übergabe der beiden Gefangenen an Südkorea öffentlich. Die nordkoreanischen Kriegsgefangenen in Südkorea sind damit nicht nur Teil einer humanitären und rechtlichen Frage, sondern zugleich Bestandteil eines empfindlichen außenpolitischen Verhältnisses zwischen Seoul und Kyiv.
Südkorea unterstützt die Ukraine seit Beginn der russischen Invasion unter anderem mit humanitärer und nicht tödlicher Hilfe, hat sich bei direkten Waffenlieferungen jedoch zurückhaltender gezeigt als mehrere westliche Staaten. Gleichzeitig ist Seoul besonders an Informationen über die militärische Kooperation zwischen Nordkorea und Russland interessiert. Die jüngste Auseinandersetzung trifft deshalb zwei Staaten, die trotz unterschiedlicher regionaler Interessen in mehreren sicherheitspolitischen Fragen zusammenarbeiten.
Die Formulierung Lees vom Freitag stellt eine deutliche Verschärfung gegenüber den bisherigen südkoreanischen Forderungen nach einer Erklärung und Entschuldigung dar. Was unter den angekündigten zusätzlichen Maßnahmen zu verstehen ist, sagte der Präsident jedoch nicht. Hinweise auf bereits beschlossene Sanktionen, einen Abbruch diplomatischer Kontakte oder konkrete Änderungen bei der Unterstützung für die Ukraine lagen zunächst nicht vor.
Damit konzentriert sich der Streit vorerst auf zwei Fragen: ob zwischen beiden Regierungen tatsächlich Vertraulichkeit vereinbart worden war und ob sich die Ukraine dafür entschuldigt, die Übergabe öffentlich gemacht zu haben. Während Seoul auf schriftliche Aufzeichnungen verweist, hält Kyiv an seiner gegenteiligen Darstellung fest. Gleichzeitig sprechen beide Außenminister weiter miteinander. Eine diplomatische Lösung ist damit weiterhin Gegenstand laufender Gespräche.






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