
Beim Gedenken an den rechtsextremen Anschlag auf die Synagoge in Halle ist es am Freitag (9. Oktober 2026) zu einem Protest gegen den AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider gekommen. Mitglieder der Jüdischen Studierendenunion Deutschland stellten sich dem neuen Vizepräsidenten des Landtags von Sachsen-Anhalt vor dem Synagogengelände entgegen. Eine Menschenkette verhinderte, dass Tillschneider an der Gedenkveranstaltung teilnehmen konnte. Die Polizei vermittelte zwischen den Beteiligten. Der Politiker verließ schließlich den Ort.
Der Vorfall ereignete sich am Freitagmittag vor der Synagoge in der Humboldtstraße. Tillschneider wollte nach Angaben der Polizeiinspektion Halle kurz vor Beginn der Gedenkveranstaltung das Gelände betreten. Mehrere Menschen versperrten ihm jedoch den Zugang.
Nach Angaben des Evangelischen Pressedienstes beteiligten sich zwölf Personen an der Menschenkette, darunter jüdische Studierende. Die Polizei bewertete den Protest als spontane Versammlung. Vertreter der zuständigen Versammlungsbehörde versuchten, zwischen den Beteiligten zu vermitteln.
Die Situation blieb nach Polizeiangaben ruhig. Auch nach längeren Gesprächen erhielt Tillschneider keinen Zugang zum Gelände. Er entschied sich daraufhin, die Veranstaltung zu verlassen. Von gewaltsamen Auseinandersetzungen war nicht die Rede.
An der Protestaktion waren Mitglieder der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD) beteiligt. Sie machten deutlich, dass sie die Anwesenheit des AfD-Politikers bei der Gedenkveranstaltung ablehnten.
JSUD-Präsident Ron Dekel begründete den Protest gegenüber der Jüdischen Allgemeinen mit der politischen Haltung Tillschneiders und der AfD. Die Studierenden wollten verhindern, dass Vertreter rechtsextremer Positionen durch ihre Teilnahme am Gedenken öffentliche Anerkennung erhielten. Dekel kritisierte zugleich, dass die Auseinandersetzung vor der Synagoge stattfand und dadurch die Erinnerung an die Opfer in den Hintergrund geriet.
Auch der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, äußerte deutliche Kritik an Tillschneiders Erscheinen. Er verwies darauf, dass die Jüdische Gemeinde den Jahrestag den Opfern widmen und eine politische Vereinnahmung verhindern wolle. Nach seiner Einschätzung widersprach der Teilnahmeversuch diesem Anliegen.
Über die Voraussetzungen für Tillschneiders Teilnahme gab es unterschiedliche Darstellungen. Der AfD-Politiker erklärte vor Ort, er sei zu der Veranstaltung eingeladen worden.
Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Halle, Max Privorozki, stellte gegenüber der Jüdischen Allgemeinen klar, dass Tillschneider keine persönliche Einladung erhalten habe. Allerdings handelte es sich um eine öffentliche Veranstaltung. Ein Hausverbot gegen den Politiker bestand nach Angaben des Gemeindevorsitzenden nicht.
Tillschneider äußerte sich später auch auf der Plattform X. Nach seiner Darstellung wollte er den Landtagspräsidenten Tobias Rausch bei der Gedenkveranstaltung vertreten. Er kritisierte das Verhalten der protestierenden Studierenden und erklärte, er habe den Ort schließlich aus Respekt vor seinem Amt verlassen.
Damit steht fest, dass Tillschneider nicht aufgrund eines ausgesprochenen Hausverbots ausgeschlossen wurde. Sein Zugang wurde durch die Menschenkette verhindert, während die Polizei zwischen den Beteiligten vermittelte.
Besondere politische Bedeutung erhält der Vorfall durch die neue Funktion Tillschneiders. Erst am Dienstag, 6. Oktober, wurde der AfD-Abgeordnete zum Vizepräsidenten des Landtags von Sachsen-Anhalt gewählt.
Bei der Abstimmung erhielt er 44 Ja-Stimmen und 38 Nein-Stimmen. Das geht aus dem offiziellen Sitzungsprotokoll des Landtags hervor. Ebenfalls neu im Amt ist Landtagspräsident Tobias Rausch, der ebenfalls der AfD angehört. Die Wahl des Landtagspräsidiums erfolgte während der konstituierenden Sitzung nach der Landtagswahl im September.
Der Landesverband der AfD Sachsen-Anhalt wird vom dortigen Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistische Bestrebung eingestuft. Die entsprechende Einstufung wurde bereits 2023 öffentlich bestätigt und im Verfassungsschutzbericht für 2025 erneut aufgeführt. Tillschneider gehört zu den führenden Politikern des Landesverbands.
Die Auseinandersetzung in Halle machte damit auch die Spannungen sichtbar, die sich aus der Übernahme parlamentarischer Spitzenämter durch Vertreter der AfD ergeben. Tillschneider wollte als stellvertretender Landtagspräsident an einer öffentlichen Gedenkveranstaltung teilnehmen, stieß dort jedoch auf den entschiedenen Widerstand jüdischer Studierender.
Hintergrund der Gedenkveranstaltung ist der antisemitische und rassistische Terroranschlag vom 9. Oktober 2019. Damals versuchte ein bewaffneter Rechtsextremist am jüdischen Feiertag Jom Kippur, in die Synagoge von Halle einzudringen. Im Gebäude hielten sich zahlreiche Menschen zum Gottesdienst auf.
Der Angreifer schoss auf den Eingangsbereich, konnte die verschlossene Tür jedoch nicht überwinden. Anschließend erschoss er eine 40-jährige Frau vor der Synagoge und einen 20 Jahre alten Mann in einem nahe gelegenen Imbiss. Weitere Menschen wurden verletzt.
Der Täter wurde 2020 vom Oberlandesgericht Naumburg zu lebenslanger Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Der Anschlag gilt als eines der schwersten rechtsextremen und antisemitischen Gewaltverbrechen der jüngeren deutschen Geschichte.
Der siebte Jahrestag stand im Zeichen der Erinnerung an die beiden Getöteten, die Verletzten und die Betroffenen des Anschlags. Um 12.03 Uhr, dem Zeitpunkt der ersten tödlichen Schüsse im Jahr 2019, wurde in Halle eine Schweigeminute abgehalten.
Zeitgleich läuteten in der Stadt die Kirchenglocken. Straßenbahnen hielten für eine Minute an. Am Denkmal auf dem Synagogengelände konnten Besucher nach jüdischer Tradition kleine Steine niederlegen.
An dem Gedenken an der Synagoge nahmen auch Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze und sein Amtsvorgänger Reiner Haseloff, beide CDU, teil. Für den späteren Nachmittag hatte die Stadt gemeinsam mit kirchlichen Vertretern zudem eine öffentliche Gedenkveranstaltung auf dem Marktplatz angekündigt.
Die Jüdische Gemeinde hatte im Vorfeld ausdrücklich betont, dass die Erinnerung an die Opfer und die Solidarität mit jüdischem Leben im Mittelpunkt des Jahrestages stehen sollten.
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