
Europa bleibt das wichtigste Tourismusziel der Welt, doch Besucher verteilen sich höchst ungleich über den Kontinent. Neue Regionaldaten von Eurostat machen sichtbar, wie groß die Unterschiede sind. Während manche Gebiete vergleichsweise wenig Fremdenverkehr verzeichnen, kommen in einzelnen Inselregionen rechnerisch mehr als 100 touristische Übernachtungen im Jahr auf jeden Einwohner.
Die Tourismusintensität in Europa ist damit vor allem an beliebten Inseln, Küstenabschnitten und in Teilen der Alpen außergewöhnlich hoch. Die Kennzahl setzt die Zahl der Übernachtungen in touristischen Beherbergungsbetrieben ins Verhältnis zur ständigen Bevölkerung. Sie zeigt damit eine andere Seite des Massentourismus als eine bloße Rangliste nach Besucherzahlen.
Im Durchschnitt der Europäischen Union lag die Tourismusintensität 2024 bei 6.725 Übernachtungen je 1.000 Einwohner. Das entspricht rund 6,7 Übernachtungen pro Einwohner. Nur 84 von 244 untersuchten EU Regionen lagen über diesem Durchschnitt.
An der Spitze steht die griechische Region Notio Aigaio, die Südliche Ägäis. Dort lag der Wert bei 126.817 Übernachtungen je 1.000 Einwohner, also knapp 127 Übernachtungen pro Einwohner. Damit lag die Intensität fast 19 Mal so hoch wie im EU Durchschnitt. Zur Region gehören unter anderem die Kykladen und der Dodekanes mit international bekannten Reisezielen wie Santorini, Mykonos, Kos und Rhodos.
Auch die Ionischen Inseln gehören zur europäischen Spitzengruppe. Aktuelle Eurostat Angaben weisen dort gut 100 Übernachtungen pro Einwohner aus. An dritter Stelle unter den besonders stark vom Tourismus geprägten Regionen folgt Südtirol beziehungsweise die Autonome Provinz Bozen mit knapp 69 Übernachtungen pro Einwohner.
Insgesamt gab es 2024 sieben EU Regionen mit mehr als 50 touristischen Übernachtungen je Einwohner. Neben der Südlichen Ägäis, den Ionischen Inseln und Kreta waren dies Südtirol, Tirol in Österreich, die kroatische Adriaküste Jadranska Hrvatska und die spanischen Balearen.
In mehreren Spitzenregionen ist der Tourismus zudem stark von internationalen Gästen abhängig. Auf Kreta entfielen 2024 nach Eurostat Angaben 94,4 Prozent der registrierten Übernachtungen auf Besucher aus dem Ausland. Auf den Ionischen Inseln lag der Anteil bei 93,5 Prozent, in der Südlichen Ägäis bei 92,2 Prozent.
Auch an der kroatischen Adriaküste, in Tirol und auf den Balearen kamen jeweils mehr als neun von zehn touristischen Übernachtungen von Gästen aus dem Ausland. Allein auf den Balearen wurden 2024 rund 73,8 Millionen Übernachtungen in Beherbergungsbetrieben gezählt, davon 66,6 Millionen durch internationale Gäste.
Absolute Besucherzahlen ergeben allerdings ein anderes Bild. Die Kanarischen Inseln waren 2024 mit 99,5 Millionen Übernachtungen die meistbesuchte EU Region. Dahinter folgten Katalonien mit 88,7 Millionen und die kroatische Adriaküste mit 88,4 Millionen Übernachtungen. Regionen mit großen Einwohnerzahlen können solche Mengen leichter aufnehmen, ohne bei der Pro Kopf Kennzahl an der Spitze zu landen.
Eine hohe Tourismusintensität allein beweist noch nicht, dass eine Region unter Overtourism leidet. Die Kennzahl beschreibt die Relation zwischen Übernachtungen und Bevölkerung über ein gesamtes Jahr. Sie sagt nicht aus, wie viele Menschen sich gleichzeitig an einem bestimmten Strand, in einer Altstadt oder auf einer Insel befinden.
Auch Tagesgäste werden durch die reine Übernachtungskennzahl nicht vollständig abgebildet. Ebenso spielen die saisonale Konzentration, verfügbare Verkehrswege, Wasserversorgung, Wohnraum und die räumliche Verteilung der Gäste eine wichtige Rolle.
Die Europäische Kommission nennt hohe Besucherzahlen, starke Saisonalität und hohe Tourismusintensität deshalb als unterschiedliche Risikofaktoren. Bei einer starken Konzentration können unter anderem Verkehrsprobleme, Umweltbelastungen, Konkurrenz um Flächen und Wohnraum sowie Belastungen für die Wasserversorgung entstehen. Gleichzeitig schafft der Tourismus Einkommen, Arbeitsplätze und Steuereinnahmen für die betroffenen Regionen.
Besonders deutlich versucht Griechenland inzwischen, Besucherströme an stark frequentierten Orten zu steuern. Für Kreuzfahrtpassagiere, die auf Santorini oder Mykonos an Land gehen, gilt in der Hauptsaison eine Abgabe von 20 Euro pro Person. In anderen griechischen Häfen liegt sie während dieses Zeitraums bei fünf Euro.
Im April, Mai und Oktober gelten reduzierte Beträge. In den Wintermonaten sinkt die Abgabe nochmals. Das griechische Tourismusministerium begründet die Maßnahmen mit einer besonders starken Belastung einzelner Reiseziele und nicht mit einem flächendeckenden Problem im gesamten Land.
Auch auf Mallorca, Ibiza, Menorca und Formentera wurden die Regeln verschärft. Die Regierung der Balearen hat 2025 einen neuen Rahmen zur Begrenzung des touristischen Wachstums beschlossen. Dazu gehören Einschränkungen für zusätzliche touristische Plätze und strengere Maßnahmen gegen illegale Ferienvermietungen. Neue touristische Plätze in Mehrfamilienhäusern sollen nicht mehr geschaffen werden.
Parallel versucht die Regionalregierung, Wohnungen wieder dem normalen Mietmarkt zuzuführen. Seit 2026 können auch bisher touristisch vermietete Wohnungen in ein Programm aufgenommen werden, über das sie Einwohnern zu begrenzten Preisen zur Verfügung gestellt werden. Zudem wurden Kontrollen gegen nicht genehmigte touristische Vermietungen verstärkt.
Die Balearen erheben außerdem bereits seit Jahren eine Steuer auf touristische Aufenthalte. Die Einnahmen fließen nach Angaben der Regionalregierung unter anderem in Umweltprojekte, Wasserversorgung, nachhaltigen Tourismus und den Erhalt des kulturellen Erbes. Für den Finanzierungsplan 2026 und 2027 stehen knapp 140 Millionen Euro für neue Projekte zur Verfügung.
Dass hohe Tourismusintensität kein ausschließlich mediterranes Phänomen ist, zeigt Südtirol. Die italienische Alpenregion gehört ebenfalls zu den am stärksten touristisch geprägten Gebieten Europas.
Die Landesregierung arbeitet dort mit einer Obergrenze für Gästebetten. Neue Kapazitäten können damit nicht unbegrenzt entstehen. Das System sieht Kontingente für verschiedene Formen touristischer Beherbergung vor und regelt, unter welchen Voraussetzungen frei werdende Betten neu vergeben werden können. Die Landesregierung bestätigte im April 2026, dass die grundsätzliche Bettenobergrenze bestehen bleibt.
Zusätzlich zur regionalen Konzentration bleibt die Saison ein entscheidender Faktor. 2025 entfielen 31,1 Prozent aller Übernachtungen in der EU allein auf Juli und August. In Kroatien lag dieser Anteil bei 54,5 Prozent, in Bulgarien bei 43,4 Prozent und in Griechenland bei 41,6 Prozent. Deutschland gehörte mit 24 Prozent zu den Ländern mit einer deutlich gleichmäßigeren Verteilung über das Jahr.
Damit zeigt die neue Auswertung zwei unterschiedliche Herausforderungen. Große Reiseziele müssen enorme absolute Besucherzahlen bewältigen. Kleinere Inseln, Küstenregionen und Alpengebiete stehen dagegen vor einer besonders hohen Zahl touristischer Übernachtungen im Verhältnis zu ihrer eigenen Bevölkerung.
Die europäischen Gegenmaßnahmen reichen inzwischen von Kreuzfahrtgebühren und Tourismusabgaben über Einschränkungen bei Ferienwohnungen bis zu Obergrenzen für Gästebetten. Auf EU Ebene gelten seit Mai 2026 zudem neue Transparenzvorschriften für kurzfristige Vermietungen über Onlineplattformen. Die EU Kommission will damit Behörden bessere Daten für lokale Regeln zur Verfügung stellen. Kurzzeitvermietungen machen nach ihren Angaben inzwischen rund ein Viertel des touristischen Beherbergungsangebots in der EU aus.
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