
Die US-Regierung erhöht in der angespannten Lage am internationalen Kraftstoffmarkt den Druck auf Deutschland und Frankreich. Washington fordert nach Angaben mehrerer mit den Gesprächen vertrauter Personen eine zusätzliche Freigabe strategischer Dieselbestände in Europa. Sollte es dazu nicht kommen, steht weiterhin eine Beschränkung amerikanischer Dieselausfuhren im Raum. US-Präsident Donald Trump bestätigte bereits am Mittwoch, dass seine Regierung regelmäßig über einen möglichen Exportstopp spricht.
Eine solche Entscheidung ist bislang nicht gefallen. Auch eine deutsche Zusage, zusätzliche Dieselreserven auf den Markt zu bringen, war am Donnerstag zunächst nicht offiziell bestätigt. Vertreter mehrerer europäischer Staaten und der Europäischen Kommission beraten jedoch über die Versorgungslage und mögliche weitere Freigaben.
Nach Angaben aus den laufenden Gesprächen verlangt Washington von der Europäischen Union die Freigabe von insgesamt 120 Millionen Barrel Diesel innerhalb von sechs Monaten. Das wäre eine erhebliche Menge. Nach Berechnungen auf Grundlage verfügbarer EU-Daten entspräche sie mehr als 40 Prozent der strategischen Diesel- und Gasölbestände der Mitgliedstaaten.
Deutschland und Frankreich spielen dabei eine zentrale Rolle. Nach den zuletzt verfügbaren Eurostat-Daten verfügte Deutschland über rund 5,6 Millionen Tonnen entsprechende Reserven, Frankreich über etwa 8,2 Millionen Tonnen. Zusammen entfielen damit ungefähr 35 Prozent der strategischen EU-Bestände auf die beiden Länder.
Die Vorräte dienen allerdings gerade dazu, auf gravierende Versorgungsstörungen reagieren zu können. EU-Staaten müssen grundsätzlich Notfallbestände vorhalten, die mindestens 90 Tage der Nettoimporte oder 61 Tage des inländischen Verbrauchs abdecken. Die EU erfüllte diese Vorgaben zuletzt weiterhin.
Trump erklärte am Mittwoch im Weißen Haus, dass er über Beschränkungen für amerikanische Dieselausfuhren weiterhin nachdenke. Zugleich räumte er ein, dass ein solcher Schritt Auswirkungen auf andere Kraftstoffpreise haben könnte.
Auch innerhalb der US-Regierung gibt es Vorbehalte. Energieminister Chris Wright hatte bereits vor möglichen Nebenwirkungen eines umfassenden Exportverbots gewarnt. US-Raffinerien produzieren neben Diesel gleichzeitig Benzin, Flugkraftstoff und weitere Mineralölprodukte. Einschränkungen beim Absatz eines Produktes können deshalb Auswirkungen auf die gesamte Raffinerieauslastung haben.
Die Regierung in Washington sucht deshalb parallel nach anderen Möglichkeiten, mehr Kraftstoff auf den Markt zu bringen. Dazu gehören Freigaben aus strategischen Reserven und Gespräche mit europäischen Partnern.
Hinter dem Konflikt steht ein ungewöhnlich angespannter internationaler Markt für raffinierte Ölprodukte. Lieferausfälle und eingeschränkte Exporte aus dem Nahen Osten haben das Angebot belastet. Hinzu kommen Störungen der russischen Raffinerieproduktion im Zusammenhang mit dem Krieg gegen die Ukraine.
Auch China trägt aktuell zur Verknappung bei. Chinesische Raffinerien setzten ihre Kraftstoffexporte für Oktober zunächst aus, um die eigenen Bestände zu sichern. Damit fällt eine weitere potenzielle Quelle zusätzlicher Lieferungen auf dem Weltmarkt zumindest vorübergehend aus.
Die Internationale Energieagentur hatte deshalb bereits im März die größte koordinierte Freigabe von Ölreserven ihrer Geschichte beschlossen. Die Mitgliedstaaten verständigten sich darauf, insgesamt 400 Millionen Barrel Öl und Ölprodukte verfügbar zu machen. Die europäischen Beiträge bestehen stärker aus fertigen Mineralölprodukten, während andere Länder vor allem Rohöl bereitstellen.
Europa hat seine Abhängigkeit von russischen Mineralölprodukten nach dem russischen Angriff auf die Ukraine deutlich reduziert. Dadurch haben Lieferungen aus anderen Regionen an Bedeutung gewonnen. Die USA gehören inzwischen zu den wichtigen Diesel-Lieferanten Europas.
Ein umfangreicher US-Exportstopp könnte deshalb das Angebot auf dem europäischen Markt zusätzlich verknappen. Das würde nicht automatisch bedeuten, dass die Dieselpreise in Deutschland unmittelbar in einem bestimmten Umfang steigen. Großhandelspreise hängen neben der verfügbaren Liefermenge unter anderem von Rohölpreisen, Raffineriemargen, Transportkosten, Lagerbeständen und Wechselkursen ab.
Umgekehrt könnte eine koordinierte Freigabe europäischer Dieselreserven kurzfristig zusätzliches Angebot schaffen und damit den angespannten Markt entlasten. Ob und wie stark sich ein solcher Schritt an deutschen Tankstellen bemerkbar machen würde, lässt sich jedoch nicht beziffern.
Noch am 29. September hatte die Europäische Kommission erklärt, die Versorgung mit Ölprodukten in der EU sei weiterhin stabil. Gleichzeitig bezeichnete sie insbesondere die Preise für Diesel und Flugkraftstoff als hoch und verwies auf die angespannte Lage am Weltmarkt. Die europäischen Raffinerien arbeiteten demnach nahe ihrer maximalen Kapazität.
Für Autofahrer in Deutschland überlagert am Donnerstag eine zweite Entwicklung den internationalen Konflikt. Seit dem 1. Oktober gilt erneut eine befristete Senkung der Energiesteuer auf Kraftstoffe.
Die Bundesregierung reduziert die Energiesteuer bis zum Jahresende um 14 Cent je Liter. Zusammen mit dem Effekt der Mehrwertsteuer ergibt sich rechnerisch eine Entlastung von rund 17 Cent pro Liter. Das Bundeskartellamt registrierte am ersten Tag bei Diesel je nach Region durchschnittliche Preisrückgänge von etwa 9,5 bis 16 Cent.
Diese aktuellen Preisrückgänge haben damit zunächst einen deutschen steuerlichen Grund und sind keine Folge der Gespräche zwischen Washington und Europa.
Für die weitere Entwicklung bleibt dagegen der internationale Dieselmarkt entscheidend. Sollte Washington tatsächlich Ausfuhren beschränken, könnte dies Europas Beschaffung erschweren. Werden dagegen zusätzliche Reserven in größerem Umfang freigegeben, käme vorübergehend mehr Diesel auf den Markt. Eine Entscheidung über die von den USA verlangte zusätzliche europäische Freigabe war am Donnerstag zunächst nicht bestätigt.






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