
Für das Volkswagen-Werk in Osnabrück zeichnet sich nach langer Ungewissheit eine neue industrielle Perspektive ab. Volkswagen hat sich am Montag mit dem Land Niedersachsen und dem Finanzinvestor Aurelius Capital auf Eckpunkte für einen möglichen Verkauf der Volkswagen Osnabrück GmbH verständigt. Nach dem Ende der Fahrzeugfertigung soll der Standort schrittweise zu einem Kompetenzzentrum für Sicherheits- und Verteidigungslösungen umgebaut werden.
Vorgesehen ist, dass Aurelius Capital Mehrheitseigentümer der Volkswagen Osnabrück GmbH wird und sich das Land Niedersachsen ebenfalls an der Gesellschaft beteiligt. Als erster industrieller Partner ist der israelische Rüstungskonzern Rafael Advanced Defense Systems vorgesehen. Dabei geht es zunächst um die mögliche Fertigung von Systemen und Komponenten für Luftverteidigungssysteme für Deutschland und Europa.
Der Volkswagen Osnabrück Verkauf ist mit der Vereinbarung vom Montag noch nicht vollzogen. Die Beteiligten haben zunächst die Grundlage für die weiteren Verhandlungen geschaffen. Noch festgelegt werden müssen unter anderem die künftigen Verantwortlichkeiten, die wirtschaftliche und organisatorische Struktur sowie Einzelheiten des Übergangs der Volkswagen Osnabrück GmbH.
Der Abschluss steht zudem unter dem Vorbehalt endgültiger Vereinbarungen, notwendiger Gremienbeschlüsse und behördlicher Prüfungen. Einen konkreten Kaufpreis nannte Volkswagen nicht. Auch das Land Niedersachsen veröffentlichte zunächst keine Summe für seine geplante Beteiligung. Belastbare Angaben zu einem endgültigen Übergabetermin lagen am Montag ebenfalls nicht vor.
Damit unterscheiden sich die bestätigten Eckpunkte von weitergehenden Darstellungen über einzelne Rüstungsprodukte. Offiziell bestätigt war zunächst nur, dass gemeinsam mit Rafael ein Ankerprojekt für Luftverteidigung geplant ist und dabei Systeme und Komponenten gefertigt werden könnten. Welche konkreten Waffensysteme künftig in Osnabrück produziert oder montiert werden, blieb offen.
Besonders wichtig ist die Vereinbarung für die Belegschaft. Nach Angaben der IG Metall arbeiten derzeit rund 1800 Menschen bei Volkswagen Osnabrück. Für knapp 1400 Beschäftigte könne durch die jetzt angestrebte Lösung zunächst eine Anschlussperspektive entstehen. Das entspricht ungefähr drei Vierteln der heutigen Belegschaft.
Diese Zahl bedeutet allerdings nicht, dass dauerhaft 1400 Arbeitsplätze im neuen Kompetenzzentrum garantiert sind. Die IG Metall rechnet unter anderem durch Renteneintritte und Altersteilzeit mit einem weiteren Rückgang der Beschäftigtenzahl. Als derzeitige Zielgröße für das künftige Kompetenzzentrum nennt die Gewerkschaft rund 1200 Stellen. Für diese Größenordnung wurde nach ihren Angaben eine Beschäftigungssicherung bis Ende 2029 vereinbart.
Auch der Volkswagen-Gesamtbetriebsrat spricht von einer Perspektive für mehr als 1200 Menschen. Für diejenigen Beschäftigten, die nicht unmittelbar in die neue Struktur wechseln können, sollen weitere Lösungen gesucht werden. Die Arbeitnehmervertreter verlangen deshalb weiterhin von Volkswagen, Verantwortung für die gesamte Stammbelegschaft zu übernehmen.
Bis zur industriellen Neuaufstellung bleibt Osnabrück zunächst Automobilstandort. Die Fertigung des T-Roc Cabriolet soll wie bereits vereinbart bis in den Spätsommer 2027 laufen. Danach endet nach bisherigem Stand die Fahrzeugproduktion von Volkswagen in dem Werk.
Diese Entscheidung geht auf die Vereinbarung Zukunft Volkswagen vom Dezember 2024 zurück. Damals hatten Volkswagen, IG Metall und Betriebsrat festgelegt, die deutschen Produktionskapazitäten neu auszurichten. Für Osnabrück war vorgesehen, das T-Roc Cabriolet bis 2027 zu fertigen und parallel eine wirtschaftlich tragfähige andere Nutzung des Standorts zu suchen.
Die nun vereinbarten Eckpunkte konkretisieren diese Suche erstmals deutlich. Volkswagen will den Übergang begleiten und unter anderem seine Erfahrungen bei Entwicklung und Industrialisierung sowie die vorhandene Infrastruktur einbringen. Die eigentliche industrielle Verantwortung soll nach einem Verkauf jedoch auf die neue Eigentümerstruktur übergehen.
Das Land Niedersachsen, Aurelius und Rafael haben zusätzlich eine gemeinsame Absichtserklärung für eine strategische Partnerschaft unterzeichnet. Rafael soll seine technologische Erfahrung im Bereich moderner Luftverteidigung einbringen. Die Osnabrücker Beschäftigten sollen insbesondere beim Aufbau der Fertigung und bei der Industrialisierung eine zentrale Rolle übernehmen.
Rafael ist bereits seit Jahren auf dem deutschen Markt vertreten, unter anderem über Beteiligungen und Tochterunternehmen im Verteidigungsbereich. Niedersachsen verbindet mit der geplanten Kooperation das Ziel, industrielle Wertschöpfung und sicherheitsrelevante Produktion stärker in Deutschland und Europa zu verankern.
Weitere industrielle Partner und Projekte sollen nach den Vorstellungen der Beteiligten hinzukommen. Welche Unternehmen dies sein könnten und in welchen Bereichen zusätzlich produziert werden soll, wurde zunächst nicht verbindlich festgelegt. Eine unabhängige Bestätigung für einzelne in Medien genannte Folgeprojekte lag zunächst nicht vor.
Wirtschaftlich fügt sich die geplante Trennung vom Werk in die umfassende Neuordnung des Volkswagen-Konzerns ein. Der Aufsichtsrat hatte erst am 3. September dem Zukunftsplan 2030 des Konzernvorstands zugestimmt. Volkswagen will seine Modellpalette verkleinern, die Komplexität der Angebote reduzieren, Produktionskapazitäten anpassen und das Beteiligungsportfolio stärker auf das automobile Kerngeschäft und die wirtschaftliche Rendite ausrichten.
Bereits das Programm Zukunft Volkswagen von Ende 2024 sah für die deutschen Werke erhebliche Veränderungen vor. Die technischen Produktionskapazitäten sollten dauerhaft reduziert und bis 2030 mehr als 35000 Stellen sozialverträglich abgebaut werden. Für Osnabrück wurde damals ausdrücklich nach einer alternativen Nutzung gesucht.
Industriepolitisch geht das Konzept zugleich über eine klassische Standortrettung hinaus. Ein bestehendes Automobilwerk mit qualifizierter Belegschaft und vorhandener Produktionsinfrastruktur soll für einen Wirtschaftsbereich genutzt werden, dessen Bedeutung durch die gestiegenen Verteidigungsausgaben in Deutschland und Europa zunimmt. Niedersachsen tritt dabei nicht nur als politischer Vermittler, sondern als vorgesehener Mitgesellschafter auf.
Trotz der nun vereinbarten Eckpunkte bleiben wesentliche Fragen offen. Dazu gehören die genaue Höhe der Beteiligungen, die Finanzierung der notwendigen Investitionen, der Kaufpreis, der endgültige Zeitplan und die langfristige Zahl der Arbeitsplätze. Auch Umfang und Beginn der Produktion mit Rafael sind noch Gegenstand der weiteren Ausarbeitung.
Für den Standort bedeutet die Vereinbarung deshalb vor allem eine konkrete Perspektive, aber noch keinen abgeschlossenen Eigentümerwechsel. Bis zum geplanten Ende der Fahrzeugproduktion im Jahr 2027 bleibt Zeit für den Aufbau der neuen Strukturen. Ob daraus dauerhaft ein großer deutscher Standort für Sicherheits- und Verteidigungstechnik entsteht, wird von den nun folgenden Verträgen, Investitionen und weiteren Industrieaufträgen abhängen.
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