
Bei Westnetz rücken die Folgen einer großen IT-Umstellung erneut in den Mittelpunkt. Das Unternehmen arbeitet seit mehreren Jahren an einer neuen digitalen Systemlandschaft, die im Konzern unter dem Namen SPACE geführt wird. Ziel des Programms ist eine modernere und stärker automatisierte Bearbeitung im Netzgeschäft, vor allem in den Bereichen Kundenservice, Messwesen, Energiedaten und Abrechnung.
Für viele Betroffene ist die technische Modernisierung jedoch kein abstraktes Konzernprojekt. Sie zeigt sich in langen Bearbeitungszeiten, offenen Vorgängen und verspäteten Zahlungen. Besonders Betreiber von Photovoltaikanlagen klagen seit Monaten darüber, dass Einspeisevergütungen nicht rechtzeitig ausgezahlt oder Vorgänge nicht abschließend bearbeitet werden. Ein aktueller Spiegel-Bericht nennt Tausende Beschwerden im Zusammenhang mit dem Westnetz IT-Projekt SPACE. Eine unabhängige amtliche Bestätigung dieser Zahl lag zunächst nicht vor.
Das Projekt SPACE ist kein kleines Softwareupdate, sondern ein umfassendes Transformationsprogramm im E.ON-Konzern. Es soll standardisierte Prozesse und gemeinsame Systemlösungen für das Netzgeschäft schaffen. Dazu gehören Kundenservice, Metering, Energiedatenmanagement, Marktkommunikation und Abrechnung.
Bereits im Gleichbehandlungsbericht der Westenergie AG für das Jahr 2023 wurde SPACE als IT-Transformationsprogramm für eine moderne Prozess- und Systemlandschaft beschrieben. Im Bericht für 2024 hieß es, nach der Integration von Energiedatenmanagement und Metering seien weitere Lösungen für Backoffice und Frontoffice gefolgt. Damit ist die Umstellung eng mit Bereichen verbunden, in denen Kundendaten, Zählerdaten, Abrechnungen und Marktprozesse zusammenlaufen.
Gerade diese Bereiche sind für Haushalte mit Solaranlagen, Wärmepumpen, Wallboxen oder neuen Messsystemen besonders wichtig. Wenn dort Vorgänge nicht sauber verarbeitet werden, können Anschlussfragen, Zählerprozesse oder Auszahlungen ins Stocken geraten.
Die sichtbarsten Probleme betreffen nach bisherigen Angaben vor allem Betreiber von Photovoltaikanlagen. Sie haben grundsätzlich Anspruch auf die gesetzliche EEG-Förderung, wenn die Voraussetzungen erfüllt sind. Die Bundesnetzagentur weist darauf hin, dass Netzbetreiber monatlich angemessene Abschlagszahlungen leisten müssen, wenn alle abrechnungsrelevanten Angaben vorliegen und die Anlage ordnungsgemäß registriert ist.
Bei Westnetz kam es bereits 2025 zu verstärkten Beschwerden wegen verzögerter Einspeisevergütungen. Die Bundesnetzagentur nannte in diesem Zusammenhang eine größere IT-Umstellung. Gegen Westnetz wurde zudem ein Aufsichtsverfahren eröffnet. Offiziell bestätigt war damit zunächst, dass die Verzögerungen nicht nur vereinzelte Einzelfälle betreffen.
Westnetz selbst räumte in Unterlagen für Installationsunternehmen bekannte IT-Probleme ein. Berechtigten Kunden, bei denen die Voraussetzungen für eine Abrechnung grundsätzlich vorliegen, aber wegen systematischer Probleme nicht abgerechnet werden kann, wurde eine Einmalzahlung angeboten. Diese kann rückwirkende Einspeisevergütungen und eine Vorauszahlung bis zum Jahresende umfassen. Die Zahlung wird mit der späteren Jahresabrechnung verrechnet.
Neben den Zahlungen steht die Kommunikation im Mittelpunkt der Kritik. Betroffene schildern seit Monaten lange Wartezeiten, schwer nachvollziehbare Bearbeitungsstände und ausbleibende Rückmeldungen. Westnetz hat dafür ein zentrales Online-Beschwerdeformular eingerichtet. In einem Newsletter an Installationsunternehmen verwies das Unternehmen zugleich darauf, dass es vor allem im Zusammenhang mit Jahresabschlussrechnungen zu längeren Wartezeiten kommen könne.
Das Problem trifft einen Netzbetreiber mit besonderer Bedeutung für die Energiewende. Westnetz ist nach eigenen Angaben der größte Verteilnetzbetreiber im Westen Deutschlands. Das Unternehmen betreibt Strom-, Erdgas-, Wasser- und Breitbandnetze in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen. Das Stromnetz misst rund 175.000 Kilometer, das Erdgasnetz rund 24.000 Kilometer.
Die Kundenprozesse sind dadurch eng mit dem Ausbau erneuerbarer Energien verbunden. Jede neue Photovoltaikanlage, jede Wärmepumpe und jede Wallbox erzeugt zusätzliche Anträge, Prüfungen, Zählerprozesse und Abrechnungen. Westnetz verweist in diesem Zusammenhang auf stark gestiegene Prozessvolumina und eine wachsende Komplexität an der Kundenschnittstelle.
Westnetz hat seine Organisation inzwischen angepasst. Zum 1. April 2026 wurde die Geschäftsführung erweitert und ein neues Ressort Kunden eingerichtet. Das Unternehmen begründete den Schritt mit wachsenden Anforderungen aus Energie- und Digitalwende, zunehmender Komplexität an der Kundenschnittstelle und veränderten regulatorischen Rahmenbedingungen.
Mit der neuen Struktur sollen kunden- und marktnahe Einheiten gebündelt werden. Westnetz verbindet damit das Ziel, Verantwortlichkeiten klarer zu ordnen, digitale Prozesse weiterzuentwickeln und Entscheidungen zu beschleunigen. Ob die organisatorische Neuaufstellung die offenen Kundenprobleme kurzfristig spürbar verringert, war zunächst nicht gesichert.
Der Fall zeigt ein grundsätzliches Problem der Energiewende. Der Ausbau dezentraler Energieanlagen erhöht den Druck auf Verteilnetzbetreiber erheblich. Früher waren viele Haushalte reine Stromkunden. Heute werden sie zunehmend selbst zu Einspeisern, betreiben Speicher, laden Elektroautos oder steuern Wärmepumpen. Dadurch entstehen mehr Daten, mehr Anträge und komplexere Abrechnungen.
IT-Systeme von Netzbetreibern müssen diese Entwicklung abbilden. Gelingt eine Umstellung nicht reibungslos, trifft das nicht nur interne Abläufe. Betroffen sind Haushalte, die auf Zahlungen warten, Installationsbetriebe, die Vorgänge nachverfolgen müssen, und Energieversorger, die auf korrekte Zähler- und Marktdaten angewiesen sind.
Bei Westnetz ist offiziell bestätigt, dass bekannte IT-Probleme und verzögerte Abrechnungen eine Rolle spielen. Die genaue Zahl der betroffenen Kunden blieb zunächst offen. Ebenso blieb zunächst unklar, wie schnell alle hängenden Vorgänge abschließend bearbeitet werden können.
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