
Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst hat bei einer dreitägigen Reise in die Türkei Präsident Recep Tayyip Erdoğan getroffen. Der CDU-Politiker wurde am Montag, 28. September 2026, im Präsidentenkomplex in Ankara empfangen. Es war die erste offizielle Türkei-Reise eines amtierenden nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten. Anlass waren unter anderem der 65. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens und die engen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verbindungen zwischen Nordrhein-Westfalen und der Türkei.
Das Treffen mit Erdoğan war erst kurzfristig in das Programm aufgenommen worden. Nach Angaben Wüsts dauerte das Gespräch rund 50 Minuten. Die türkische Präsidentschaft bestätigte den Empfang und nannte als weitere Teilnehmer den Kommunikationsdirektor des Präsidenten, Burhanettin Duran, sowie Erdoğans außen- und sicherheitspolitischen Chefberater Akif Çağatay Kılıç. Einzelheiten zu den Gesprächsinhalten veröffentlichte die türkische Seite nicht.
Wüst trifft Erdoğan in Ankara vor dem Hintergrund umfangreicher wirtschaftlicher Beziehungen zwischen der Türkei und Nordrhein-Westfalen. Der Ministerpräsident erklärte nach dem Gespräch, dass insbesondere die wirtschaftliche Zusammenarbeit eine Rolle gespielt habe. Außerdem habe Erdoğan Interesse an der politischen Lage in Deutschland und an jüngsten Wahlergebnissen gezeigt. Diese Angaben stammen von Wüst selbst.
Der NRW-Regierungschef sprach sich während seiner Reise zudem für eine Modernisierung der Zollunion zwischen der Europäischen Union und der Türkei aus. Eine solche Reform wird seit Jahren diskutiert. Wüst verband seine Forderung nach engeren wirtschaftlichen Beziehungen zugleich mit dem Hinweis auf bestehende Differenzen. Nach seiner Darstellung wurden beim Treffen mit Erdoğan auch Fragen der Rechtssicherheit und andere schwierige politische Themen angesprochen.
Damit verband die Reise zwei Ebenen. Einerseits ging es um konkrete wirtschaftliche Interessen, andererseits um politische Beziehungen zu einem NATO-Partner und EU-Beitrittskandidaten, mit dem Deutschland trotz enger Zusammenarbeit in mehreren politischen Fragen unterschiedliche Positionen vertritt.
Ein zentraler Anlass für die Reise war der Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens von 1961. In den folgenden zwölf Jahren kamen fast 900.000 Menschen aus der Türkei als Arbeitskräfte nach Deutschland, unter anderem für Industrieunternehmen und den Bergbau. Nordrhein-Westfalen wurde für viele von ihnen zum neuen Lebensmittelpunkt.
Heute leben in Nordrhein-Westfalen rund eine Million Menschen mit türkischen Wurzeln. Etwa ein Drittel der Menschen türkischer Herkunft in Deutschland lebt damit im bevölkerungsreichsten Bundesland. Wüst stellte diese gesellschaftlichen Verbindungen während seiner Reise mehrfach in den Mittelpunkt.
Zum Programm gehörte auch ein Besuch des Mausoleums des türkischen Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk in Ankara. Darüber hinaus führte Wüst Gespräche mit türkischen Regierungsvertretern sowie Vertretern der Opposition. Anschließend reiste die Delegation weiter nach Istanbul.
Auch wirtschaftlich bestehen enge Verbindungen. Das jährliche Handelsvolumen zwischen Nordrhein-Westfalen und der Türkei liegt nach Angaben aus dem Umfeld der Landesregierung bei etwa zehn bis zwölf Milliarden Euro. Das entspricht rund einem Fünftel des gesamten deutsch-türkischen Handels. Mehr als 1.300 türkische Unternehmen sind demnach in Nordrhein-Westfalen tätig.
Wüst wurde deshalb von einer Wirtschaftsdelegation begleitet. In Istanbul nahm er zum Abschluss der Reise an einem Wirtschaftsforum teil. Dort standen Investitionen, Unternehmenskooperationen und bessere Rahmenbedingungen für Geschäftsbeziehungen im Mittelpunkt. Im Zuge der Konferenz wurden auch Vereinbarungen zwischen Unternehmen vorbereitet beziehungsweise unterzeichnet.
Ein konkreter Punkt betrifft die Visavergabe an türkische Geschäftsleute. Ein bereits bestehendes vereinfachtes Verfahren für Unternehmen mit engen Deutschland-Beziehungen soll auf einen größeren Kreis ausgeweitet werden. Nach Angaben aus der Reise sollen künftig auch weitere Mitgliedsunternehmen des türkischen Außenwirtschaftsverbands DEİK davon profitieren können.
Die Reise begann am 28. September in Ankara und endete am 30. September in Istanbul. Damit fand der Besuch unmittelbar vor dem Tag der Deutschen Einheit statt. Bereits während des Aufenthalts nahm Wüst in Ankara an einem Empfang der deutschen Botschaft zum deutschen Nationalfeiertag teil.
Der Empfang durch Erdoğan wurde zum politisch prominentesten Termin der Reise. Dass der türkische Staatspräsident einen deutschen Landesregierungschef persönlich empfing, war protokollarisch ungewöhnlich. Über konkrete Vereinbarungen zwischen Erdoğan und Wüst wurde anschließend jedoch nichts bekannt gegeben. Bestätigt sind vor allem der Austausch über die wirtschaftlichen Beziehungen sowie Wüsts Angaben zu politischen und rechtsstaatlichen Fragen.
Für Nordrhein-Westfalen verband die Reise damit historische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Themen. Der 65. Jahrestag des Anwerbeabkommens erinnerte an die jahrzehntelange Migration zwischen beiden Ländern, während die Gespräche in Ankara und Istanbul auf die heutigen Handelsbeziehungen und die weitere Zusammenarbeit zielten.
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