
Eine neue große Untersuchung wirft Fragen zur langfristigen Herz-Kreislauf-Sicherheit von Xylit auf. Der auch als Birkenzucker bekannte Zuckeraustauschstoff findet sich unter anderem in zuckerfreien Süßwaren, Kaugummis und verschiedenen Mundpflegeprodukten. Eine beim Kongress der European Society of Cardiology, kurz ESC, in München vorgestellte Analyse zeigt einen Zusammenhang zwischen Xylit und Herzrisiko: Menschen mit besonders hohen Xylitwerten im Blut erlitten häufiger schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse als Personen mit niedrigen Werten. Ein Beweis dafür, dass der Verzehr von Xylit diese Ereignisse verursacht, ist das jedoch nicht.
Die aktuelle Untersuchung ist besonders deshalb von Interesse, weil sie zwei große Bevölkerungsgruppen über lange Zeiträume betrachtet. Zugleich hat sie eine entscheidende Einschränkung: Gemessen wurde die Xylitkonzentration im Blut, nicht die tatsächlich über Lebensmittel aufgenommene Xylitmenge. Xylit entsteht nämlich auch im menschlichen Stoffwechsel. Aus hohen Blutwerten lässt sich deshalb nicht unmittelbar auf einen hohen Konsum von mit Xylit gesüßten Produkten schließen.
Das Forschungsteam um den Kardiologen Marco Witkowski von der Charité Universitätsmedizin Berlin analysierte nach Angaben der European Society of Cardiology Daten von 17.710 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus zwei prospektiven Beobachtungskohorten. Die Zahl stammt aus der offiziellen Mitteilung der ESC vom 26. August 2026. Herangezogen wurden die Canadian Longitudinal Study on Aging, kurz CLSA, sowie die britische EPIC-Norfolk-Kohorte.
Die Forschenden ordneten die gemessenen Xylitwerte im Blut in Gruppen ein. Laut ESC hatten Teilnehmer im höchsten Viertel der Xylitkonzentrationen ein höheres Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse als Menschen im niedrigsten Viertel. Als solche Ereignisse galten Tod, Herzinfarkt oder Schlaganfall.
In der kanadischen CLSA-Kohorte lag das Risiko während einer Nachbeobachtungszeit von sechs Jahren um 57 Prozent höher im obersten gegenüber dem untersten Viertel der Xylitwerte. Diese Zahl stammt aus der Auswertung, die die ESC zum Kongress 2026 veröffentlichte. Die Analyse berücksichtigte unter anderem Alter, Geschlecht, Rauchen, Blutfettwerte, Diabetes und Bluthochdruck.
In der EPIC-Norfolk-Kohorte erstreckte sich der Beobachtungszeitraum nach Angaben der ESC über 30 Jahre. Hier war das Risiko schwerer Herz-Kreislauf-Ereignisse im höchsten Viertel der Xylitwerte 18 Prozent höher als im niedrigsten Viertel. Auch die mittleren Konzentrationsgruppen deuteten nach Darstellung der ESC auf einen abgestuften Zusammenhang hin: Mit steigenden Xylitwerten nahm auch die Ereignisrate zu.
Die Prozentangaben beschreiben relative Unterschiede zwischen Gruppen. Sie bedeuten nicht, dass 57 Prozent der Menschen mit hohen Xylitwerten einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten hätten. Aus der bisher veröffentlichten ESC-Mitteilung lassen sich zudem keine entsprechenden absoluten Erkrankungsrisiken für einzelne Verbraucher ableiten.
Für die Einordnung der Ergebnisse ist der Publikationsstatus entscheidend. Die neue Untersuchung wird beim ESC Congress 2026 als Abstract 88044 vorgestellt, wie das Deutsche Ärzteblatt berichtet. Eine vollständig veröffentlichte wissenschaftliche Originalarbeit in einem peer-reviewten Fachjournal ist für diese neue Analyse mit 17.710 Teilnehmern nach dem derzeit öffentlich verfügbaren Stand noch nicht vorhanden. Ergebnisse von Kongressbeiträgen gelten deshalb grundsätzlich als vorläufig, bis Methoden und Daten vollständig publiziert und wissenschaftlich begutachtet sind.
Das Forschungsthema selbst ist allerdings nicht neu. Bereits 2024 veröffentlichten Marco Witkowski, Stanley Hazen und weitere Forschende der Cleveland Clinic eine Arbeit im European Heart Journal. In dieser Studie umfasste die erste Beobachtungskohorte nach Angaben des Fachjournals 1.157 Personen, eine unabhängige Bestätigungskohorte weitere 2.149 Personen. Beide Gruppen bestanden überwiegend aus Menschen, die sich einer geplanten kardiologischen Untersuchung unterzogen. Der Beobachtungszeitraum lag laut European Heart Journal bei drei Jahren.
In der Bestätigungskohorte war das Risiko eines schweren kardiovaskulären Ereignisses bei Personen im höchsten gegenüber dem niedrigsten Drittel der Xylitkonzentration nach statistischer Anpassung um den Faktor 1,57 erhöht, entsprechend einer Hazard Ratio von 1,57 mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 1,12 bis 2,21. Diese Zahlen stammen aus der 2024 im European Heart Journal publizierten Originalarbeit.
Zusätzlich untersuchte das Team im Labor menschliche Blutplättchen und führte Tierexperimente durch. Außerdem nahmen nach Angaben des European Heart Journal zehn gesunde Freiwillige an einer kleinen Interventionsstudie teil. Nach der Aufnahme eines mit Xylit gesüßten Getränks stiegen ihre Xylitwerte im Blut deutlich, zugleich zeigten Messungen eine erhöhte Reaktionsbereitschaft der Blutplättchen. Wegen der sehr kleinen Teilnehmerzahl kann dieser Versuch jedoch keine Aussage über langfristige Herzinfarkt- oder Schlaganfallrisiken liefern.
Die wichtigste Einschränkung beider epidemiologischer Untersuchungen besteht darin, dass sie Zusammenhänge beobachten. Sie beweisen nicht, dass Xylit selbst Herzinfarkte oder Schlaganfälle verursacht.
Diese Unterscheidung ist bei Xylit besonders relevant. Der Stoff wird nicht nur über Lebensmittel aufgenommen, sondern entsteht auch in kleinen Mengen im menschlichen Glukosestoffwechsel. Hohe Nüchternwerte im Blut könnten deshalb zumindest teilweise Stoffwechselprozesse widerspiegeln, die ihrerseits mit Erkrankungen zusammenhängen.
Genau an diesem Punkt setzte auch wissenschaftliche Kritik an der 2024 veröffentlichten Arbeit an. In Diskussionsbeiträgen im European Heart Journal wiesen Fachleute darauf hin, dass die gemessenen Xylitwerte in den Beobachtungskohorten nicht ohne Weiteres als Maß für den Xylitkonsum verstanden werden können. Arduino Arduini und Mitautoren betonten 2024 in einem Kommentar im European Heart Journal, dass Beobachtungsstudien grundsätzlich nur Assoziationen zeigen und endogen gebildetes Xylit eine alternative Erklärung für erhöhte Blutwerte sein könne.
Auch ein weiterer Fachkommentar im European Heart Journal stellte die Frage, ob erhöhte Xylitwerte tatsächlich ein aktiver Risikofaktor oder möglicherweise ein Begleitphänomen veränderter Stoffwechselprozesse sind. Damit gibt es innerhalb der Fachwelt keinen Beleg für einen Konsens, wonach Xylitaufnahme als Ursache der beobachteten Herz-Kreislauf-Ereignisse feststeht.
Dan Atar, Kardiologe an der Universität Oslo und Mitglied eines Kommunikationskomitees der ESC, war an der neuen Untersuchung nicht beteiligt. Er bezeichnete die Ergebnisse gegenüber dem Guardian als Grund für weitere Forschung, verwies aber ausdrücklich darauf, dass sich aus einer Beobachtungsstudie Kausalität nur schwer ableiten lasse.
Auch die British Heart Foundation weist auf diesen Unterschied hin. Die Ernährungswissenschaftlerin Dell Stanford erklärte laut Guardian, die Untersuchung könne eine Verbindung zwischen höheren Xylitwerten und kardiovaskulären Ereignissen zeigen, aber nicht beweisen, dass Xylit diese Ereignisse direkt verursacht habe.
Die neue Langzeitanalyse stärkt damit ein bereits vorhandenes wissenschaftliches Signal, löst die entscheidende Kausalitätsfrage aber nicht. Dafür wären Untersuchungen erforderlich, die die tatsächlich konsumierte Menge zuverlässig erfassen und andere mögliche Ursachen für erhöhte Xylitwerte kontrollieren.
Xylit ist in der Europäischen Union als Lebensmittelzusatzstoff E 967 zugelassen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung, kurz BfR, zählt Xylit zu den Zuckeraustauschstoffen beziehungsweise Polyolen. Nach Angaben des BfR waren im Juli 2025 in der Europäischen Union insgesamt 19 Süßungsmittel zugelassen, darunter acht Zuckeraustauschstoffe, zu denen auch Xylit gehört.
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA überprüft ältere Zulassungsbewertungen im Rahmen eines europaweiten Neubewertungsprogramms. Nach dem aktuellen EFSA-Stand ist die Neubewertung von Xylit beziehungsweise E 967 noch nicht abgeschlossen. Die neuen kardiovaskulären Daten können deshalb nicht mit einer bereits abgeschlossenen aktuellen EFSA-Neubewertung von Xylit gleichgesetzt werden.
Auch beim BfR ist eine Differenzierung nötig. Eine häufig zitierte BfR-Stellungnahme zu möglichen Langzeitwirkungen von Süßungsmitteln untersuchte vor allem Sucralose, Acesulfam K, Saccharin, Aspartam und Cyclamat. Xylit gehörte nicht zu diesen fünf untersuchten Stoffen. Das BfR betont generell, dass die Datenlage zu langfristigen Wirkungen verschiedener Süßungsmittel teilweise begrenzt ist.
Eine behördliche Feststellung, dass Xylit aufgrund der neuen Herz-Kreislauf-Daten gesundheitsschädlich sei, liegt damit derzeit nicht vor. Ebenso wenig widerlegen die bestehenden Zulassungen die neuen Forschungsergebnisse. Zulassungsstatus und neue epidemiologische Hinweise beantworten unterschiedliche Fragen.
Xylit besitzt eine ähnliche Süßkraft wie Haushaltszucker und wird deshalb als Zuckeraustauschstoff eingesetzt. Nach Angaben der Cleveland Clinic und der Fachpublikation im European Heart Journal findet sich der Stoff unter anderem in zuckerfreien Süßwaren, Kaugummis, Backwaren und bestimmten kalorienreduzierten oder kohlenhydratarmen Lebensmitteln. Außerdem wird Xylit aufgrund seiner zahnschonenden Eigenschaften häufig in Zahnpasta und anderen Mundpflegeprodukten verwendet.
Auf Lebensmittelverpackungen kann der Stoff nach Angaben der Verbraucherzentrale als Xylit oder als E 967 im Zutatenverzeichnis erscheinen. Der Begriff Birkenzucker ist zwar verbreitet, bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass das Produkt aus Birkenholz hergestellt wurde. Industriell kann Xylit auch aus anderen pflanzlichen Rohstoffen gewonnen werden.
Die neuen Untersuchungen liefern damit einen weiteren Hinweis auf einen möglichen Zusammenhang zwischen hohen Xylitkonzentrationen im Blut und Herz-Kreislauf-Ereignissen. Ob der Konsum von Xylit selbst dafür verantwortlich ist, lässt sich aus den bislang vorliegenden Daten jedoch nicht ableiten.
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