
Münster. Eine Beleidigung gegenüber einem Vorgesetzten, zahlreiche Wochenenden in der Kaserne und eine Versetzung, die schließlich den Weg zur „Bild“ öffnete: Der frühere Chefredakteur Kai Diekmann hat in einem aktuellen Podcast ausführlich über seine Bundeswehrzeit in Münster gesprochen. Seine Erinnerungen zeigen, wie aus einem schwierigen Soldaten ein junger Medienmacher wurde.
In der am 11. Juli 2026 veröffentlichten Folge des Podcasts „ungeskriptet“ spricht Kai Diekmann mehr als drei Stunden mit Gastgeber Ben Berndt. Die Episode trägt den Titel „Ex-BILD-Chef zerlegt meine größte Überzeugung“. Neben Journalismus, Meinungsfreiheit, Helmut Kohl und der Affäre um den früheren Bundespräsidenten Christian Wulff geht es auch um Diekmanns Anfänge bei der Bundeswehr. Das entsprechende Kapitel beginnt nach rund eineinhalb Stunden.
Die Münster-Passage beginnt mit einer Szene aus der Grundausbildung. Diekmann berichtet, dass ihn bereits in der ersten Woche ein Unteroffizier angebrüllt habe:
„Wo glauben Sie eigentlich, wo Sie sind?“
Seine Antwort sei unmittelbar gekommen:
„In Münster-Handorf, du Arschloch.“
Damit war nach Diekmanns Erzählung auch sein erstes Wochenende in der Kaserne gesichert. Es sollte nicht das letzte bleiben.
Diekmanns Weg zur Bundeswehr begann nach dem Abitur im Jahr 1983. Viele junge Männer aus seinem damaligen Umfeld verweigerten den Dienst an der Waffe. Er entschied sich nach eigener Darstellung bewusst für die entgegengesetzte Richtung. Diekmann meldete sich als Zeitsoldat und wollte Reserveoffizier werden.
Die Entscheidung sei auch politisch motiviert gewesen. Er habe ein Zeichen für die Bundeswehr setzen wollen. Schon als Schüler in Bielefeld habe er sich ungern der vorherrschenden Meinung angeschlossen. Während das politische Klima an vielen Schulen aus seiner Sicht eher links und kritisch gegenüber Bundeswehr und Nato geprägt gewesen sei, gründete er eine konservative Schülerzeitung.
Auch in einem früheren Interview hatte Diekmann erklärt, dass er sich freiwillig für die Bundeswehr entschieden habe, um gegen den damaligen Zeitgeist zu handeln. Seine Grundausbildung verortete er bei der Panzerartillerie in Münster-Handorf. Von zwölf Wochenenden habe er „gefühlte zehn“ aus disziplinarischen Gründen in der Kaserne verbringen müssen.
Diekmann beschreibt sich im Podcast nicht als angepassten Soldaten. Militärische Autorität habe er vor allem dann nur schwer akzeptieren können, wenn ihm Anweisungen sinnlos erschienen. Statt sich unterzuordnen, begann er, die zentralen Dienstvorschriften genau zu lesen und nach Lücken zu suchen.
Als seine zu langen Haare beanstandet wurden, ließ er sie nach eigener Darstellung sehr kurz schneiden. Über der Stirn habe er jedoch eine lange Locke stehen lassen. Entscheidend sei gewesen, dass diese den Uniformkragen nicht berührte und damit formal nicht gegen die Vorschrift verstieß.
Für eine weitere Aktion ließ er sich wegen einer Bindehautentzündung eine Genehmigung zum Tragen einer Sonnenbrille ausstellen. Statt eines unauffälligen Modells wählte er eine besonders große rosafarbene Brille. Kam es zu Beschwerden, habe er lediglich auf seine gültige Genehmigung verwiesen.
Außerdem sei er kurz vor einer Wachablösung gemeinsam mit einem Kameraden Hand in Hand vor der Wache auf und ab gegangen. Eine Vorschrift, die das ausdrücklich untersagte, habe er nicht gefunden. Diekmann sagt heute, dass solche Aktionen seine Vorgesetzten zur Weißglut getrieben hätten.
Der Konflikt eskalierte nach Diekmanns Erinnerung, als er seinen Spind nicht abgeschlossen hatte. Zur Strafe sollte er einen Abschnitt aus der Dienstvorschrift abschreiben. Darin wurde erklärt, dass ein offener Spind Kameraden zum Diebstahl verleiten könne.
Diekmann schrieb stattdessen ein Versetzungsgesuch. Er habe darin sinngemäß erklärt, ihm sei nicht bewusst gewesen, dass er mit möglichen Kriminellen untergebracht worden sei.
Ein Bataillonskommandeur kam daraufhin offenbar zu dem Schluss, dass Diekmann in einer anderen Einheit besser aufgehoben sein könnte. Der Offizier machte ihn auf die Pressestelle der Bundeswehr aufmerksam. Für Diekmann war dieser Hinweis der entscheidende Wendepunkt seiner Zeit in Münster.
Er wechselte zur Pressestelle des damaligen I. Korps. Dort konnte er nach eigener Darstellung an verschiedenen Truppenpublikationen mitarbeiten. Das damalige deutsche I. Korps gehört zur früheren Bundeswehrstruktur. Der heute in Münster ansässige multinationale Nachfolgeverband, das 1. Deutsch-Niederländische Korps, wurde 1995 aufgestellt.
Die Zeit in der Pressestelle bezeichnet Diekmann rückblickend als „Traumzeit“. Dort konnte er das tun, was ihn bereits bei seiner Schülerzeitung interessiert hatte: Geschichten suchen, ungewöhnliche Zugänge finden und Beiträge mit auffälligen Bildern präsentieren.
Ein Thema waren Truppenübungsplätze, die von der Panzerartillerie genutzt wurden. Große Flächen durften wegen der Geschosse nicht betreten werden. Dadurch entstanden nach Diekmanns Darstellung Gebiete, in denen sich die Natur weitgehend ohne menschliche Eingriffe entwickeln konnte.
Diekmann machte daraus eine Geschichte über Truppenübungsplätze als ungewöhnliche Biotope. Für die Bebilderung besorgte er sich nach eigener Aussage eine eingefrorene Fledermaus aus einem Naturkundemuseum. Nach dem Auftauen ließ er einen Soldaten das Tier für ein Foto halten. Auch Kröten wurden für die Aufnahmen eingesetzt.
Die Episode zeigt, dass Diekmann schon damals stark in Bildern dachte. Sie zeigt aber auch einen Umgang mit Inszenierungen, der heutigen journalistischen Maßstäben kaum entsprechen würde.
Das gilt noch deutlicher für einen weiteren Beitrag. Diekmann beschäftigte sich damals mit jungen Muslimen, die in Deutschland aufgewachsen waren, die deutsche Staatsangehörigkeit besaßen und bei der Bundeswehr ihren Wehrdienst leisteten.
Für das dazugehörige Bild lieh er sich nach eigener Darstellung im Theater in Münster ein Kostüm und einen Turban. Einen Soldaten ließ er damit zwischen anderen Bundeswehrangehörigen antreten.
Diekmann ordnet die Inszenierung im Podcast selbst kritisch ein. Das sei aus heutiger Sicht zum Fremdschämen und würde so nicht mehr gehen. Seine Distanzierung ist für die Einordnung wichtig. Die Aufnahme erzählt nicht nur etwas über seinen damaligen Stil, sondern auch darüber, wie sehr sich gesellschaftliche und journalistische Standards seit den 1980er-Jahren verändert haben.
Zu Diekmanns ungewöhnlichsten Erinnerungen gehört ein Hubschrauberflug nach Bielefeld. Er habe mit einem früheren Lehrer gewettet, dass er während des Unterrichts auf dem Schulhof seiner ehemaligen Schule landen könne.
Im Rahmen einer militärischen Übung sollten dort Journalisten aufgenommen und zum Manöver gebracht werden. Nach Diekmanns Darstellung flog die Gruppe mit einem amerikanischen Black Hawk nach Bielefeld und landete tatsächlich auf dem Schulhof. Er besitze noch heute Fotos davon.
Unabhängig belegt ist diese Episode bislang nicht. Sie ist daher als persönliche Erinnerung Diekmanns einzuordnen. Zugleich passt sie zu dem Bild, das er im Podcast von sich zeichnet: Er wollte nicht nur vorgeschriebene Pressearbeit erledigen, sondern nach Geschichten und Inszenierungen suchen, die Aufmerksamkeit erzeugten.
Die Veröffentlichungen aus der Pressestelle blieben nach Diekmanns Darstellung beim Axel-Springer-Verlag nicht unbemerkt. Noch während seiner aktiven Bundeswehrzeit erhielt er das Angebot, ein Praktikum bei der „Bild“ zu absolvieren.
Das Problem: Diekmann hatte keinen Urlaub mehr. Erneut fand sich ein Vorgesetzter, der eine ungewöhnliche Lösung ermöglichte. Ein Oberstleutnant habe ihn kurzerhand zur „Bild“ abkommandiert. Als offizieller Zweck sei die Verbesserung der gegenseitigen Pressekontakte angegeben worden.
Aus dem Praktikum entstand ein Angebot für ein Volontariat. 1985 begann Diekmann seine Ausbildung an der Journalistenschule von Axel Springer. Es folgten Stationen in Hamburg, Bonn und New York. Später wurde er politischer Korrespondent, Chefredakteur der „Welt am Sonntag“ und schließlich langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Bild“. Axel Springer bestätigte bei seinem Abschied, dass seine Karriere im Verlag 1985 begonnen hatte und mehr als drei Jahrzehnte dauerte.
Die Bundeswehrzeit in Münster war damit weit mehr als eine biografische Randnotiz. Diekmann wollte mit seinem Dienst zunächst ein politisches Zeichen setzen. In der Grundausbildung geriet er jedoch schnell mit der militärischen Hierarchie aneinander.
Ausgerechnet diese Konflikte führten ihn in die Pressestelle des I. Korps. Dort konnte er erstmals regelmäßig Geschichten entwickeln, Texte veröffentlichen und Bilder inszenieren. Seine Beiträge machten schließlich den Axel-Springer-Verlag auf ihn aufmerksam.
Rückblickend begann Diekmanns Medienkarriere deshalb nicht erst in einer Hamburger Redaktion. Ihr entscheidender Ausgangspunkt lag in Münster: zwischen der Kaserne in Handorf, der Pressestelle des I. Korps und einem Oberstleutnant, der erkannte, dass der aufmüpfige Soldat in einer Redaktion besser aufgehoben war.
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