Quallen legen Atomkraftwerk lahm: Drei Reaktoren in Frankreich abgeschaltet

Quallen legen Atomkraftwerk lahm: Drei Reaktoren in Frankreich abgeschaltet
Symbolfoto: Inga Huerkamp

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Ein massiver Quallenschwarm hat erneut den Betrieb eines der größten französischen Atomkraftwerke beeinträchtigt. Im Kernkraftwerk Gravelines im Norden Frankreichs wurden drei der sechs Reaktorblöcke vorübergehend abgeschaltet. Ein weiterer Block läuft nur mit reduzierter Leistung. Nach Angaben des Betreibers EDF besteht keine Gefahr für die Anlage, das Personal oder die Umwelt. Besonders bemerkenswert ist der Zeitpunkt: Bereits im August 2025 hatten Quallen die Stromproduktion in Gravelines massiv gestört.

Quallenschwarm erreicht Kühlsystem des AKW Gravelines

Betroffen sind nach Angaben von EDF die Reaktorblöcke 2, 3 und 4. Sie wurden am späten Montagabend abgeschaltet, nachdem eine große Zahl von Quallen die Anlagen zur Kühlwasseraufnahme erreicht hatte. Block 1 wurde vorsorglich auf rund 50 Prozent seiner Leistung heruntergefahren. Block 5 befand sich ohnehin wegen Wartungsarbeiten außer Betrieb, während Block 6 zunächst mit voller Leistung weiterlief.

Das Atomkraftwerk Gravelines verfügt über sechs Druckwasserreaktoren mit jeweils 900 Megawatt elektrischer Leistung. Insgesamt kommt die Anlage damit auf 5,4 Gigawatt. Sie liegt an der nordfranzösischen Küste nahe Dünkirchen und nutzt für die Kühlung Wasser aus einem Kanal, der mit der Nordsee verbunden ist.

Quallen verstopfen Filter an der Wasserzufuhr

Das Problem entsteht nicht im nuklearen Teil des Kraftwerks selbst. Die Quallen gelangen mit dem Meerwasser in die Ansaugbereiche der Kühlwasserversorgung und können dort Filtersysteme zusetzen. Dadurch kann die für den Kraftwerksbetrieb notwendige Wasserversorgung beeinträchtigt werden.

EDF erklärte, dass der aktuelle Vorfall keine Auswirkungen auf die Sicherheit der Anlage, der Beschäftigten oder der Umwelt habe. Die Abschaltungen dienen dazu, die technischen Systeme zu schützen und einen sicheren Betrieb zu gewährleisten. Neue Quallen seien nach Angaben eines EDF-Ingenieurs zuletzt nicht mehr nachgeströmt. Die Reinigung der Anlagen sei deshalb bereits weit fortgeschritten.

Schon 2025 legten Quallen Gravelines nahezu komplett lahm

Der aktuelle Vorfall erinnert auffällig an den August 2025. Zwischen dem 10. und 11. August vergangenen Jahres mussten damals die Reaktorblöcke 2, 3, 4 und 6 automatisch abgeschaltet werden. Die beiden übrigen Blöcke waren zu diesem Zeitpunkt wegen Wartungsarbeiten bereits nicht am Netz. Damit fiel zeitweise die komplette Stromproduktion des Standorts aus.

EDF bezeichnete den damaligen Zustrom als außergewöhnlich massiv und plötzlich. Die Tiere hatten die Filtertrommeln der Pumpstationen zugesetzt. Auch damals befand sich der betroffene Bereich außerhalb des nuklearen Teils der Anlage. Eine Gefahr für Bevölkerung oder Umwelt bestand laut Betreiber nicht.

EDF hat nach dem Vorfall neue Schutzmaßnahmen eingeführt

Nach dem Quallenereignis von 2025 reagierte EDF mit zusätzlichen Überwachungsmaßnahmen. An den Kühlwasserkanälen sowie an den Filtersystemen wurden Kameras installiert. Sie sollen Ansammlungen frühzeitig erkennen, bevor größere Mengen die Pumpstationen erreichen.

Darüber hinaus arbeitet EDF inzwischen mit Fischern und Seenotrettungsorganisationen zusammen. Werden größere Quallenschwärme entdeckt, können Fischerboote eingesetzt werden, um deren Dichte vor dem Kraftwerk zu verringern. Bei dem aktuellen Ereignis wurden solche Boote bereits am Wochenende eingesetzt. Quallen, die dennoch die Anlage erreicht hatten, wurden unter anderem mit Saugfahrzeugen entfernt.

Warum Quallen für Kraftwerke zum Problem werden können

Kernkraftwerke benötigen große Mengen Wasser, um überschüssige Wärme abzuführen. Bei küstennahen Anlagen wird dafür häufig Meerwasser eingesetzt. Organismen wie Algen, Fische oder Quallen werden deshalb über große Filteranlagen aus dem angesaugten Wasser entfernt.

Bei außergewöhnlich großen Schwärmen können diese Filter jedoch innerhalb kurzer Zeit stark belastet oder zugesetzt werden. Das Problem betrifft nicht nur Gravelines. In der Vergangenheit mussten auch andere Kraftwerke weltweit ihre Leistung wegen Quallen reduzieren oder Anlagen zeitweise abschalten. Bereits 1993 gab es in Gravelines einen vergleichbaren Zwischenfall.

Können solche Quallenschwärme künftig häufiger auftreten?

Wissenschaftler halten es für möglich, dass vergleichbare Ereignisse häufiger auftreten. Als mögliche Ursachen gelten unter anderem steigende Meerestemperaturen, Veränderungen mariner Ökosysteme, invasive Arten, Überfischung und der Verlust natürlicher Fressfeinde. Ein einzelner Quallenschwarm lässt sich allerdings nicht eindeutig auf den Klimawandel zurückführen.

Für Frankreich kommt der Zwischenfall zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Gleichzeitig mit den Problemen in Gravelines beeinträchtigen hohe Temperaturen und niedrige Wasserstände auch die Leistung anderer französischer Atomkraftwerke. Damit zeigt sich erneut, wie stark selbst große Energieanlagen von Umweltbedingungen und der Verfügbarkeit ausreichender Kühlwassermengen abhängig sind.

Neustart der Reaktoren könnte schnell erfolgen

Nach Angaben aus dem Umfeld des Betreibers kamen zuletzt keine weiteren größeren Mengen Quallen mehr am Standort an. Sobald die Kühlwasseranlagen vollständig gereinigt und überprüft sind, könnten die abgeschalteten Reaktorblöcke deshalb vergleichsweise schnell wieder hochgefahren werden. Einen verbindlichen Zeitpunkt für die vollständige Rückkehr aller betroffenen Blöcke in den Leistungsbetrieb nannte EDF zunächst nicht.

Damit bleibt der Zwischenfall vor allem ein außergewöhnliches technisches Betriebsproblem und kein nuklearer Störfall. Dennoch zeigt der zweite massive Quallen-Vorfall innerhalb eines Jahres, dass Gravelines trotz zusätzlicher Schutzmaßnahmen weiterhin empfindlich auf große Schwärme in der Kühlwasserzufuhr reagiert.

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