
Aggressives und rücksichtsloses Verhalten im deutschen Straßenverkehr wird nach einer neuen Langzeitstudie der Unfallforschung der Versicherer häufiger. Autofahrende berichten öfter von Drängeln, dichtem Auffahren und dem Erzwingen der Vorfahrt. Auch unter Radfahrenden haben mehrere problematische Verhaltensweisen seit der vorherigen Erhebung deutlich zugenommen. Zugleich zeigt das Verkehrsklima in Deutschland 2026 eine auffällige Diskrepanz: Viele Menschen bewerten ihr eigenes Verhalten erheblich positiver als das anderer Verkehrsteilnehmer.
Für die repräsentative Online-Befragung wurden zwischen dem 16. März und dem 17. April 2026 bundesweit 2.004 Menschen ab 18 Jahren befragt. Die Daten wurden unter anderem nach Alter, Geschlecht, Bildung, regionaler Verteilung, Führerscheinbesitz sowie Nutzung von Auto, Fahrrad und öffentlichem Nahverkehr gewichtet. Vergleichswerte liegen aus mehreren früheren Erhebungen vor.
Besonders deutlich ist die Entwicklung bei Autofahrenden. 55 Prozent erklärten 2026, sie müssten sich zumindest gelegentlich sofort abreagieren, wenn sie sich über andere Autofahrende ärgern. 2023 waren es 50 Prozent, 2019 noch 45 Prozent und 2016 lediglich 29 Prozent. Fast die Hälfte der befragten Autofahrenden, 47 Prozent, gab zudem an, zu drängeln, wenn das vorausfahrende Auto ihrer Ansicht nach zu langsam fährt. 2016 lag dieser Anteil ebenfalls noch bei 29 Prozent.
Auch andere Verhaltensweisen werden häufiger eingeräumt. 56 Prozent versuchen nach eigener Aussage zumindest gelegentlich, sich bei einer wartenden Fahrzeugkolonne möglichst weit vorne einzuordnen. 2016 waren es 37 Prozent. 40 Prozent fahren nach eigener Angabe dicht auf sogenannte Linksfahrende auf, um die Überholspur freizubekommen. Der Wert lag 2016 bei 26 Prozent. 38 Prozent geben inzwischen an, auf der Autobahn auch rechts an einem Fahrzeug vorbeizufahren, wenn sie sich am Überholen gehindert fühlen. 2016 waren es 23 Prozent.
Nicht jede Entwicklung verläuft allerdings ausschließlich nach oben. Beim schnelleren Fahren aus Ärger lag der Anteil 2026 bei 51 Prozent und damit etwas niedriger als 2023 mit 53 Prozent. Gegenüber 2016 und 2019 mit jeweils 47 Prozent bleibt der Wert dennoch erhöht.
Der Trend beschränkt sich nicht auf Autofahrende. Unter den Fahrrad- und Pedelec-Nutzern, die für diesen Teil der Studie berücksichtigt wurden, gaben 43 Prozent an, sich zumindest gelegentlich die Vorfahrt zu erzwingen. 2023 waren es 28 Prozent. 48 Prozent erklärten, Autos auch links zu überholen oder sich durch den Verkehr zu schlängeln, wenn sie rechts nicht vorbeikommen. Drei Jahre zuvor hatte dieser Anteil bei 34 Prozent gelegen.
Auch auf Radwegen zeigen sich Veränderungen. 49 Prozent der Befragten gaben 2026 an, bei langsameren Radfahrenden zu drängeln oder sehr dicht vorbeizufahren. 2023 waren es 39 Prozent. 56 Prozent versuchen nach eigener Aussage, sich bei einer Schlange wartender Fahrräder möglichst weit vorne einzureihen. Drei Jahre zuvor lag der Anteil ebenfalls bei 39 Prozent. Gleichzeitig sank der Anteil derjenigen, die angaben, mit besonders umsichtigem Tempo zu fahren, von 93 auf 89 Prozent.
Die Zahlen beruhen auf den Angaben der Befragten über ihr eigenes Verhalten. Sie geben daher nicht unmittelbar wieder, wie häufig einzelne Regelverstöße tatsächlich auf Deutschlands Straßen vorkommen. Für den langfristigen Vergleich ist jedoch auffällig, dass zahlreiche gleich oder ähnlich abgefragte Verhaltensweisen gegenüber früheren Untersuchungen häufiger genannt werden.
Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung ist die große Lücke zwischen Selbstbild und Fremdwahrnehmung. 92 Prozent der Autofahrenden erklärten, beim Überholen von Radfahrenden besonders viel Rücksicht zu nehmen. Gleichzeitig beobachteten 86 Prozent nach eigener Aussage, dass andere Autofahrende Fahrräder zu dicht überholen.
Ähnliche Unterschiede zeigen sich bei aggressiven Fahrmanövern. 37 Prozent der Autofahrenden räumten ein, nach einem unerlaubten Überholmanöver dicht auf das vorausfahrende Fahrzeug aufzufahren, um dem Überholenden das Wiedereinscheren zu erschweren. Bei anderen Autofahrenden haben 88 Prozent ein solches Verhalten beobachtet. 56 Prozent berichteten selbst, sich an einer Fahrzeugschlange möglichst weit vorne einzuordnen. 92 Prozent sagten dagegen, ein entsprechendes Verhalten bei anderen zu beobachten.
Auch bei Radfahrenden zeigt sich diese Differenz. 48 Prozent geben selbst an, Autos gegebenenfalls links zu überholen oder sich durch den Verkehr zu schlängeln. Bei anderen Radfahrenden beobachten 83 Prozent dieses Verhalten. Die UDV sieht darin ein wiederkehrendes Muster ihrer Untersuchungen: Probleme werden deutlich häufiger bei anderen wahrgenommen als beim eigenen Verhalten.
Neben aggressivem Verhalten untersucht die Studie auch Ablenkung. Jeder vierte Autofahrende schreibt nach eigenen Angaben während der Fahrt zumindest gelegentlich Textnachrichten. Rund jeder Fünfte nutzt soziale Netzwerke. Besonders groß ist der Anteil derjenigen, die ihr Smartphone in irgendeiner abgefragten Form während der Fahrt mindestens selten nutzen, bei jüngeren Menschen. Unter den 18- bis 35-Jährigen liegt er bei 63 Prozent. Bei den 36- bis 55-Jährigen sind es 42 Prozent und bei den 56- bis 69-Jährigen 22 Prozent. Selbst in der Gruppe ab 70 Jahren beträgt der Anteil 14 Prozent.
Die Unfallforscher weisen zugleich darauf hin, dass technische Möglichkeiten zur Verringerung der Ablenkung teilweise wenig bekannt sind. Dazu gehören Funktionen zur automatischen Stummschaltung, Fahrmodi sowie Anwendungen, die bestimmte Smartphone-Funktionen während der Fahrt begrenzen.
Trotz der Zunahme problematischer Selbstauskünfte empfindet sich eine Mehrheit der Befragten im Straßenverkehr weiterhin als sicher. 58 Prozent ordneten ihr Sicherheitsgefühl in den beiden höchsten Kategorien ein. 2016 waren es 62 Prozent. Besonders groß ist der Unterschied zwischen den Geschlechtern: 66 Prozent der Männer fühlen sich eher oder sehr sicher, bei den Frauen sind es 48 Prozent.
Gleichzeitig wächst die Zustimmung zu mehreren verkehrspolitischen Maßnahmen. Rund 60 Prozent unterstützen laut UDV ein Tempolimit von 130 Kilometern pro Stunde auf Autobahnen, etwa 53 Prozent Tempo 80 auf Landstraßen und rund 43 Prozent Tempo 30 in Städten. 74 Prozent sprechen sich für eine Null-Promille-Grenze beim Autofahren aus. Rund 72 Prozent befürworten nach Angaben der UDV zudem eine zusätzliche 1,1-Promille-Grenze für Radfahrende.
Aus Sicht der Unfallforschung reicht es nicht aus, ausschließlich auf freiwillige Rücksichtnahme zu setzen. Die UDV fordert mehr Polizeikontrollen und höhere Sanktionen. Hintergrund ist unter anderem, dass Kontrollen zwar etwas häufiger erwartet werden, viele Befragte aber nur selten tatsächlich kontrolliert wurden. 2026 erklärten 16 Prozent, innerhalb des vergangenen Jahres bei einer Verkehrskontrolle gewesen zu sein. 39 Prozent gaben an, die letzte Kontrolle liege bereits länger zurück, 21 Prozent waren nach eigenen Angaben noch nie kontrolliert worden.
Texte werden mit Unterstützung von KI-Tools erstellt und vor Veröffentlichung redaktionell geprüft. Mehr dazu