
Der ehemalige Bundespolizist und heutige Sicherheitsanalyst Jan Solwyn verschärft zum Erscheinen seines neuen Buches seine Kritik an der europäischen Migrations- und Grenzpolitik. In „Europa zerbricht an seinen Grenzen“ stellt er die Funktionsfähigkeit des europäischen Asylsystems grundsätzlich infrage und fordert deutlich stärker zentralisierte Verfahren an den Außengrenzen der Europäischen Union. Aktuelle Buchhandelsdaten führen den Titel mit Erscheinungstermin 19. August 2026. Zuvor war teilweise noch der 26. August genannt worden.
Solwyn argumentiert, die EU habe aus den Migrationsbewegungen des vergangenen Jahrzehnts nicht ausreichend gelernt. Besonders kritisch bewertet er das neue Gemeinsame Europäische Asylsystem und die Frage, ob die Mitgliedstaaten die vereinbarten Regeln in einer neuen größeren Migrationslage tatsächlich einheitlich durchsetzen würden. Seine Kritik trifft auf eine europäische Lage, die derzeit zwei unterschiedliche Entwicklungen zeigt: Die registrierten irregulären Grenzübertritte sind auf vielen wichtigen Routen deutlich gesunken. Gleichzeitig hat der außergewöhnliche Massenzustrom in die spanische Exklave Ceuta die Verwundbarkeit einzelner Außengrenzen sichtbar gemacht.
Solwyn war nach Angaben des Institute for National Security Studies 15 Jahre bei der Bundespolizei tätig und erreichte dort den Rang eines Polizeihauptmanns. Er war unter anderem im Rahmen von Frontex-Einsätzen an europäischen Außengrenzen tätig sowie in Koordinierungsfunktionen in Piräus und am Frontex-Hauptsitz in Warschau. Hinzu kamen Einsätze für EU-Grenzmissionen in Moldau und der Ukraine sowie am Grenzübergang Rafah. Heute arbeitet er als Research Assistant am INSS in Tel Aviv.
Aus diesen Erfahrungen leitet Solwyn eine weitreichende Forderung ab. Asylanträge sollten seiner Auffassung nach wesentlich stärker unmittelbar an den Außengrenzen geprüft und abschließend entschieden werden. Grenzschutz und Verfahren müssten stärker auf europäischer Ebene organisiert werden. Menschen mit anerkanntem Schutzstatus könnten anschließend auf Mitgliedstaaten verteilt werden. Für abgelehnte Antragsteller fordert er konsequentere Rückführungsverfahren. Diese Vorschläge gehen in Teilen über das derzeitige EU-System hinaus, in dem weiterhin die nationalen Behörden der Mitgliedstaaten wesentliche Verantwortung tragen.
Solwyns zentrale Kritik richtet sich gegen den EU-Pakt zu Migration und Asyl. Die neuen Regeln werden allerdings erst seit dem 12. Juni 2026 vollständig angewendet. Sie sehen unter anderem einheitlichere Kontrollen bei irregulären Einreisen, schnellere Asyl- und Rückführungsverfahren, neue Regeln zur Zuständigkeit sowie einen dauerhaften Solidaritätsmechanismus zwischen den Mitgliedstaaten vor.
Neu ist außerdem ein verpflichtendes Grenzverfahren für bestimmte Gruppen von Asylsuchenden. Dazu können beispielsweise Antragsteller aus Staaten mit einer EU-weiten Anerkennungsquote von weniger als 20 Prozent gehören. Personen in diesem Verfahren erhalten während der Prüfung keine reguläre Einreiseerlaubnis in das Gebiet des jeweiligen Mitgliedstaates. Die nationalen Staaten müssen dafür entsprechende Kapazitäten schaffen.
Damit verfolgt die EU bereits einen Teil jener Richtung, die Solwyn grundsätzlich fordert. Sein wesentlich weitergehender Ansatz würde jedoch die Verantwortung noch stärker von den einzelnen Mitgliedstaaten auf die europäische Ebene verlagern. Ob das seit gut zwei Monaten geltende System seine Ziele dauerhaft erreicht, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht anhand einer längeren Umsetzungspraxis beurteilen. Seine Einschätzung, das neue System habe strukturell bereits versagt, ist deshalb eine politische Bewertung und bislang kein durch langfristige Daten belegtes Ergebnis.
Besondere Bedeutung erhält die Debatte durch die Ereignisse in Ceuta. Ende Juli gelangten innerhalb kurzer Zeit mehr als 70.000 Menschen aus Marokko in die spanische Exklave. Ein großer Teil kehrte anschließend nach Marokko zurück. Mitte August hielten sich nach Schätzungen noch etwa 5.000 bis 8.000 der neu Eingereisten in Ceuta auf. Die außergewöhnliche Größenordnung brachte Unterbringung, Registrierung und Versorgung erheblich unter Druck.
Der Fall verändert auch die Interpretation der europäischen Grenzstatistik. Frontex meldete für die ersten sieben Monate 2026 rund 61.000 registrierte irreguläre Grenzübertritte an den EU-Außengrenzen. Das waren 37 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Die Behörde weist jedoch ausdrücklich darauf hin, dass die außergewöhnlichen Vorgänge in Ceuta Ende Juli in dieser Zahl noch nicht enthalten sind.
Auch regional entwickelt sich die Lage unterschiedlich. Auf der zentralen Mittelmeerroute sanken die registrierten Übertritte bis Ende Juli um 55 Prozent, auf der westafrikanischen Route um 60 Prozent. Die westliche Mittelmeerroute verzeichnete dagegen einen Anstieg um 37 Prozent. Die Zahlen sprechen somit weder für eine europaweit gleichmäßige Verschärfung noch dafür, dass der Grenzdruck dauerhaft verschwunden wäre.
In Deutschland zeigt sich ebenfalls ein deutlicher Rückgang bei den Erstanträgen. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge registrierte von Januar bis Juni 2026 insgesamt 39.646 Asylerstanträge. Im ersten Halbjahr 2025 waren es noch 61.336. Das entspricht einem Rückgang um rund 35 Prozent. Einschließlich der Folgeanträge gingen im ersten Halbjahr 2026 insgesamt 56.547 Asylanträge beim BAMF ein.
Aus diesen Zahlen lässt sich allerdings nicht ableiten, welche einzelne politische Maßnahme für den Rückgang verantwortlich ist. Migrationsbewegungen hängen unter anderem von Konflikten, politischen Entwicklungen in Herkunfts- und Transitstaaten, Grenzmaßnahmen und Kooperationen mit Drittstaaten ab. Frontex führt den europäischen Rückgang unter anderem auf die Zusammenarbeit mit Partnerstaaten und präventive Maßnahmen in wichtigen Herkunfts- und Transitregionen zurück.
Besonders weit geht Solwyn dort, wo er vor einer politischen Zersplitterung Europas warnt und für den Fall sehr harter Rückführungsmaßnahmen schwere gesellschaftliche Auseinandersetzungen in Deutschland für möglich hält. Solche Szenarien sind Prognosen des Autors. Eine amtliche oder empirisch belastbare Grundlage dafür, dass diese Entwicklung eintreten wird, gibt es nicht.
Der aktuelle Konflikt ist deshalb nüchterner: Europas Migrationsdruck ist nach den verfügbaren Daten auf vielen Routen niedriger als in den Vorjahren. Gleichzeitig zeigt Ceuta, dass außergewöhnlich große Bewegungen einzelne Grenzabschnitte innerhalb kurzer Zeit massiv belasten können. Der neue EU-Pakt soll genau auf Probleme bei Registrierung, Grenzverfahren, Zuständigkeit und Rückführung reagieren. Ob die Umsetzung auch bei einem solchen außergewöhnlichen Ereignis funktioniert, wird zu einem entscheidenden Maßstab für das neue System.
Solwyn bündelt diese Zweifel in „Europa zerbricht an seinen Grenzen“ zu einer grundsätzlichen Kritik an der europäischen Migrationspolitik. Belastbar ist vor allem die Feststellung, dass die EU weiterhin mit sehr unterschiedlich belasteten Migrationsrouten und möglichen plötzlichen Spitzen umgehen muss. Ob daraus tatsächlich eine dauerhafte politische Zerreißprobe für die Union entsteht, ist dagegen offen.
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