
Die Finanzierung des deutschen Staates wird teurer. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen stieg am Mittwoch zeitweise auf 3,275 Prozent und erreichte damit den höchsten Stand seit rund 15 Jahren. Später ging sie auf etwa 3,258 Prozent zurück. Am Donnerstagmorgen entspannte sich die Lage an den internationalen Anleihemärkten etwas. Die Renditen bleiben jedoch auf einem deutlich höheren Niveau als noch zu Beginn des Jahres.
Ifo-Präsident Clemens Fuest sieht deshalb Handlungsbedarf für die Bundesregierung. Er führt die Entwicklung unter anderem auf wachsende Sorgen über höhere Staatsschulden und Inflation zurück. Deutschland brauche nach seiner Einschätzung eine mehrjährige Strategie, mit der Staatsausgaben begrenzt und zugleich die Voraussetzungen für stärkeres Wirtschaftswachstum verbessert werden. Investitionen sollten dabei geschont werden.
Die Forderung trifft auf eine Phase, in der der Bund seine Kreditaufnahme deutlich ausweitet und zugleich mit schnell steigenden Zinsausgaben kalkuliert. Die Entwicklung der Renditen deutscher Staatsanleihen wird damit zunehmend auch zu einer haushaltspolitischen Frage.
Am Mittwoch erreichte die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen laut Reuters in der Spitze 3,275 Prozent. Zum Ende des ersten Quartals hatte sie nach Angaben des Bundesfinanzministeriums noch bei 3,00 Prozent gelegen. Ende 2025 waren es 2,85 Prozent.
Der jüngste Anstieg ist allerdings kein rein deutsches Phänomen. Auch in den USA, Frankreich, Italien und Japan sind die langfristigen Renditen deutlich gestiegen. Anleger verlangen derzeit höhere Verzinsungen für langfristige Staatsanleihen. Gründe dafür sind unter anderem hohe staatliche Kreditaufnahmen, gestiegene Inflationserwartungen und die Unsicherheit über die weitere Geldpolitik.
Hinzu kommen die Folgen des Konflikts im Nahen Osten. Höhere Energiepreise haben die Sorge verstärkt, dass die Inflation länger erhöht bleiben könnte. Das wiederum verändert die Erwartungen an die Zentralbanken. Im Euroraum hatten sich die Renditen bereits seit Beginn des Iran-Konflikts spürbar erhöht. Das Bundeswirtschaftsministerium bezifferte den Abstand zehnjähriger deutscher Renditen zum Niveau vor dem Krieg Mitte Juli auf rund 45 Basispunkte.
Am Donnerstag sorgten Maßnahmen des US-Finanzministeriums zunächst für etwas Entspannung an den internationalen Anleihemärkten. Washington kündigte größere Rückkäufe länger laufender Staatsanleihen an. Dadurch gaben auch Renditen außerhalb der USA etwas nach. Ob daraus eine länger anhaltende Trendwende entsteht, war zunächst offen.
Für den Bundeshaushalt ist das höhere Zinsniveau besonders relevant, weil Deutschland in den kommenden Jahren erheblich mehr Kredite aufnehmen will. Nach dem Finanzplan der Bundesregierung soll allein die Nettokreditaufnahme im Kernhaushalt von 98 Milliarden Euro im Jahr 2026 auf 118,7 Milliarden Euro 2027 steigen. Für 2030 sind 167,3 Milliarden Euro vorgesehen.
Zusätzliche Kredite kommen über Sondervermögen hinzu. Dazu zählt insbesondere das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität. Insgesamt ist für die Jahre 2027 bis 2030 eine umfangreiche Kreditaufnahme des Bundes und seiner Sondervermögen vorgesehen.
Parallel steigen die veranschlagten Zinsausgaben deutlich. Für 2027 kalkuliert der Bund mit rund 41,9 Milliarden Euro im Kernhaushalt. Das sind etwa 11,6 Milliarden Euro mehr als 2026. Für 2028 werden 55,2 Milliarden Euro veranschlagt, für 2029 rund 68,1 Milliarden und für 2030 schließlich 80,7 Milliarden Euro.
Damit würden sich die Zinsausgaben zwischen 2027 und 2030 nahezu verdoppeln. Die Bundesregierung führt die Entwicklung wesentlich auf den höheren Schuldenstand und die gestiegenen Renditen von Bundeswertpapieren zurück.
Höhere Marktrenditen verteuern allerdings nicht sofort den gesamten bestehenden Schuldenberg. Der Bund zahlt bei bereits ausgegebenen festverzinslichen Anleihen grundsätzlich weiterhin die vereinbarten Konditionen. Die Belastung wächst schrittweise, wenn alte Schulden refinanziert werden müssen oder zusätzliche Kredite zu höheren Zinsen aufgenommen werden.
Fuest verbindet den Renditeanstieg mit einer grundsätzlichen Forderung an die Bundesregierung. Deutschland solle eine glaubwürdige mehrjährige Strategie zur Begrenzung der Staatsausgaben und zur Stärkung des Wirtschaftswachstums entwickeln. Investive Ausgaben will der Ifo-Präsident dabei ausdrücklich ausnehmen.
Nach seiner Einschätzung könnte eine solche Strategie das Vertrauen in die deutschen Staatsfinanzen stärken und damit auch den Druck auf die Finanzierungskosten reduzieren. Das ist eine wirtschaftspolitische Einschätzung. Wie stark einzelne Haushaltsentscheidungen die Renditen tatsächlich beeinflussen, lässt sich nicht isoliert bestimmen.
Die Bundesregierung setzt dagegen auf zusätzliche Investitionen in Infrastruktur, Verteidigung und Sicherheit. Das Bundesfinanzministerium verweist darauf, dass sich die Sicherheitslage seit dem russischen Angriff auf die Ukraine grundlegend verändert habe und deshalb deutlich höhere Ausgaben erforderlich seien.
Fuest fordert außerdem Veränderungen auf europäischer Ebene. Nach seiner Vorstellung sollten stärkere Anreize zum Abbau hoher Staatsschulden geschaffen werden. Er spricht sich unter anderem dafür aus, die regulatorische Behandlung von Staatsanleihen in Bankbilanzen zu verändern und bei solchen Anlagen stärker Eigenkapitalanforderungen einzubeziehen.
Die Entwicklung hat Auswirkungen weit über den Bundeshaushalt hinaus. Bundesanleihen dienen im Finanzsystem als wichtige Referenz für zahlreiche andere Zinssätze. Steigen ihre Renditen dauerhaft, können sich deshalb auch Kredite für Unternehmen und private Haushalte verteuern.
Für Unternehmen können höhere Finanzierungskosten Investitionen weniger attraktiv machen. Bei Immobilienkrediten können steigende Kapitalmarktzinsen ebenfalls auf die Konditionen durchschlagen. Damit können höhere Renditen letztlich die wirtschaftliche Nachfrage bremsen.
Gleichzeitig verändert sich die Konkurrenz zwischen Anleihen und Aktien. Wenn vergleichsweise sichere Staatsanleihen höhere Renditen bieten, müssen Anleger für das zusätzliche Risiko von Aktien eine entsprechend attraktive erwartete Rendite erhalten. Besonders hoch bewertete Unternehmen können deshalb empfindlich auf steigende langfristige Zinsen reagieren.
Dieser Zusammenhang war an den europäischen Aktienmärkten zuletzt sichtbar, allerdings nicht als einziger Belastungsfaktor. Am Dienstag fiel der europäische Stoxx 600 um 0,69 Prozent auf 651,90 Punkte. Neben steigenden Anleiherenditen belasteten Inflationssorgen und die Unsicherheit im Nahen Osten. Technologieaktien verloren besonders deutlich.
Am Mittwoch gab der Stoxx 600 nochmals leicht nach und schloss bei 651,16 Punkten. Die zwischenzeitliche Entspannung bei den Renditen reichte nicht aus, um andere Belastungsfaktoren vollständig auszugleichen.
Deutschland steht mit der Entwicklung nicht allein. Besonders langfristige Staatsanleihen gerieten zuletzt weltweit unter Druck. In den USA erreichten die Renditen 30-jähriger Staatsanleihen zeitweise den höchsten Stand seit 2007. Auch in Japan und mehreren europäischen Staaten wurden langjährige Höchststände erreicht.
Dahinter stehen mehrere Entwicklungen gleichzeitig. Regierungen benötigen große Summen für Verteidigung, Infrastruktur und Sozialausgaben. Zugleich erhöht die geopolitische Lage die Unsicherheit über Energiepreise und Inflation. Große Unternehmen, insbesondere aus dem Technologiesektor in den USA, nehmen ebenfalls erhebliche Summen am Kapitalmarkt auf. Dadurch konkurriert eine wachsende Zahl von Schuldnern um Kapital.
Für Deutschland bedeutet das höhere Zinsniveau zunächst vor allem eines: Neue Schulden werden teurer. Ob die Renditen dauerhaft auf dem gegenwärtigen Niveau bleiben oder wieder deutlich sinken, hängt nicht allein von der deutschen Haushaltspolitik ab. Inflation, Entscheidungen der Europäischen Zentralbank, Energiepreise, internationale Kapitalströme und die Entwicklung der globalen Staatsverschuldung bleiben zentrale Einflussfaktoren.
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