
Die Rheinmetall-Aktie ist am Donnerstag erneut unter Druck geraten. Im Xetra-Handel schloss das Papier am 20. August 2026 bei 1.170,20 Euro und damit 0,73 Prozent unter dem Schlusskurs vom Mittwoch von 1.178,80 Euro. Im Tagesverlauf schwankte die Aktie zwischen 1.154,40 und 1.181,40 Euro. Neben der zuletzt ohnehin zurückhaltenden Stimmung bei europäischen Rüstungswerten rückt eine neue Rohstoffregel der USA in den Blick. Zugleich stellen einzelne Analysten die hohen Erwartungen an Rheinmetalls Geschäftsentwicklung ab 2028 infrage.
Die neue US-Regel tritt am 27. August 2026 in Kraft und gilt zunächst bis zum 27. August 2027. Dabei handelt es sich nicht um ein allgemeines Exportverbot für Wolfram. Betroffen sind ausdrücklich Wolframabfälle und Wolframschrott sowie sogenannte Black Mass aus ausgedienten Lithium-Ionen-Batterien. US-Personen, die diese Materialien verkaufen, müssen grundsätzlich 100 Prozent ihrer monatlichen Mengen US-Abnehmern zur Verfügung stellen. Das Bureau of Industry and Security kann jedoch Ausnahmen oder Anpassungen genehmigen.
Washington begründet die Maßnahme mit der Sicherung kritischer Rohstoffe für die nationale Verteidigung und mit dem Ziel, mehr verwertbares Material im eigenen Land zu halten. Wolfram besitzt wegen seiner hohen Dichte, Härte und Temperaturbeständigkeit strategische Bedeutung. Der Rohstoff wird sowohl industriell als auch in militärischen Anwendungen eingesetzt. Die amerikanische Regel ist deshalb vor allem Teil einer umfassenderen Strategie, Abhängigkeiten bei kritischen Mineralien zu verringern und heimische Recyclingkapazitäten zu stärken.
Für Rheinmetall ist Wolfram grundsätzlich relevant. Das Unternehmen nennt den Werkstoff ausdrücklich bei mehreren Produkten aus dem Bereich Mittelkalibermunition. Bei sogenannten FAPDS-Geschossen kommt ein Schwermetallkern aus Wolfram zum Einsatz. Die programmierbare AHEAD-Munition enthält nach Unternehmensangaben zahlreiche Wolfram-Subprojektile. Damit ist der Rohstoff Bestandteil bestimmter Produkte des Rüstungskonzerns.
Eine direkte wirtschaftliche Belastung Rheinmetalls durch die neue US-Regel war bis Donnerstag allerdings nicht nachgewiesen. Insbesondere war nicht bestätigt, in welchem Umfang Rheinmetall oder seine Lieferanten Wolframschrott aus den Vereinigten Staaten beziehen. Die Rheinmetall US-Wolframregel lässt sich deshalb nicht automatisch mit einem bevorstehenden Produktionsproblem gleichsetzen. Unklar blieb zunächst, ob einzelne Lieferketten des Konzerns konkret von der Beschränkung betroffen sind. Eine unabhängige Bestätigung für einen bevorstehenden Materialengpass bei Rheinmetall lag zunächst nicht vor.
An der Börse setzte sich der zuletzt schwächere Trend fort. Die Rheinmetall-Aktie beendete den Xetra-Handel am Donnerstag bei 1.170,20 Euro. Das entsprach einem Minus von 0,73 Prozent gegenüber dem Vortag. Der Kurs hatte bereits am Mittwoch deutlich nachgegeben. Ein eindeutiger Zusammenhang zwischen dem Kursverlust vom Donnerstag und der amerikanischen Wolframregel lässt sich daraus jedoch nicht ableiten. Gleichzeitig beschäftigen Anleger mehrere unternehmensspezifische Themen, darunter die jüngst gesenkte Umsatzprognose und die Frage, wie schnell Rheinmetall seinen stark gewachsenen Auftragsbestand in Umsatz umwandeln kann.
Nach der Aufgabe des deutschen Fregattenprogramms F126 hatte Rheinmetall Anfang August seine Umsatzprognose für 2026 reduziert. Der Konzern erwartet nun einen Jahresumsatz zwischen 13,7 und 14,2 Milliarden Euro. Zuvor waren 14,0 bis 14,5 Milliarden Euro vorgesehen. Die angestrebte operative Ergebnismarge von rund 19 Prozent wurde beibehalten. Der Auftragsbestand lag nach dem zweiten Quartal bei 80,5 Milliarden Euro.
Zusätzliche Aufmerksamkeit erhält derzeit eine kritische Einschätzung von mwb Research. Analyst Jens-Peter Rieck bestätigte die Verkaufseinstufung für Rheinmetall und ein Kursziel von 1.050 Euro. Dabei handelt es sich ausdrücklich um die Einschätzung des Analysehauses und nicht um eine Prognose des Unternehmens. Nach Berechnungen von mwb sind von den fest gebuchten Aufträgen lediglich rund 2,4 Milliarden Euro dem Jahr 2028 zuzuordnen. Dem stehe eine Konsenserwartung für den Umsatz von etwa 25,4 Milliarden Euro gegenüber. Daraus errechnet das Haus eine feste Auftragsabdeckung von rund 9,6 Prozent.
Auch bei Einbeziehung von Rahmenverträgen sieht mwb noch einen erheblichen Teil des für 2028 erwarteten Umsatzes als nicht durch vorhandene Aufträge abgesichert. Das Analysehaus argumentiert deshalb, Rheinmetall müsse in den kommenden Jahren umfangreiche zusätzliche Bestellungen gewinnen und diese vergleichsweise schnell in Umsatz umwandeln, um die derzeitigen Markterwartungen zu erreichen. Ob sich diese Einschätzung bestätigt, hängt von künftigen Aufträgen, Produktionskapazitäten und den tatsächlichen Abrufen der staatlichen Kunden ab.
Die skeptische Einschätzung steht nicht völlig allein. JPMorgan hatte seine Einstufung für Rheinmetall zuletzt bei Neutral und das Kursziel bei 1.350 Euro belassen. Analyst David Perry verwies trotz starker Ergebnisse im zweiten Quartal auf wachsende Unsicherheiten für die kommenden Jahre. Nach seiner Einschätzung deuten Veränderungen bei den erwarteten Auftragseingängen und den Investitionsausgaben darauf hin, dass die Umsätze zwischen 2027 und 2030 niedriger ausfallen könnten als vom Markt bislang unterstellt. Seine Ergebnisschätzungen lägen bis 2030 teilweise deutlich unter dem Analystenkonsens.
Andere Häuser bewerten die Perspektiven weiterhin positiver. Damit bleibt die Spannbreite der Erwartungen groß. Grundlage des langfristigen Wachstumsszenarios sind vor allem die erheblich steigenden Verteidigungsausgaben in Europa und der Ausbau der Produktionskapazitäten für Munition, Fahrzeuge und weitere militärische Systeme. Die neue amerikanische Regel für Wolframschrott fügt diesem Umfeld einen zusätzlichen Rohstofffaktor hinzu. Einen unmittelbar daraus resultierenden Produktionsausfall oder eine Änderung der Rheinmetall-Prognosen gab es bis zum 20. August jedoch nicht.
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