
Die geplante Vollsperrung der Bahnstrecke Hamburg-Lübeck im Oktober stößt bei Unternehmen des Lübecker Hafens auf deutliche Kritik. DB InfraGO will die Verbindung vom 3. bis 19. Oktober 2026 zwischen Hamburg und Ahrensburg vollständig sperren. Hintergrund sind Arbeiten für den Ausbau der S-Bahn-Linie S4 und damit verbundene Maßnahmen an der Infrastruktur. Die Deutsche Bahn hält die Sperrung für erforderlich und betont zugleich, dass die Lübecker Häfen während der Bauphase über Umleitungsstrecken erreichbar bleiben sollen. Hafenbetreiber bezweifeln allerdings, dass die dafür vorgesehene Infrastruktur genügend Kapazität für den regulären Güterverkehr bietet.
Die Sperrung betrifft nicht die gesamte Strecke von Hamburg bis Lübeck. Zwischen Hamburg und Ahrensburg soll jedoch vom 3. bis einschließlich 19. Oktober kein regulärer Zugverkehr möglich sein. Die Deutsche Bahn hatte die Arbeiten bereits in ihrer Übersicht zu den größeren Baumaßnahmen in Schleswig-Holstein für 2026 aufgeführt.
Nach Angaben der Bahn stehen Arbeiten für die neue S4 sowie am elektronischen Stellwerk Wandsbek an. Ein Schwerpunkt liegt demnach an einer Eisenbahnbrücke in Hamburg-Wandsbek. Dort sind unter anderem Betonarbeiten und Veränderungen an der Oberleitung vorgesehen.
DB InfraGO begründet die Vollsperrung damit, mehrere Arbeiten in einem konzentrierten Zeitraum erledigen zu können. Das Unternehmen verspricht sich davon weniger einzelne Eingriffe in den Zugverkehr und eine schnellere sowie wirtschaftlichere Modernisierung. Die Maßnahmen seien außerdem mit weiteren Bauprojekten der kommenden Jahre abgestimmt. Die Bahn verweist darauf, dass die S4 langfristig die Schienenverbindung zwischen Hamburg und Schleswig-Holstein leistungsfähiger machen soll.
Auch Reisende müssen sich auf erhebliche Einschränkungen einstellen. Von den Bauarbeiten sind nach den Planungen unter anderem die Regionalexpresslinien RE 8 und RE 80 sowie die Regionalbahnlinie RB 81 betroffen. Für ausfallende Verbindungen ist Ersatzverkehr mit Bussen vorgesehen.
Deutlich schwieriger ist die Situation im Güterverkehr. Güterzüge können nicht durch Busse ersetzt werden und sind deshalb auf alternative Schienenwege angewiesen. Die Bahn sieht nach Angaben der Lübecker Hafen-Gesellschaft insbesondere eine Umleitung über Lübeck, Büchen und Lüneburg vor.
DB InfraGO erklärte dazu, der Hafen bleibe während der Bauphase über geeignete Umleitungsstrecken erreichbar. Das dafür entwickelte Konzept sei den Kunden der Lübecker Häfen bereits vorgestellt worden und solle ihnen eine Grundlage für ihre Verkehrsplanung geben. Genau an der Leistungsfähigkeit dieser Alternative entzündet sich jedoch die Kritik der Hafenwirtschaft.
Sebastian Jürgens, Geschäftsführer der Lübecker Hafen-Gesellschaft, erklärte, die Verbindung über Büchen und Lüneburg verfüge nur über eingeschränkte Infrastruktur. Unter anderem sei sie nicht durchgehend elektrifiziert. Zudem könnten dort nicht alle Güterzüge in der auf der Hauptstrecke üblichen Länge verkehren.
Nach Darstellung von Jürgens sei die Strecke bereits bei den Planungen für die umfassende Korridorsanierung Hamburg-Lübeck von den beteiligten Unternehmen und DB InfraGO als nicht leistungsfähig genug bewertet worden, um den gesamten Verkehr aufzunehmen. Jürgens befürchtet deshalb, dass ein Teil der Ladung während der Oktober-Sperrung nicht wie vorgesehen auf der Schiene nach Lübeck gebracht oder von dort abtransportiert werden könne.
Die Größenordnung ist erheblich. Allein beim kombinierten Umschlagterminal Baltic Rail Gate seien nach Angaben des LHG-Geschäftsführers in den 17 Tagen etwa 260 Züge betroffen. Auf ihnen würden rund 9.400 Trailer und Container transportiert. Werden zusätzliche Güterzüge etwa für Holz, Baustoffe oder Fahrzeuge berücksichtigt, könnten laut Jürgens insgesamt bis zu 340 Züge von der Sperrung betroffen sein.
Auch Baltic Rail Gate warnt vor wirtschaftlichen Folgen. Das Unternehmen betreibt das Intermodal-Terminal am Skandinavienkai und bildet damit eine wichtige Schnittstelle zwischen den Fährverbindungen des Lübecker Hafens und dem europäischen Schienennetz.
Geschäftsführer Dietmar Lonke erklärte, das Unternehmen rechne infolge der Einschränkungen mit einem spürbaren Umsatzrückgang, der sich auch im Jahresergebnis bemerkbar machen könne. Gleichzeitig müsse das Personal während der Sperrung weiterhin vollständig vorgehalten werden.
Lonke fordert, dass vor einer Vollsperrung leistungsfähige Umleitungsstrecken, ausreichende Trassen für Güterzüge und verbindlich abgestimmte Betriebsabläufe zur Verfügung stehen müssten. Nach seiner Darstellung seien diese Voraussetzungen derzeit nicht vollständig erfüllt. Der Baltic-Rail-Gate-Geschäftsführer befürchtet zudem, dass Kunden Transporte vorübergehend auf andere Routen verlagern könnten und anschließend nicht vollständig nach Lübeck zurückkehrten. Er sieht darüber hinaus die Gefahr, dass wiederkehrende Sperrungen das Vertrauen von Logistikunternehmen in die Zuverlässigkeit der Schiene beeinträchtigen könnten.
LHG-Geschäftsführer Jürgens fordert von DB InfraGO nach eigener Darstellung ein tragfähigeres Konzept für den Güterverkehr. Die Infrastrukturbetreiberin müsse leistungsfähige Alternativrouten bereitstellen und betroffene Unternehmen frühzeitig in die Planung einbeziehen.
Jürgens kritisierte zudem, dass aus seiner Sicht häufiger als früher Vollsperrungen für Bauprojekte genutzt würden. Er verwies darauf, dass Infrastrukturarbeiten in der Vergangenheit teilweise auch unter laufendem Betrieb umgesetzt worden seien. Zusätzliche Vollsperrungen vor der später geplanten umfassenden Sanierung des Korridors Hamburg-Lübeck hält er für problematisch.
DB InfraGO widerspricht der Einschätzung, eine Vollsperrung sei vermeidbar. Insbesondere die Arbeiten an der Eisenbahnbrücke in Wandsbek machten nach Darstellung des Unternehmens eine vollständige Unterbrechung des Verkehrs auf dem betroffenen Abschnitt erforderlich. Die Bahn kündigte zugleich an, den Austausch mit der Lübecker Hafenwirtschaft fortzusetzen. Beide Seiten müssten auch bei den zahlreichen weiteren Bauprojekten auf der Verbindung Hamburg-Lübeck in den kommenden Jahren zusammenarbeiten.
Die Frage, wie Lübeck während umfangreicher Bahnbaumaßnahmen erreichbar bleibt, beschäftigt die Politik bereits seit längerem. Der Schleswig-Holsteinische Landtag hatte sich 2025 fraktionsübergreifend mit den Folgen einer damals für 2027 vorgesehenen Generalsanierung befasst.
CDU, Grüne und SPD sprachen sich dabei dafür aus, die durchgehende Erreichbarkeit des Lübecker Hafens für den Schienengüterverkehr sicherzustellen. Schon damals wurde darauf hingewiesen, dass die Verbindung über Büchen allein nicht über ausreichende Kapazitäten verfüge und nicht vollständig elektrifiziert sei. Als zusätzliche Ausweichroute wurde die Strecke über Bad Kleinen betrachtet.
Die umfassende Sanierung der Strecke Hamburg-Lübeck wurde inzwischen zeitlich verschoben. Nach Angaben der Bahn soll die zweite Jahreshälfte 2028 für Arbeiten an dem Korridor genutzt werden. Die jetzige Oktober-Sperrung ist davon unabhängig und gehört zu den vorbereitenden beziehungsweise parallel laufenden Maßnahmen für den Ausbau der S4. Eine neue, speziell auf die 17-tägige Sperrung im Oktober bezogene Position der Landesregierung oder der Landtagsfraktionen lag am Freitag zunächst nicht vor.
Für die Lübecker Hafenwirtschaft reicht die Auseinandersetzung damit über die 17 Tage im Oktober hinaus. Rund um Lübeck stehen in den kommenden Jahren weitere umfangreiche Arbeiten am Schienennetz an. Dazu gehören Maßnahmen auf der Verbindung Lübeck-Büchen und später die Sanierung des Korridors nach Hamburg.
Gerade die Umleitungsstrecken spielen deshalb eine zentrale Rolle. Die Verbindung Lübeck-Büchen-Lüneburg weist teilweise infrastrukturelle Einschränkungen auf. Eine leistungsfähige zweite Route gilt für Wirtschaft und Politik seit längerem als entscheidend, wenn die Hauptverbindung nach Hamburg zeitweise ausfällt.
Für Oktober hält die Deutsche Bahn an ihrem Konzept fest. Die Hafenwirtschaft fordert dagegen Nachbesserungen bei verfügbaren Trassen, Umleitungswegen und der Abstimmung mit den betroffenen Unternehmen. Damit bleibt vor dem Beginn der Vollsperrung am 3. Oktober vor allem die Frage offen, wie viele der vorgesehenen Güterzüge tatsächlich über alternative Strecken abgewickelt werden können.
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