
Eine neue Studie der Universität Göttingen liefert der Debatte über Deutschlands Entwicklungsausgaben eine wirtschaftliche Dimension. Nach der Modellrechnung geht ein Euro bilateraler deutscher Entwicklungszusammenarbeit mittel- bis langfristig mit rund 2,50 Euro zusätzlichen deutschen Exporten einher. Aus den errechneten Exporteffekten leiten die Autoren zudem rund 378.933 geschaffene oder gesicherte Arbeitsplätze in Deutschland ab. Dabei handelt es sich ausdrücklich um Modellwerte und nicht um gezählte Exportaufträge oder unmittelbar nachgewiesene Beschäftigungsverhältnisse.
Die Untersuchung mit dem Titel „More than Meets the Port: Donor Export Effects of Foreign Aid Revisited“ stammt von Inmaculada Martínez-Zarzoso und Jonathan Lessing vom Ibero-Amerika Institut für Wirtschaftsforschung der Georg-August-Universität Göttingen. Sie erschien im Juli 2026 als Discussion Paper des Instituts. Das Bundesentwicklungsministerium bezeichnet die Untersuchung als von der KfW begleitet. In einem eigenen Beitrag nennt das Ministerium die Universität Göttingen als Quelle und die KfW als Auftraggeberin. Die KfW selbst veröffentlicht und kommuniziert die Ergebnisse. Lessing ist laut einer KfW-Veröffentlichung Mitarbeiter der KfW IPEX-Bank und derzeit an das Bundeswirtschaftsministerium abgeordnet. Die Untersuchung entstand zugleich im Rahmen eines unabhängigen Promotionsprogramms der Universität Göttingen.
Für ihre Analyse werteten die Wissenschaftler Daten aus den Jahren 2005 bis 2024 aus. Untersucht wurden neben Deutschland auch Dänemark, die Niederlande, Norwegen und Schweden sowie je nach Modell mehr als 100 Empfängerländer. Im Zentrum steht bilaterale öffentliche Entwicklungszusammenarbeit, also Mittel, die einem bestimmten Partnerland zugeordnet werden können. Schuldenerlasse wurden aus der verwendeten ODA-Größe herausgerechnet.
Die Autoren verwenden ein sogenanntes Gravitationsmodell des internationalen Handels. Solche Modelle berücksichtigen neben Entwicklungsausgaben weitere Faktoren, die Handelsströme beeinflussen können, darunter Wirtschaftsleistung, Wechselkurse und Freihandelsabkommen. Mit einem dynamischen Panelverfahren versuchen die Forscher zudem, das Problem zu berücksichtigen, dass nicht nur Entwicklungshilfe Exporte beeinflussen könnte, sondern bestehende Handelsbeziehungen ihrerseits die Vergabe von Entwicklungsmitteln beeinflussen können.
Anders als frühere Untersuchungen berücksichtigt die neue Arbeit neben Waren auch Dienstleistungen. Genau dieser Punkt trägt dazu bei, dass die errechneten wirtschaftlichen Effekte höher ausfallen als in einer früheren Göttinger Untersuchung. Für Deutschland ermitteln die Autoren in ihren langfristigen Hauptmodellen eine Exportelastizität von rund 0,11. Je nach Berechnung ergibt sich daraus ein Exporteffekt zwischen 1,88 und 3,11 US-Dollar je Dollar bilateraler Entwicklungshilfe. Die KfW fasst die Ergebnisse mit einem mittleren Wert von rund 2,50 Euro zusätzlichen Exporten je eingesetztem Euro zusammen.
Die häufig genannte Zahl von rund 379.000 Arbeitsplätzen stammt aus einem weiteren Rechenschritt. Die Autoren übertragen die geschätzten zusätzlichen Exporte mithilfe von Input-Output-Tabellen auf die deutsche Produktion und Beschäftigung. Berücksichtigt werden dabei auch Zulieferketten. Das Modell kommt für Deutschland auf rund 378.933 Arbeitsplätze, die mit den errechneten zusätzlichen Exporten verbunden sind.
Die Studie spricht deshalb von geschaffenen beziehungsweise gesicherten Arbeitsplätzen. Sie weist nicht nach, dass ohne Entwicklungszusammenarbeit exakt diese Zahl bestehender Stellen verschwinden würde. Die Beschäftigten wurden auch nicht einzelnen Entwicklungsprojekten zugeordnet.
Besonders deutliche Exporteffekte identifizieren die Forscher für Maschinenbau, Transportdienstleistungen, Informationstechnologie sowie die Chemie- und Elektroindustrie. Bei der deutschen Branchenanalyse fanden sie in 32 von 40 untersuchten Sektoren einen statistisch und wirtschaftlich signifikanten Zusammenhang. Weitere 18 Branchen konnten wegen unzureichender Handelsdaten oder Schwierigkeiten bei der sektoralen Zuordnung nicht in diese Analyse einbezogen werden.
Eine belastbare Verteilung der errechneten Beschäftigungs- oder Exporteffekte auf einzelne Bundesländer enthält die Veröffentlichung dagegen nicht. Aussagen, wonach etwa Bayern, Baden-Württemberg oder Nordrhein-Westfalen besonders stark von dem Effekt profitieren, wären deshalb ohne eine zusätzliche Regionalrechnung nicht durch die Studie gedeckt.
Die Ergebnisse bedeuten zudem nicht, dass jeder Euro Entwicklungshilfe unabhängig vom Zielland denselben wirtschaftlichen Rückfluss erzeugt. Besonders hoch fallen die errechneten Effekte bei größeren Schwellenländern aus. Für deutsche Hilfe an die am wenigsten entwickelten Länder errechnen die Autoren beispielsweise rund 0,50 US-Dollar zusätzliche Exporte je Dollar Hilfe. Bei Ländern mit höherem mittlerem Einkommen erreicht die entsprechende Modellgröße 6,26 Dollar.
Als mögliche Ursachen nennen die Forscher mehrere Mechanismen. Entwicklungszusammenarbeit kann Einkommen und Nachfrage in Partnerländern erhöhen und damit zusätzliche Importe ermöglichen. Langjährige Kooperation kann zudem Informationsbarrieren für Unternehmen reduzieren, Geschäftsbeziehungen aufbauen und die Bekanntheit deutscher Produkte erhöhen. Hinzu kommen Projekte zur Handelsförderung und Infrastruktur.
Damit untersucht die Studie vor allem langfristige Zusammenhänge. Sie behauptet nicht, dass jeder ausgegebene Euro unmittelbar einen Auftrag über 2,50 Euro für ein deutsches Unternehmen auslöst.
Die Ergebnisse haben methodische Grenzen, die auch die Autoren selbst ausführlich benennen. Besonders relevant ist die Wahl des statistischen Verfahrens. Im bevorzugten dynamischen GLS-Modell findet die Studie für Deutschland einen klar positiven Zusammenhang zwischen Entwicklungshilfe und Exporten. Bei einer alternativen Schätzung mit einem sogenannten Poisson-Pseudo-Maximum-Likelihood-Modell war der deutsche Koeffizient für den Zeitraum 2005 bis 2024 dagegen nicht statistisch signifikant. Die Autoren schreiben selbst, dass alternative Berechnungsansätze den positiven Zusammenhang grundsätzlich stützen, Höhe und statistische Präzision der Effekte jedoch zwischen Modellen und Stichproben schwanken.
Auch die Schätzung der Beschäftigungswirkung beruht auf vereinfachenden Annahmen. Die verwendete Input-Output-Methode unterstellt unter anderem konstante Skalenerträge, homogene Produktion innerhalb der Branchen und berücksichtigt keine Substitution zwischen verschiedenen Produktionsfaktoren. Hinzu kommt, dass die verwendeten internationalen Input-Output-Daten des WIOD nur bis 2016 reichen. Veränderungen der deutschen Produktions- und Lieferketten seitdem können deshalb in den Beschäftigungsmultiplikatoren nicht vollständig abgebildet sein.
Die Autoren weisen außerdem darauf hin, dass Waren- und Dienstleistungsdaten methodisch unterschiedlich erfasst werden. Während Warenströme über grenzüberschreitende Lieferungen vergleichsweise direkt statistisch erfasst werden können, basieren Dienstleistungsexporte stärker auf Zahlungs- und Unternehmensmeldungen. Die Zuordnung zu einzelnen Branchen ist deshalb schwieriger.
Die Veröffentlichung fällt in eine Phase erneuter Haushaltskürzungen. Für das Haushaltsjahr 2026 stehen dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung im Einzelplan 23 rund 10,06 Milliarden Euro zur Verfügung. Das entspricht nach Angaben des Ministeriums 1,92 Prozent des Bundeshaushalts. 2025 hatte der BMZ-Etat bei rund 10,31 Milliarden Euro gelegen.
Für 2027 sieht der Regierungsentwurf eine weitere Reduzierung auf rund 9,47 Milliarden Euro vor. Das wären rund 586,6 Millionen Euro weniger als 2026 und ein Minus von knapp sechs Prozent. Der Betrag ist noch kein endgültig beschlossener Haushalt, sondern Gegenstand des parlamentarischen Haushaltsverfahrens. Zusätzlich enthält der Entwurf für den Einzelplan eine globale Minderausgabe von rund 99,4 Millionen Euro.
Bundesentwicklungsministerin Reem Alabali Radovan wertet die neue Untersuchung als Beleg dafür, dass Entwicklungspolitik neben ihren eigentlichen entwicklungspolitischen Zielen auch wirtschaftliche Vorteile für Deutschland haben könne. Die Autoren selbst formulieren vorsichtiger. Sie warnen davor, Entwicklungszusammenarbeit künftig vor allem nach kurzfristigen Exporterträgen auszurichten. Eine solche Schwerpunktsetzung könne mit dem Ziel kollidieren, besonders arme Länder zu unterstützen, bei denen die errechneten Handelsrenditen deutlich geringer ausfallen.
Die Studie Entwicklungshilfe deutsche Exporte liefert damit Hinweise auf einen erheblichen wirtschaftlichen Zusammenhang zwischen bilateraler Entwicklungszusammenarbeit und deutschem Außenhandel. Die konkreten Werte von 2,50 Euro zusätzlichen Exporten und rund 379.000 Arbeitsplätzen bleiben jedoch modellbasierte Schätzungen, deren Höhe von Methode, Datengrundlage und Annahmen abhängt.
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