Italien startet ungewöhnlichen Versuch gegen die Blaukrabbe

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Italien setzt Oktopusse gegen Blaukrabben in der Adria ein. Vor der Küste der Emilia-Romagna werden im Forschungsprojekt Octo-Blu junge Gewöhnliche Kraken aus kontrollierter Aufzucht freigelassen. Sie sollen als natürliche Fressfeinde helfen, die invasive Blaukrabbe einzudämmen. Ob das die Bestände tatsächlich messbar reduziert, ist bislang nicht belegt.

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Getragen und finanziert wird das Projekt Octo-Blu von der Region Emilia-Romagna in Zusammenarbeit mit der Universität Bologna. Die Kooperation entstand 2024 und ist in das italienische Programm des Europäischen Meeres-, Fischerei- und Aquakulturfonds 2021 bis 2027 eingebettet.

Freisetzungen vor Riccione und Cesenatico

Die ersten Freisetzungen fanden nach Angaben der Universität Bologna am 11. und 17. Juni 2026 vor Riccione statt, nahe künstlicher Unterwasserbarrieren. Weitere Aktionen folgten im August vor Cesenatico. Die Küstenwache von Cesenatico unterstützte die jüngste Ausfahrt.

Die sehr jungen Kraken, sogenannte Paralarven, stammen aus kontrollierter Aufzucht der Universität Bologna. Eine endgültige Gesamtzahl veröffentlichte die Region am 24. August nicht. Antonio Casalini von der Universität erklärte jedoch gegenüber dem Corriere di Bologna, im August seien allein bei Cesenatico rund 40.000 Paralarven ausgesetzt worden. Bis Monatsende rechne er mit insgesamt etwa 100.000 bis 150.000 Tieren. Die Zahl von bis zu 150.000 jungen Oktopussen ist daher als Zielgröße beziehungsweise Schätzung einzuordnen.

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Blaukrabbe trifft besonders die Muschelzucht

Die amerikanische Blaukrabbe Callinectes sapidus stammt ursprünglich von den Atlantikküsten Amerikas und hat sich im Mittelmeer ausgebreitet. Besonders betroffen sind Lagunen und Küstengewässer der nördlichen Adria.

Die Krabben fressen unter anderem junge und ausgewachsene Muscheln. Für die italienische Aquakultur ist das besonders problematisch, weil das Po-Delta zu den wichtigsten europäischen Produktionsgebieten für Venusmuscheln gehört.

Die Region Emilia-Romagna bezifferte die dort festgestellten Schäden bis Mitte 2025 auf rund 17 Millionen Euro. In einzelnen Gebieten ging die Produktion marktfähiger Venusmuscheln um mehr als 70 Prozent zurück. Besonders schwer wog zudem die Zerstörung des Muschelnachwuchses.

Seit 2023 stellte die Region 3,5 Millionen Euro zur Unterstützung von Fischerei und Aquakultur bereit. Für 2026 kamen weitere 1,5 Millionen Euro hinzu. Die Mittel dienen unter anderem dazu, Einkommensverluste auszugleichen sowie das Einsammeln, Verwerten und Entsorgen der Blaukrabben zu finanzieren.

Für ganz Italien werden häufig rund 200 Millionen Euro Schaden genannt. Diese Zahl stammt jedoch von Coldiretti Pesca. Eine entsprechende staatliche Gesamtabrechnung liegt nicht vor.

Warum Oktopusse helfen sollen

Der Gewöhnliche Krake Octopus vulgaris gehört zum natürlichen Artenbestand des Mittelmeers und frisst Krebstiere. Bei Octo-Blu wird damit keine weitere gebietsfremde Art eingeführt.

In Laborversuchen der Universität Bologna erwiesen sich Kraken als wirksame Räuber der Blaukrabbe. Nun soll geprüft werden, ob dieser Effekt auch im Meer trägt.

Ein Problem sind die Lebensbedingungen. Große Bereiche der nördlichen Adria besitzen sandige Böden, Kraken benötigen jedoch Verstecke und Höhlen. Deshalb werden die Jungtiere nahe künstlicher Strukturen und Unterwasserbarrieren ausgesetzt. Gerade in warmen, sandigen Lagunen des Po-Deltas, wo die Blaukrabbe besonders große Schäden verursacht, sind die Bedingungen für Kraken nicht überall günstig. Fachleute verweisen deshalb auch auf andere heimische Fressfeinde wie Wolfsbarsche oder Aale.

Ökologische Folgen werden überwacht

Octo-Blu ist keine Einführung eines exotischen Räubers. Trotzdem können große Freisetzungen gezüchteter Tiere ökologische Folgen haben. Das Projekt sieht deshalb ausdrücklich ein wissenschaftliches Monitoring der betroffenen Gebiete vor, auch unter Beteiligung von Berufsfischern.

Die internationale Fachliteratur zum Stock Enhancement beschreibt allgemein mögliche Risiken wie Konkurrenz um Nahrung und Lebensraum, Veränderungen der Bestandsstruktur sowie genetische Effekte, wenn sehr viele Nachkommen aus einer kleinen Zahl von Elterntieren in natürliche Populationen gelangen.

Solche Risiken sind nicht mit nachgewiesenen Schäden durch Octo-Blu gleichzusetzen. Für das konkrete Projekt liegen bislang keine Belege für negative ökologische Auswirkungen vor. Ebenso wenig ist bewiesen, dass genügend Jungkraken überleben und später die Blaukrabbenbestände deutlich reduzieren.

Gerade die Überlebensrate ist entscheidend. Kraken produzieren viele Nachkommen, doch in der frühen Lebensphase ist die natürliche Sterblichkeit hoch. Eine sechsstellige Zahl freigelassener Paralarven bedeutet daher nicht, dass später ebenso viele ausgewachsene Tiere in der Adria leben.

Italien setzt auf mehrere Maßnahmen

Die Oktopusse sind nur ein Teil der italienischen Strategie gegen die invasive Blaukrabbe in der Adria. Der nationale Maßnahmenplan für 2025 und 2026 ist mit insgesamt zehn Millionen Euro ausgestattet. Dazu gehören die intensive Entnahme der Krabben, der Schutz von Aquakulturanlagen, Forschung und eine bessere wirtschaftliche Nutzung gefangener Tiere.

Ob der Gewöhnliche Krake einen messbaren Beitrag leisten kann, soll nun das Monitoring vor Riccione und Cesenatico zeigen. Octo-Blu bleibt damit zunächst ein kontrollierter Versuch, einen bereits heimischen Räuber stärker zur Eindämmung einer invasiven Art zu nutzen.

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