
Die Teilzeitarbeit in Deutschland hat einen neuen Höchststand erreicht. Im zweiten Quartal 2026 arbeiteten nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 40,3 Prozent der Beschäftigten in Teilzeit. Gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres stieg die Quote um 0,4 Prozentpunkte. Gleichzeitig sank die Zahl der Vollzeitbeschäftigten. Die Entwicklung fällt in eine Phase, in der Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften intensiv über Arbeitszeiten, Fachkräftemangel und eine stärkere Erwerbsbeteiligung diskutieren.
Die Marke von 40 Prozent wurde allerdings nicht erstmals 2026 überschritten. Bereits für das zweite Quartal 2025 hatte das IAB eine Teilzeitquote von 40,1 Prozent ausgewiesen. Im ersten Quartal 2026 lag sie ebenfalls bei 40,1 Prozent. Der jetzt veröffentlichte Wert von 40,3 Prozent markiert damit einen neuen Rekord innerhalb der IAB-Arbeitszeitrechnung.
Die Zahl der Teilzeitbeschäftigten nahm im zweiten Quartal 2026 gegenüber dem Vorjahresquartal um 0,5 Prozent zu. Bei den Vollzeitbeschäftigten verzeichnete das IAB dagegen einen Rückgang um 0,9 Prozent. Hinter dieser Verschiebung stehen nach Angaben des Instituts auch strukturelle Veränderungen zwischen einzelnen Branchen.
Beschäftigung entstand vor allem in Bereichen, in denen Teilzeit traditionell eine größere Rolle spielt. Dazu gehören das Gesundheits- und Sozialwesen sowie Erziehung und Unterricht. Gleichzeitig gingen Arbeitsplätze in Wirtschaftszweigen mit einem hohen Vollzeitanteil verloren. Besonders betroffen war das Verarbeitende Gewerbe. Der Rekordwert lässt sich deshalb nicht allein als Entscheidung einzelner Beschäftigter für kürzere Arbeitszeiten interpretieren. Auch die unterschiedliche Entwicklung der Branchen verändert das Verhältnis zwischen Vollzeit und Teilzeit.
Insgesamt ging die Zahl der Erwerbstätigen gegenüber dem zweiten Quartal 2025 um 0,5 Prozent zurück und lag bei knapp 45,7 Millionen Menschen. Das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen sank ebenfalls um 0,5 Prozent auf 14,4 Milliarden Stunden. Saison- und kalenderbereinigt lag der Rückgang gegenüber dem ersten Quartal bei 0,7 Prozent.
Der steigende Teilzeitanteil bedeutet zugleich nicht, dass jede einzelne Teilzeitkraft immer weniger arbeitet. Die betriebsübliche Wochenarbeitszeit von Teilzeitbeschäftigten stieg nach den aktuellen IAB-Zahlen leicht auf durchschnittlich 18,88 Stunden. Bei Vollzeitbeschäftigten blieb sie mit 38,32 Stunden unverändert. Über alle Beschäftigten hinweg lag die betriebsübliche Wochenarbeitszeit bei 30,50 Stunden.
Auch im längerfristigen Vergleich zeigt sich diese Entwicklung. Für das Gesamtjahr 2025 hatte das IAB bei Teilzeitbeschäftigten eine durchschnittliche Wochenarbeitszeit von rund 18,7 Stunden errechnet, 0,2 Stunden mehr als 2024. Die Teilzeitquote im Jahresdurchschnitt lag 2025 bei 39,9 Prozent.
Die IAB-Zahlen unterscheiden sich dabei von Teilzeitquoten des Statistischen Bundesamtes auf Basis des Mikrozensus. Destatis kam für abhängig Beschäftigte 2025 beispielsweise auf 31,9 Prozent. Ein wesentlicher Grund sind unterschiedliche Abgrenzungen. In der IAB-Arbeitszeitrechnung werden unter anderem ausschließlich geringfügig Beschäftigte und weitere marginal Beschäftigte umfassender der Teilzeit zugerechnet. Deshalb sind die verschiedenen Quoten nicht unmittelbar miteinander vergleichbar.
Teilzeit hat zudem sehr unterschiedliche Ursachen. Nach Daten des Statistischen Bundesamtes für 2024 nannten 27,9 Prozent der Teilzeitbeschäftigten den eigenen Wunsch nach reduzierter Arbeitszeit als wichtigsten Grund. 23,5 Prozent arbeiteten wegen der Betreuung von Kindern, Menschen mit Behinderungen oder pflegebedürftigen Angehörigen weniger. Weitere 11,6 Prozent nannten Ausbildung, Weiterbildung oder Studium. Nur 4,8 Prozent gaben damals an, Teilzeit zu arbeiten, weil sie keine passende Vollzeitstelle gefunden hatten.
Besonders ausgeprägt sind die Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Nach Destatis arbeiteten 2025 50,6 Prozent der abhängig beschäftigten Frauen in Teilzeit, bei den Männern lag der Anteil bei 14,3 Prozent. Beide Werte erreichten einen Höchststand.
Parallel zu dieser Entwicklung läuft die politische Debatte über den Umfang und die Verteilung von Arbeitszeit. Bundeskanzler Friedrich Merz hat mehrfach dafür geworben, die Erwerbsarbeit in Deutschland auszuweiten und mehr Vollzeitbeschäftigung zu ermöglichen. Beim IHK-Tag im Mai erklärte er, die Bundesregierung halte daran fest, dass mehr Menschen in Vollzeit arbeiten sollen. Zugleich verwies er auf die geplante Reform des Arbeitszeitgesetzes.
CDU, CSU und SPD haben vereinbart, die Möglichkeit einer wöchentlichen anstelle der bisherigen täglichen Höchstarbeitszeit zu schaffen. Das geltende Arbeitszeitgesetz begrenzt die werktägliche Arbeitszeit grundsätzlich auf acht Stunden und erlaubt unter bestimmten Voraussetzungen eine Verlängerung auf bis zu zehn Stunden. Die Bundesregierung begründet die geplante Änderung vor allem mit größerer Flexibilität bei der Verteilung der Arbeitszeit. Im Juli kündigte Merz an, einen Gesetzentwurf des Bundesarbeitsministeriums im Herbst zu erwarten.
Die Reform ist politisch umstritten. Linke und Grüne haben sich im Bundestag gegen eine Lockerung der täglichen Höchstarbeitszeit ausgesprochen. Auch Gewerkschaften äußerten deutliche Bedenken. Die Regierungskoalition betont dagegen, dass eine Wochenbetrachtung nicht automatisch eine Erhöhung der individuell vereinbarten Arbeitszeit bedeute.
Der vergleichsweise geringe Durchschnitt der Arbeitsstunden in Deutschland hängt wesentlich mit dem hohen Teilzeitanteil zusammen. Nach europäischen Vergleichsdaten arbeitete Deutschland 2025 im Durchschnitt 33,9 tatsächlich geleistete Stunden pro Woche. Nur die Niederlande kamen innerhalb der EU mit 31,9 Stunden auf einen niedrigeren Wert. Der EU-Durchschnitt lag bei 35,9 Stunden.
Bei der normalerweise geleisteten Arbeitszeit weist das Statistische Bundesamt für Deutschland 34,2 Stunden aus. Deutschland hatte 2025 zugleich die zweithöchste Teilzeitquote in der Europäischen Union hinter den Niederlanden. Ein internationaler Vergleich der durchschnittlichen Arbeitszeit sagt daher nur begrenzt etwas darüber aus, wie lange Vollzeitkräfte arbeiten. Entscheidend ist auch, wie stark Teilzeit im jeweiligen Land verbreitet ist.
Die neuen IAB-Zahlen zeigen damit zwei Entwicklungen gleichzeitig: Teilzeit gewinnt weiter an Gewicht, während insbesondere in der Industrie Vollzeitbeschäftigung zurückgeht. Ob eine Reform der gesetzlichen Arbeitszeitregeln daran etwas verändert, hängt nicht allein von zulässigen Höchstgrenzen ab. Betreuungsmöglichkeiten, Branchenentwicklung, individuelle Arbeitszeitwünsche und die wirtschaftliche Nachfrage bestimmen ebenfalls, wie viele Stunden tatsächlich gearbeitet werden.
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