
Das Bündnis Sahra Wagenknecht verliert in Thüringen fast seine gesamte bisherige Führung im Landtag und im Landesverband. Eine Gruppe von zehn Mitgliedern der derzeit zwölfköpfigen BSW-Fraktion um die bisherige Landesvorsitzende Katja Wolf und Fraktionschefin Sigrid Hupach hat sich am Freitag gegen den bisherigen Parteikurs gestellt. Wolf, Hupach und weitere Politiker erklärten ihren Austritt aus dem BSW. Der bereits am Montag aus der Partei ausgetretene Abgeordnete Matthias Herzog gehört ebenfalls zu der Gruppe. Nur Anke Wirsing und Sven Küntzel halten im Landtag weiterhin zum BSW. Die Regierungskoalition mit CDU und SPD wollen Wolf und ihre Mitstreiter dennoch fortsetzen.
Zu der Gruppe gehören neben Wolf und Hupach auch die drei bisherigen BSW-Minister der Landesregierung. Katja Wolf ist Finanzministerin und stellvertretende Ministerpräsidentin, Steffen Schütz gehört als Minister für Infrastruktur und Digitales dem Kabinett an, Tilo Kummer verantwortet das Umweltressort. Auch der Landesvorstand zog Konsequenzen. Der geplante Sonderparteitag am Sonntag, 6. September, wurde abgesagt.
Wolf begründete ihren Schritt mit grundlegenden Differenzen zur Bundesführung um Sahra Wagenknecht. Sie kritisierte insbesondere deren Umgang mit der AfD und Eingriffe in die Thüringer Regierungsarbeit. Der BSW-Bundesvorstand hatte zuvor verlangt, Ministerpräsident Mario Voigt von der CDU die Unterstützung zu entziehen und die Koalition zu verlassen. Hintergrund war unter anderem die Aberkennung von Voigts Doktortitel durch die Technische Universität Chemnitz. Voigt geht gegen diese Entscheidung juristisch vor. Die Mehrheit der Thüringer BSW-Fraktion hatte sich bereits Mitte August gegen den von der Bundesebene verlangten Koalitionsbruch ausgesprochen.
Trotz des politischen Bruchs mit der Partei ist die BSW-Fraktion im Thüringer Landtag am Freitag nicht unmittelbar aufgelöst worden. Hupach erklärte, dass die Fraktion zunächst mit zwölf Abgeordneten weiterbestehe. In der kommenden Woche soll über die parlamentarische Zukunft beraten werden. Damit bestätigten sich frühere Berichte über einen sofortigen Austritt fast aller Mitglieder aus der Fraktion zunächst nicht in dieser Form.
Bereits am Mittwoch hatten Stefan Wogawa, Dirk Hoffmeister und Roberto Kobelt sowohl Partei als auch Fraktion verlassen. Die BSW-Fraktion schrumpfte dadurch von 15 auf zwölf Mitglieder. Die drei Abgeordneten wollen unter dem Namen Deine Stimme zählt eine eigene parlamentarische Gruppe bilden. Matthias Herzog hatte das BSW bereits am Montag verlassen, blieb aber zunächst Mitglied der Fraktion und bekannte sich weiterhin zum Regierungsvertrag. Der Thüringer Landtag führt derzeit zwölf Abgeordnete beim BSW sowie Wogawa, Hoffmeister und Kobelt als fraktionslos.
Die Gruppe um Wolf und Hupach bekennt sich ausdrücklich zur weiteren Zusammenarbeit mit CDU und SPD. Ministerpräsident Mario Voigt erklärte ebenfalls, die Regierung solle ihre Arbeit fortsetzen. Auch SPD-Landeschef und Innenminister Georg Maier stellte den Regierungsauftrag nicht infrage, kündigte allerdings Beratungen seiner Partei über die neue Situation an.
Parlamentarisch war die sogenannte Brombeer-Koalition schon vor den jüngsten Austritten ungewöhnlich konstruiert. CDU, BSW und SPD kamen nach der Landtagswahl zusammen auf 44 der 88 Sitze und verfügten damit nicht über eine eigene absolute Mehrheit. Für wichtige Entscheidungen war die Regierung deshalb bereits auf zusätzliche Unterstützung oder Enthaltungen aus der Opposition angewiesen. Nach den Veränderungen innerhalb des BSW wird die Frage verlässlicher Mehrheiten noch stärker von der Zusammenarbeit einzelner Abgeordneter und parlamentarischer Gruppen abhängen.
Die Linke betrachtet die bisherige Koalition nach dem Bruch innerhalb des BSW dagegen politisch als beendet. Fraktionschef Christian Schaft verwies darauf, dass der Koalitionsvertrag zwischen Parteien geschlossen worden sei. Gleichzeitig signalisierte er Gesprächsbedarf über die künftigen Mehrheitsverhältnisse. Die AfD kündigte an, einen Antrag auf Auflösung des Landtags einzubringen. Für eine vorzeitige Auflösung wäre allerdings eine Zweidrittelmehrheit im Parlament erforderlich.
Der offene Bruch ist das Ergebnis eines länger andauernden Richtungsstreits. Das Thüringer BSW unter Katja Wolf hatte sich nach der Landtagswahl 2024 für eine Regierungsbeteiligung mit CDU und SPD entschieden. Die Bundesführung stand dieser Zusammenarbeit wiederholt kritisch gegenüber. Im August verschärfte sich der Konflikt, nachdem der Bundesvorstand den Thüringer Landesverband zum Ende der Regierungskoalition aufforderte. Die Mehrheit der damaligen Landtagsfraktion lehnte diese Forderung ab. Wirsing und Küntzel stellten sich dagegen stärker hinter den Kurs der Bundespartei.
Wagenknecht wertete die jüngsten Austritte als gezielten politischen Schritt kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am Sonntag. Das ist ihre politische Bewertung. Eine unabhängige Bestätigung für ein abgestimmtes Manöver mit diesem Ziel liegt nicht vor. Fest steht, dass der Streit in Thüringen unmittelbar vor einer für das BSW wichtigen Landtagswahl ausgetragen wird. In Sachsen-Anhalt kämpft die Partei nach jüngsten Umfragen um den Wiedereinzug in ein Landesparlament.
Die Entwicklung reicht über Thüringen hinaus. Bereits in Brandenburg war die Regierungszusammenarbeit zwischen SPD und BSW Anfang 2026 nach schweren innerparteilichen Konflikten und Austritten auseinandergebrochen. In Thüringen verfolgen die ausgetretenen Politiker nun den gegenteiligen Weg: Sie trennen sich von ihrer bisherigen Partei, wollen die bestehende Regierung aber ausdrücklich erhalten.
Damit steht das BSW weniger als drei Jahre nach seiner Gründung vor einer grundlegenden organisatorischen Herausforderung. Im Thüringer Landtag bleiben mit Wirsing und Küntzel nur zwei Abgeordnete eindeutig der Partei verbunden. Wie die bisherige Fraktion künftig heißt, welchen Status sie erhält und in welcher Form sie die Brombeer-Koalition parlamentarisch stützt, soll nach Angaben ihrer bisherigen Führung in der kommenden Woche entschieden werden.
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