
Die hochpathogene Vogelgrippe hat sich in Australien innerhalb weniger Monate deutlich ausgebreitet. Nachdem H5N1 im Juni 2026 erstmals auf dem australischen Festland bei einem wilden Seevogel bestätigt worden war, registrieren die Behörden inzwischen Hunderte Ereignisse bei Wildtieren in sechs Bundesstaaten. Auch Säugetiere sind betroffen. Bestätigte Nachweise gibt es unter anderem bei Pelzrobben, Delfinen und Rotfüchsen. Für die außergewöhnlich artenreiche Tierwelt Australiens erhöht das den Handlungsdruck.
Nach Angaben des australischen Landwirtschaftsministeriums waren mit Stand 4. September 2026 landesweit 484 bestätigte H5-Vogelgrippe-Ereignisse bei Wildtieren registriert. Die Behörden zählen dabei seit Mitte August Ereignisse und nicht mehr einzelne Tiere. Ein Ereignis kann deshalb einen oder mehrere Fälle umfassen. Besonders viele Nachweise gab es in South Australia und Victoria. In Geflügelbeständen oder anderen Bereichen der landwirtschaftlichen Tierhaltung wurde das Virus bislang nicht festgestellt.
Die Weltorganisation für Tiergesundheit WOAH wurde am 20. Juni 2026 über den ersten H5N1-Nachweis bei einem Wildvogel in Australien informiert. Betroffen war eine Braune Skua, die in Western Australia gefunden worden war. Die genetische Analyse ordnete das Virus der Klade 2.3.4.4b zu, die seit Jahren für die globale Ausbreitung von H5N1 bei Wildvögeln, Geflügel und verschiedenen Säugetierarten verantwortlich ist.
Ganz frei von H5N1 war australisches Territorium zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht mehr. Das Umweltministerium hatte das Virus bereits im November 2025 auf Heard Island bestätigt, einer weit vom Festland entfernten australischen Insel im südlichen Indischen Ozean. Die Ereignisse seit Juni 2026 betreffen nun unmittelbar die Tierwelt des Kontinents.
Australiens Behörden kamen bereits Ende Juli zu dem Ergebnis, dass sich das Virus nach ersten Hinweisen auf lokale Übertragungen unter Wildvögeln nicht mehr aus der Wildtierpopulation ausrotten lasse. Seitdem konzentriert sich die Strategie auf Überwachung, Biosicherheit und den Schutz besonders gefährdeter Arten.
Besondere Aufmerksamkeit gilt der Ausbreitung auf Säugetiere. Am 23. August bestätigte das nationale Referenzlabor erstmals H5-Vogelgrippe bei einem Langnasen-Seebären in South Australia. Wenige Tage später folgte ein positiver Befund bei einem Rotfuchs. Nach Angaben der australischen Chefveterinärin gab es dabei zunächst keine Hinweise auf eine Übertragung von Säugetier zu Säugetier.
Am 28. August meldete South Australia zudem den ersten positiven Befund bei einem Delfin. Bis zum 3. September wurden dort weitere H5-Ereignisse unter anderem bei einem Gemeinen Delfin und einem Langnasen-Seebären registriert. Proben dieser ungewöhnlichen Fälle wurden für weitergehende Analysen an das Australian Centre for Disease Preparedness geschickt.
Am 5. September meldete South Australia insgesamt 279 bestätigte H5-Ereignisse im Bundesstaat. Hinzu kamen an diesem Tag unter anderem Nachweise bei einem Habicht, einer Pazifikmöwe und Eilseeschwalben.
Die Vogelgrippe H5N1 in Australien trifft auf eine Tierwelt mit ungewöhnlich vielen Arten, die nirgendwo sonst vorkommen. Nach Angaben des australischen Umweltministeriums sind rund 83 Prozent der Säugetierarten des Landes endemisch. Bei den Vogelarten liegt der Anteil bei etwa 45 Prozent.
Das Umweltministerium hat deshalb zusammen mit Wissenschaftlern unter anderem von BirdLife Australia und der Charles Darwin University eine nationale Risikoanalyse für einheimische Vogel- und Säugetierarten entwickelt. Berücksichtigt werden beispielsweise Lebensweise, Ernährung, Verbreitungsgebiet, Bestandsgröße, Fortpflanzungsrate und Erfahrungen mit vergleichbaren Arten in anderen Teilen der Welt. Die Behörde betont, dass grundsätzlich alle australischen Vögel und Säugetiere einem gewissen H5-Risiko ausgesetzt sind.
Besonders hoch wird das Risiko etwa für den bedrohten Australischen Seelöwen eingeschätzt. Die Tiere leben in Kolonien, vermehren sich langsam und können als Fleischfresser mit infizierten Tieren in Kontakt kommen. Das nationale Risiko wird deshalb als sehr hoch bewertet. Für den Weihnachtsinsel-Fregattvogel weist die Analyse sogar ein extremes Risiko aus.
Auch Koalas gehören als Säugetiere grundsätzlich zu den Arten, bei denen eine Infektion biologisch nicht ausgeschlossen wird. Einen bestätigten H5-Fall bei einem Koala haben die australischen Behörden bislang jedoch nicht gemeldet.
Die Art steht bereits aus anderen Gründen unter erheblichem Druck. Die Populationen in Queensland, New South Wales und dem Australian Capital Territory gelten nach australischem Bundesrecht als gefährdet. Zu den bekannten Belastungen gehören Lebensraumverlust, Hitze, Dürren, Buschfeuer und Krankheiten wie Chlamydieninfektionen.
Eine konkrete Aussage, dass H5N1 derzeit unmittelbar eine Koala-Population bedrohe, lässt sich aus den offiziellen Daten daher nicht ableiten. Größere Aufmerksamkeit richten die Behörden aktuell auf Arten, bei denen Lebensweise, Koloniebildung, Ernährung oder kleine Bestände ein besonders hohes Ausbreitungs- und Bestandsrisiko erwarten lassen.
Australien setzt inzwischen auch Impfstoffe ein, allerdings nicht flächendeckend in der freien Wildbahn. In South Australia beginnt am 7. September im Cleland Wildlife Park ein Programm für zunächst bis zu 100 Vögel aus mehr als 30 Arten. Vorgesehen sind jeweils zwei Impfungen im Abstand von drei bis vier Wochen.
Zu den ausgewählten Arten gehören unter anderem der vom Aussterben bedrohte Orangebauchsittich, der Regent-Honigfresser, Pelikane und weitere heimische Vögel. Die Impfungen richten sich an Tiere, die gehalten oder gezielt betreut werden und bei denen eine Impfung praktisch umsetzbar ist.
Auf Bundesebene fließen nach Angaben des Umweltministeriums 47,1 Millionen australische Dollar in Maßnahmen zur Vorbereitung und zum Schutz der Tierwelt. Dazu gehören Risikoanalysen, Schutzpläne für besonders gefährdete Arten und Standorte sowie verbesserte Biosicherheit für 31 bedrohte Arten in 29 Einrichtungen. Zusätzlich hatte die nationale Regierung im Juli eine Kostenbeteiligung von bis zu 24,8 Millionen australischen Dollar für die unmittelbare H5-Reaktion beschlossen.
Trotz der Ausbreitung unter Wildtieren bewertet das Australian Centre for Disease Control das Risiko für die Bevölkerung weiterhin als niedrig. Infektionen von Menschen mit der derzeit in Australien nachgewiesenen H5N1-Klade 2.3.4.4b wurden im Land bislang nicht festgestellt. Der einzige zuvor in Australien bekannte menschliche H5N1-Fall aus dem Jahr 2024 betraf eine andere Viruslinie und war nach einer Infektion im Ausland diagnostiziert worden.
Die Behörden raten dennoch davon ab, kranke oder tote Wildtiere anzufassen. Beobachtungen sollen dokumentiert und den zuständigen Stellen gemeldet werden.
Für Europa ist die Entwicklung in Australien vor allem aus Sicht des Tier- und Artenschutzes relevant. H5N1 zirkuliert hier bereits seit mehreren Jahren intensiv. EFSA, ECDC und das EU-Referenzlabor registrierten zwischen Ende Februar und Anfang Juni 2026 763 HPAI-Nachweise bei Wildvögeln und 186 Ausbrüche bei gehaltenen Vögeln in Europa. Vereinzelt wurden Infektionen auch bei Säugetieren festgestellt, besonders bei wildlebenden Fleischfressern.
Das ECDC bewertet das Risiko einer H5N1-Infektion für die Allgemeinbevölkerung in der EU und im Europäischen Wirtschaftsraum weiterhin als niedrig. Für Menschen, die beruflich oder anderweitig engen Kontakt zu infizierten Tieren oder kontaminierten Umgebungen haben, gilt es als niedrig bis moderat. Eine anhaltende Übertragung von Mensch zu Mensch ist nicht dokumentiert.
Australiens Entwicklung zeigt damit vor allem die globale Reichweite des Erregers. Ein Kontinent, dessen Festland von der weltweit zirkulierenden H5N1-Linie lange verschont geblieben war, muss seine Schutzmaßnahmen nun auf eine dauerhafte Präsenz des Virus in der Wildtierpopulation ausrichten.
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