
Der Mangel an qualifizierten Beschäftigten könnte sich in Deutschland in den kommenden Jahren wieder erheblich verschärfen. Nach einer aktuellen Arbeitsmarktfortschreibung des Instituts der deutschen Wirtschaft, kurz IW, könnte die rechnerische Fachkräftelücke im Jahr 2029 bei rund 723.000 Personen liegen. Besonders groß könnte sie im Verkauf, in der Kinderbetreuung, in sozialen Berufen, in der Pflege und in der Bauelektrik ausfallen.
Die Zahl ist allerdings keine Vorhersage darüber, wie viele Stellen im Jahr 2029 tatsächlich unbesetzt sein werden. Das IW schreibt für seine Analyse Entwicklungen des Arbeitsmarktes auf Grundlage von Daten bis Ende 2024 fort. Die Werte zeigen damit ein Szenario für den Fall, dass sich wesentliche Trends der vergangenen Jahre fortsetzen. Wirtschaftliche Veränderungen, politische Entscheidungen oder eine andere Entwicklung der Zuwanderung können das Ergebnis deutlich verändern.
Die größte rechnerische Lücke unter den einzelnen Berufsgruppen könnte nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft 2029 bei Verkäuferinnen und Verkäufern entstehen. Das IW kommt hier auf rund 39.100 Stellen, für die unter den Annahmen der Fortschreibung keine passend qualifizierten Arbeitskräfte zur Verfügung stehen könnten.
An zweiter Stelle folgt die Kinderbetreuung und Kindererziehung. Dort könnte die Fachkräftelücke 2029 nach den IW-Berechnungen bei etwa 29.900 Personen liegen. Für Sozialarbeit und Sozialpädagogik ergibt die Fortschreibung rund 23.600 fehlende Fachkräfte.
Auch in Gesundheitsberufen bleibt die Lage angespannt. Für die Gesundheits- und Krankenpflege errechnet das IW für 2029 eine mögliche Lücke von rund 18.700 Fachkräften. In der Bauelektrik könnten etwa 17.400 passend qualifizierte Beschäftigte fehlen.
Damit betrifft das Problem sehr unterschiedliche Teile der Wirtschaft und der öffentlichen Daseinsvorsorge. Neben dem Einzelhandel stehen soziale Einrichtungen, das Gesundheitswesen sowie Bau und Handwerk vor Personalfragen.
Insgesamt könnte der Fachkräftemangel in Deutschland bis 2029 nach der IW-Fortschreibung erheblich zunehmen. Für 2025 liegt die rechnerische Fachkräftelücke in der Analyse bei knapp 370.000 Personen. Für 2029 ergibt sich ein Wert von rund 723.000 und damit nahezu doppelt so viel.
Diese Entwicklung darf nicht mit einem allgemeinen Mangel an Arbeitskräften gleichgesetzt werden. Die Bundesagentur für Arbeit kam in ihrer Engpassanalyse für das Jahr 2025 auf 157 Berufe mit einem Fachkräfteengpass. Im Jahr 2024 waren es noch 163. Die Behörde weist zugleich darauf hin, dass es keinen Beleg für einen flächendeckenden Arbeitskräftemangel in Deutschland gibt. In zahlreichen Berufen ist das verfügbare Arbeitskräfteangebot weiterhin größer als die Nachfrage.
Das zentrale Problem ist deshalb häufig die Qualifikation. Arbeitslose und offene Stellen passen beruflich, fachlich oder regional nicht ausreichend zusammen. Besonders häufig erkennt die Bundesagentur derzeit Engpässe in Pflege und Medizin, in Bau und Handwerk sowie unter anderem bei Erzieherinnen und Erziehern, Berufskraftfahrern und Köchen.
Als einen wesentlichen Grund für die langfristig zunehmenden Personalprobleme nennt das IW die demografische Entwicklung. Die geburtenstarken Jahrgänge erreichen zunehmend das Rentenalter, während kleinere Generationen auf dem Arbeitsmarkt nachrücken.
Das Statistische Bundesamt bezifferte das Ausmaß im Juni 2026 anhand des Mikrozensus 2025. Demnach werden bis 2040 rund 13,3 Millionen der heutigen Erwerbspersonen das gesetzliche Renteneintrittsalter von 67 Jahren überschritten haben. Das entspricht etwa 30 Prozent der Erwerbspersonen, die dem deutschen Arbeitsmarkt 2025 zur Verfügung standen. Jüngere Jahrgänge können diese Zahl nach Einschätzung der Statistiker allein nicht ersetzen.
Das IW sieht neben den Renteneintritten auch die Nachwuchsgewinnung und die Zuwanderung als entscheidende Faktoren. Eine geringere Einwanderung in den deutschen Arbeitsmarkt würde das verfügbare Arbeitskräfteangebot zusätzlich begrenzen. Umgekehrt könnte eine stärkere qualifizierte Zuwanderung die demografische Entwicklung zumindest teilweise abfedern.
Auch die Konjunktur spielt eine Rolle. Eine wirtschaftliche Erholung kann die Nachfrage der Unternehmen nach Beschäftigten wieder erhöhen. Dadurch kann eine Fachkräftelücke wachsen, obwohl sich die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte nicht unmittelbar verändert.
Für die Fachkräftesicherung werden deshalb mehrere Ansätze gleichzeitig diskutiert. Das IW verweist unter anderem auf qualifizierte Zuwanderung. In früheren Arbeitsmarktfortschreibungen hatte das Institut schnellere Verfahren bei Visa und der Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen gefordert.
Daneben sieht das IW Potenzial bei älteren Beschäftigten. Eine höhere Erwerbsbeteiligung von Menschen jenseits des 60. Lebensjahres und ein späteres tatsächliches Ausscheiden aus dem Berufsleben könnten das Arbeitskräfteangebot erhöhen. Gleichzeitig sollen Arbeitslose gezielter für Tätigkeiten qualifiziert werden, in denen Personal fehlt.
Eine weitere Rolle spielt die berufliche Ausbildung. Das IW spricht sich für eine stärkere Berufsorientierung an Schulen und mehr Einblicke junger Menschen in betriebliche Praxis aus. Hintergrund ist, dass besonders Fachkräfte mit abgeschlossener Berufsausbildung in zahlreichen Bereichen fehlen könnten.
Für Branchen mit einem hohen Anteil weiblicher Beschäftigter kommt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf hinzu. Der Handelsverband Deutschland fordert unter anderem einen weiteren Ausbau der Kinderbetreuung und Ganztagsangebote, um zusätzliche Erwerbspotenziale zu erschließen. Der Verband setzt außerdem auf Weiterbildung und vereinfachte Verfahren für die Zuwanderung qualifizierter Arbeitskräfte.
Wie groß die Fachkräftelücke im Jahr 2029 tatsächlich sein wird, lässt sich aus der Fortschreibung nicht ableiten. Bereits frühere IW-Berechnungen haben gezeigt, dass Konjunktur, Migration und Erwerbsbeteiligung die Ergebnisse erheblich verändern können.
Die aktuellen Zahlen zeigen deshalb vor allem, welche Berufsgruppen unter einer Fortsetzung bestehender Trends besonders unter Druck geraten könnten. Dass Fachkräfteengpässe schon heute in zahlreichen Bereichen bestehen, bestätigen auch die Daten der Bundesagentur für Arbeit. Wie stark sie bis 2029 wachsen, hängt dagegen unter anderem von der wirtschaftlichen Entwicklung, der Zuwanderung, der Ausbildung, der Qualifizierung und der Erwerbsbeteiligung älterer Beschäftigter ab.
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