
Der britische Pharmakonzern GSK will sein traditionsreiches Impfstoffwerk in Dresden schließen. Von dem Vorhaben sind nach Angaben der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie 641 Arbeitsplätze betroffen. Das Unternehmen begründet die Entscheidung mit einer sinkenden Nachfrage nach klassischen Grippeimpfstoffen, die auf Hühnereiern hergestellt werden, und daraus entstandenen Überkapazitäten.
Die Produktion von Grippeimpfstoffen soll künftig an einem GSK-Standort im kanadischen Ste-Foy gebündelt werden. Nach Angaben des Konzerns könne das Werk dort die erwartete künftige Nachfrage abdecken. Für Dresden bedeutet die Entscheidung das absehbare Ende einer mehr als hundertjährigen Geschichte als Pharmastandort und einer jahrzehntelangen Spezialisierung auf Impfstoffe.
Der genaue Zeitplan wird in den bislang veröffentlichten Angaben leicht unterschiedlich beschrieben. GSK nannte für die Schließung den Sommer 2027. In Deutschland wurde unter Berufung auf das Unternehmen zugleich Ende September 2027 als Zeitraum für den Abschluss der geplanten Maßnahmen genannt.
Damit dürfte die Produktion nicht unmittelbar eingestellt werden. Zunächst müssen laufende Herstellungsprozesse abgewickelt, Produktionskapazitäten verlagert und die Folgen für die Beschäftigten geregelt werden. GSK kündigte an, mit Betriebsrat und Belegschaft zusammenarbeiten und Unterstützungsmaßnahmen für die betroffenen Mitarbeiter anbieten zu wollen.
Die Gewerkschaft IGBCE und der Betriebsrat lehnen die Schließungspläne ab. Die IGBCE spricht von 641 gefährdeten Arbeitsplätzen und fordert Gespräche mit dem Unternehmen sowie mit Vertretern von Bund und Freistaat Sachsen. Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter kündigte ebenfalls Gespräche mit Unternehmensleitung und Arbeitnehmervertretern an. Dabei solle geprüft werden, welche Handlungsspielräume noch bestehen.
GSK begründet den Schritt vor allem mit Veränderungen im Markt für Influenza-Impfstoffe. Nach Darstellung des Konzerns geht die Nachfrage nach traditionellen, auf Hühnereiern produzierten Grippeimpfstoffen zurück. Das Unternehmen habe deshalb seine beiden entsprechenden Produktionsstandorte in Dresden und Ste-Foy überprüft.
Als Ergebnis dieser Prüfung soll die Fertigung künftig in Kanada konzentriert werden. Nach Angaben von GSK könne der Standort dort die erwartete Nachfrage auf wirtschaftlich nachhaltige und wettbewerbsfähige Weise bedienen.
Das GSK Impfstoffwerk Dresden ist bislang auf saisonale und pandemische Grippeimpfstoffe spezialisiert. Zudem werden dort nach Unternehmensangaben Hepatitis-Impfstoffe formuliert und abgefüllt. Für die Herstellung der Influenza-Impfstoffe werden Viren zunächst vermehrt und anschließend mithilfe von Bruteiern Antigenbestandteile produziert. Die endgültige Zusammensetzung des saisonalen Impfstoffs richtet sich jeweils nach den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation.
Die Wurzeln des Standorts reichen bis zum 1911 gegründeten Sächsischen Serumwerk zurück. Das Werk entwickelte sich später zu einem bedeutenden Impfstoffproduzenten der DDR und wurde nach der Wiedervereinigung privatisiert. Anfang der 1990er-Jahre übernahm SmithKline Beecham den Standort, der nach der Fusion mit Glaxo Wellcome schließlich Teil von GSK wurde.
Das Unternehmen investierte in den folgenden Jahrzehnten mehrere hundert Millionen Euro in Dresden. Nach früheren Angaben von GSK wurden seit 1992 dort rund 900 Millionen Dosen saisonaler und etwa 150 Millionen Dosen pandemischer Grippeimpfstoffe hergestellt. 2022 lag die Jahresproduktion nach Unternehmensangaben bei mehr als 50 Millionen Dosen saisonalem Grippeimpfstoff für mehr als 40 Länder.
Noch aktuell beschreibt GSK Dresden als Produktionsstandort für Impfstoffe für den Weltmarkt. Der saisonale Grippeimpfstoff aus dem Werk wird demnach in rund 70 Ländern vertrieben.
Mit der geplanten Schließung geht Deutschland ein bedeutender Produktionsstandort für Influenza-Impfstoffe verloren. Das bedeutet allerdings nicht das Ende der GSK-Impfstoffproduktion in Deutschland. Der Konzern betreibt weiterhin ein großes Werk in Marburg. Dort werden Impfstoffe und Impfstoffbestandteile unter anderem gegen Gürtelrose, Masern, Mumps und Meningokokken-Erkrankungen hergestellt.
Dresden nimmt innerhalb dieses Produktionsnetzes jedoch eine besondere Rolle bei Influenza-Impfstoffen ein. GSK bezeichnete den Standort bislang als Zentrum für die Entwicklung und Herstellung saisonaler und pandemischer Grippeimpfstoffe.
Damit berührt die Entscheidung auch die Frage der europäischen Pandemievorsorge. GSK hatte 2022 mit der EU-Gesundheitsbehörde HERA einen Rahmenvertrag über die mögliche Lieferung von bis zu 85 Millionen Dosen des pandemischen Grippeimpfstoffs Adjupanrix geschlossen. GSK erklärte damals, der Wirkstoff für diesen Vertrag würde vollständig in Dresden hergestellt.
Welche Auswirkungen die nun angekündigte Standortschließung auf diesen Vertrag und die dafür vorgesehenen Produktionskapazitäten hat, war zunächst nicht offiziell erläutert. Eine bestätigte Aussage dazu, ob entsprechende Kapazitäten vollständig an einen anderen Standort verlagert werden oder der Vertrag angepasst werden muss, lag zunächst nicht vor.
Für Dresden und Sachsen betrifft die Entscheidung nicht nur die unmittelbar gefährdeten Arbeitsplätze. Am Standort arbeiten hoch spezialisierte Beschäftigte in Produktion, Qualitätskontrolle und weiteren pharmazeutischen Bereichen. Sachsens Wirtschaftsministerium sieht deshalb auch wichtige pharmazeutische Produktionskompetenz in Deutschland gefährdet.
Ob die angekündigte Schließung noch verhindert oder verändert werden kann, ist derzeit offen. Die Arbeitnehmervertretungen haben Widerstand angekündigt, die Landesregierung will Gespräche mit GSK führen. Offiziell bestätigt ist bislang jedoch die Entscheidung des Konzerns, die Grippeimpfstoffproduktion in Kanada zu konzentrieren und den Dresdner Standort im Laufe des Jahres 2027 zu schließen.
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