
In zahlreichen deutschen Städten sind am Freitag Schülerinnen, Schüler und andere junge Menschen gegen den neuen Wehrdienst und eine mögliche spätere Wehrpflicht auf die Straße gegangen. Die Initiative „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ sprach von mehr als 45.000 Teilnehmenden in rund 100 Städten. Eine bundesweite amtliche Gesamtzahl gab es zunächst nicht. Die Polizei erfasst die Teilnehmerzahlen jeweils für einzelne Versammlungen.
Der Aktionstag richtet sich vor allem gegen die neue Wehrerfassung, die Musterung junger Männer und die gesetzliche Möglichkeit, bei einem nicht ausreichenden freiwilligen Personalaufbau später eine sogenannte Bedarfswehrpflicht einzuführen. Das seit Anfang 2026 geltende Wehrdienstmodell bedeutet jedoch nicht, dass derzeit sämtliche jungen Männer zum Wehrdienst einberufen werden. Der Dienst selbst ist zunächst freiwillig.
Die Proteste fanden in vielen Teilen Deutschlands statt. Nach Angaben der Initiative waren Aktionen in rund 100 Städten organisiert worden. Die Zahl von mehr als 45.000 Teilnehmenden stammt von den Veranstaltern und lässt sich nicht mit einer bundesweiten Polizeistatistik abgleichen.
Für einzelne Städte lagen dagegen konkrete Polizeizahlen vor. In Berlin-Wedding wurden demnach rund 2.400 Demonstrierende gezählt, in München etwa 700, in Nürnberg 400, in Stuttgart 200 und in Frankfurt am Main 180. In Hamburg versammelten sich mehrere Hundert Menschen, eine konkrete Polizeizahl lag zunächst nicht vor.
Die Beteiligung unterschied sich örtlich deutlich. In Nordrhein-Westfalen wurden beispielsweise rund 350 Teilnehmende in Bielefeld und mehr als 100 in Aachen gezählt. In Krefeld kamen nach Angaben des WDR dagegen zunächst etwa 30 Menschen zusammen, obwohl rund 200 angemeldet worden waren. In Duisburg wurden knapp 20 Teilnehmende gezählt.
Organisiert werden die Aktionen unter dem Namen „Schulstreik gegen Wehrpflicht“. Die Bewegung arbeitet dezentral mit örtlichen Gruppen und Schulstreik-Komitees. In einzelnen Bundesländern oder Städten unterstützen zudem Schülervertretungen sowie politische Jugend- und andere Organisationen die Demonstrationen. In Nordrhein-Westfalen rief beispielsweise auch die Landesschüler*innenvertretung zur Teilnahme auf.
Hintergrund der Proteste ist das Wehrdienst-Modernisierungsgesetz. Der Bundestag beschloss es am 5. Dezember 2025 mit 323 Ja-Stimmen bei 272 Nein-Stimmen und einer Enthaltung. Nach Abschluss des Gesetzgebungsverfahrens wurde es Ende Dezember 2025 verkündet. Die wesentlichen neuen Regelungen gelten seit dem 1. Januar 2026.
Seitdem erhalten junge Erwachsene einen Fragebogen zur Wehrerfassung. Männer müssen ihn beantworten, für Frauen ist die Teilnahme freiwillig. Erfragt werden unter anderem Angaben, die der Einschätzung von Eignung und Bereitschaft zum Dienst in der Bundeswehr dienen. Der eigentliche neue Wehrdienst basiert zunächst auf Freiwilligkeit.
Bis zum 31. August hatte die Bundeswehr nach Angaben des Verteidigungsministeriums mehr als 451.400 Anschreiben zur Wehrerfassung verschickt. Rund 231.700 gingen an Männer, etwa 219.700 an Frauen sowie Personen anderen Geschlechts. Rund 96 Prozent der angeschriebenen Männer hatten innerhalb der vorgesehenen Fristen geantwortet.
Besonders gegen die Musterungen richtet sich ein Teil des aktuellen Protests. Die flächendeckende verpflichtende Musterung von Männern des Geburtsjahrgangs 2008 soll ab dem 1. Juli 2027 sichergestellt werden. Dafür baut die Bundeswehr eine bundesweite Struktur mit 24 Musterungszentren auf.
Musterungen finden allerdings bereits vorher statt. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums wurden bis Ende August fast 1.000 18-jährige Männer des Jahrgangs 2008 gemustert, obwohl sie im Fragebogen kein Interesse an einer Verwendung bei der Bundeswehr angegeben hatten. Die Zahl der Untersuchungen soll entsprechend der verfügbaren Kapazitäten schrittweise steigen.
Die Musterung ist dabei von einer tatsächlichen Einberufung zu unterscheiden. Auch nach den neuen Regeln soll der Wehrdienst zunächst freiwillig bleiben. Die Musterung soll der Bundeswehr unter anderem einen Überblick darüber verschaffen, wie viele potenziell geeignete Wehrpflichtige verfügbar wären.
Eine allgemeine Einberufung junger Männer zum Grundwehrdienst wurde mit dem Gesetz nicht automatisch wieder eingeführt. Sollten die gesetzlich vorgesehenen Ziele beim Personalaufbau nicht mit Freiwilligen erreicht werden oder die sicherheitspolitische Lage dies erforderlich machen, sieht das Gesetz die Möglichkeit einer sogenannten Bedarfswehrpflicht vor. Darüber müsste der Bundestag jedoch erneut in einem Gesetzgebungsverfahren entscheiden.
Die Wehrpflicht war in Deutschland 2011 nicht abgeschafft, sondern ihre Anwendung im Frieden ausgesetzt worden. Mit dem neuen Wehrdienst hat der Bund nun wieder eine systematische Wehrerfassung eingeführt und die Voraussetzungen für verpflichtende Musterungen geschaffen. Eine automatische Rückkehr zu dem bis 2011 praktizierten Grundwehrdienst ist damit nicht verbunden.
Die Bundesregierung verfolgt mit den Änderungen das Ziel, den Personalbestand der Bundeswehr deutlich zu erhöhen. Bis 2035 soll die Zahl der aktiven Soldatinnen und Soldaten auf 255.000 bis 270.000 steigen. Ende August 2026 verfügte die Bundeswehr nach Angaben des Verteidigungsministeriums über rund 186.400 aktive Soldatinnen und Soldaten.
Die Bezeichnung als Schulstreik bedeutet nicht, dass die Schulpflicht für die Teilnahme aufgehoben ist. Das Schulrecht liegt bei den Ländern. Behörden wiesen vor dem Aktionstag darauf hin, dass ein eigenmächtiges Fernbleiben vom Unterricht Konsequenzen haben kann.
Das sächsische Landesamt für Schule und Bildung erklärte beispielsweise, dass Schülerinnen und Schüler ohne Genehmigung oder Entschuldigung unentschuldigt fehlen, wenn sie während des Unterrichts an einer Demonstration teilnehmen. Auch das Bildungsministerium in Schleswig-Holstein verwies auf die bestehende Schulpflicht. Das Recht, außerhalb der Unterrichtspflichten an angemeldeten Demonstrationen teilzunehmen, wird dadurch nicht berührt.






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