
In der russisch besetzten ukrainischen Stadt Oleschky in der Region Cherson verschärft sich die humanitäre Lage. Bewohner haben nach Angaben ukrainischer Stellen und internationaler Menschenrechtsbeobachter kaum noch Zugang zu Lebensmitteln, Medikamenten und medizinischer Versorgung. Gleichzeitig erschweren Minen, Drohnen und die unmittelbare Nähe zur Front eine Evakuierung. Der Europarat fordert deshalb eine örtlich begrenzte Feuerpause und sicheren Zugang für humanitäre Helfer.
Oleschky liegt am östlichen Ufer des Dnipro, nur wenige Kilometer von der ukrainisch kontrollierten Gebietshauptstadt Cherson entfernt. Seit 2022 steht die Stadt unter russischer Kontrolle. Nach der ukrainischen Rückeroberung von Cherson im November 2022 verlief die Front zunehmend entlang des Flusses. Für die verbliebenen Einwohner bedeutet das, dass sie in einem Gebiet leben, das regelmäßig von Drohnen und anderen Waffen erreicht wird.
Der Menschenrechtskommissar des Europarats, Michael O’Flaherty, erklärte am 25. September, die humanitäre Krise in Oleschky verschlechtere sich rapide. Zivilisten, darunter Kinder, seien ohne ausreichende Lebensmittel, Medikamente, medizinische Versorgung, fließendes Wasser und Strom eingeschlossen. Berichte deuteten auf ein hohes Todesrisiko hin.
O’Flaherty forderte eine sofortige örtliche Feuerpause, ungehinderten humanitären Zugang sowie eine sichere Evakuierung. Er verwies zugleich darauf, dass eine Besatzungsmacht nach dem humanitären Völkerrecht Pflichten gegenüber der Zivilbevölkerung habe, darunter die Versorgung mit Lebensmitteln und medizinischen Gütern sowie die Ermöglichung humanitärer Hilfe.
Bereits im Juni hatte die UN-Menschenrechtsbeobachtungsmission in der Ukraine vor einer äußerst schwierigen Lage in Oleschky und weiteren besetzten Gemeinden der Region Cherson gewarnt. Nach Interviews mit mehr als 20 Menschen aus frontnahen Gemeinden berichtete die Mission über Nahrungsmittelknappheit, fehlende medizinische Versorgung sowie erhebliche Gefahren durch Kurzstreckendrohnen und Landminen. Diese Faktoren behinderten sowohl die Versorgung als auch die Flucht von Zivilisten.
Wie viele Menschen sich derzeit noch in Oleschky befinden, lässt sich nicht genau feststellen. Vor Beginn der russischen Großinvasion lebten dort rund 24.000 Menschen. Ukrainische Stellen gehen inzwischen von etwa 2.000 verbliebenen Einwohnern innerhalb der Stadt aus. Andere Angaben von ukrainischen Behörden nennen bis zu 6.000 Menschen einschließlich der umliegenden Gemeinden. Darunter sollen sich etwa 200 Kinder befinden.
Eine genauere Erhebung ist wegen des eingeschränkten Zugangs derzeit kaum möglich. Die UN-Menschenrechtsmission bezog ihre Schätzung im Juni ebenfalls auf mehrere besetzte Gemeinden nahe der Front und nicht ausschließlich auf das Stadtgebiet von Oleschky.
Berichte über einzelne Todesfälle infolge von Hunger sind bislang nicht unabhängig bestätigt. Der ukrainische Journalist Oleh Baturin berichtete am 26. September unter Berufung auf Menschen, die Oleschky verlassen hätten, von entsprechenden Schilderungen aus der Stadt. Eine unabhängige Bestätigung dafür lag zunächst nicht vor.
Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha erklärte am 26. September, in Oleschky gebe es fast nichts mehr zu essen. Menschen seien Berichten zufolge gezwungen, sich teilweise von Pflanzen und Wildkräutern zu ernähren. Auch sauberes Wasser, Medikamente, Strom und medizinische Hilfe seien zunehmend schwer erreichbar. Er forderte internationale Unterstützung für Hilfslieferungen und eine sichere Evakuierung der Zivilbevölkerung.
Der ukrainische Menschenrechtsbeauftragte Dmytro Lubinez hatte zuvor erklärt, für eine Evakuierungsmission seien bereits Verfahren vorbereitet und Listen von ausreisewilligen Einwohnern erstellt worden. Nach seiner Darstellung habe das Internationale Komitee vom Roten Kreuz seine grundsätzliche Bereitschaft zur Beteiligung signalisiert. Russland habe die Durchführung der Mission jedoch bislang nicht bestätigt.
Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz erklärte gegenüber der Nachrichtenagentur AFP, die Sicherheitslage sei schwierig und komplex. Die Organisation sei bereit, Unterstützung zu leisten, wenn die Konfliktparteien dies verlangten und die notwendigen Sicherheitsgarantien vorhanden seien.
Auch der Kreml hat inzwischen eingeräumt, dass es in Oleschky erhebliche Probleme bei der Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten gibt. Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte am 21. September, das russische Militär arbeite daran, die Lage zu verbessern. Zugleich machte er die ukrainische Seite für Schwierigkeiten bei Lieferungen verantwortlich und verwies auf ukrainische Drohnen.
Die Ukraine widerspricht dieser Darstellung und erklärt ihrerseits, russische Kräfte verhinderten Hilfslieferungen und eine organisierte Evakuierung. Beide Seiten beschuldigen einander außerdem, durch Drohnen und Minen den Verkehr in dem Gebiet zu gefährden. Unabhängig überprüfbar sind viele einzelne Vorfälle wegen des fehlenden Zugangs zum Kampfgebiet nicht.
Dass die Gefahr für Zivilisten grundsätzlich erheblich ist, wird jedoch durch die Vereinten Nationen bestätigt. Die UN-Menschenrechtsmission dokumentierte für Oleschky und das nahe gelegene Hola Prystan allein im Jahr 2026 Berichte über mindestens 29 getötete und 54 verletzte Zivilisten. Viele dieser Fälle seien vom UN-Menschenrechtsbüro überprüft worden.
Neben Lebensmitteln und Medikamenten fehlen in Teilen des Gebiets grundlegende Versorgungsleistungen. Der Europarat nennt fehlenden Strom und fließendes Wasser. Schon nach der Zerstörung des Kachowka-Staudamms im Juni 2023 war Oleschky großflächig überflutet worden und hatte schwere Schäden an Infrastruktur und Wohngebäuden erlitten.
Mit sinkenden Temperaturen wächst die Bedeutung funktionierender Strom-, Wasser- und Gesundheitsversorgung weiter. Die aktuelle Forderung internationaler Stellen konzentriert sich deshalb auf drei Punkte: einen sicheren Zugang für humanitäre Organisationen, verlässliche Versorgung der Bevölkerung und eine geschützte Möglichkeit zur Evakuierung der Menschen, die die Stadt verlassen wollen.






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