
In Helsinki entsteht ein ungewöhnlicher Teststand für eine mögliche neue Form städtischer Wärmeversorgung. Das finnische Unternehmen Steady Energy baut in der stillgelegten Kohlekraftwerksanlage Salmisaari einen vollmaßstäblichen Prototyp seines Heizreaktors LDR-50. Anders als ein späteres kommerzielles Kraftwerk enthält die Anlage jedoch keinen Kernbrennstoff. Die für Tests benötigte Wärme wird elektrisch erzeugt. Damit sollen vor allem technische Funktionen und Sicherheitssysteme des späteren Reaktorkonzepts erprobt werden.
Das Projekt rückt dennoch eine Technologie in den Mittelpunkt, die für dicht besiedelte Städte von besonderem Interesse sein könnte: nukleare Fernwärme ohne Stromproduktion. Steady Energy entwickelt den LDR-50 mit einer vorgesehenen thermischen Leistung von 50 Megawatt ausschließlich zur Wärmeerzeugung. Das Unternehmen will damit Fernwärmenetze und später auch industrielle Wärmeverbraucher versorgen.
Der Bau des Versuchssystems begann im Februar 2026 in der Turbinenhalle des früheren Kohlekraftwerks Salmisaari B. Die Anlage befindet sich im Stadtgebiet von Helsinki und nutzt bestehende industrielle Infrastruktur. Nach Angaben des finnischen Wirtschaftsministeriums handelt es sich um ein Modell des späteren Reaktormoduls in Originalgröße.
Der eigentliche LDR-50 soll auf bewährter Leichtwassertechnik beruhen, jedoch bei deutlich niedrigeren Temperaturen und Drücken arbeiten als große Kernkraftwerke zur Stromerzeugung. Da der Reaktor ausschließlich Wärme liefern soll, sind keine Dampfturbinen und Generatoren für die Stromproduktion vorgesehen. Reaktorwasser und Wasser des Fernwärmenetzes sollen voneinander getrennt bleiben und ihre Energie über Wärmetauscher übertragen.
Steady Energy plant kommerzielle Anlagen unterirdisch. Mehrere Module sollen miteinander kombiniert werden können, falls ein Fernwärmenetz mehr als 50 Megawatt thermische Leistung benötigt. Die laufende Testanlage soll nach Unternehmensangaben im Frühjahr 2027 in Betrieb gehen. Anstelle eines Urankerns kommt dabei ein elektrisches Heizelement zum Einsatz.
Zusätzlichen Schub erhielt das Projekt im September. Die Europäische Investitionsbank stellte Steady Energy eine Finanzierung von bis zu 40 Millionen Euro für Forschung, Entwicklung, Tests und Zulassungsarbeiten zur Verfügung. Nach Angaben der EIB handelt es sich um ihre erste Finanzierung für Small Modular Reactor Technologie. Das gesamte von der Bank erfasste Entwicklungsprojekt hat ein veranschlagtes Volumen von rund 98 Millionen Euro.
Die EIB macht zugleich deutlich, dass ihre Finanzierung nicht den Bau oder Betrieb einer nuklearen Anlage und auch keinen Einsatz von Kernbrennstoff umfasst. Gefördert werden die Entwicklungsarbeiten und der nichtnukleare Demonstrator in Helsinki. Damit befindet sich das Projekt weiterhin vor dem entscheidenden Schritt zu einem tatsächlich mit Kernbrennstoff betriebenen Heizreaktor.
Am 2. Oktober begann zudem der Handel mit den Aktien des inzwischen als Steady Energy Oyj firmierenden Unternehmens am Nasdaq First North Growth Market in Helsinki. Das vorangegangene öffentliche Angebot war nach Unternehmensangaben überzeichnet.
Steady Energy nennt Finnland, Schweden, Polen und Tschechien als seine wichtigsten Zielmärkte. Machbarkeitsstudien wurden nach Unternehmensangaben bereits mit Interessenten in Finnland, Polen und Schweden durchgeführt. Außerdem prüfen mehrere finnische Städte den möglichen Einsatz kleiner Heizreaktoren. Dazu gehören neben Helsinki auch Jyväskylä, Kerava und Kuopio.
Auch auf Ebene der Atomaufsicht wird das Konzept grenzüberschreitend untersucht. An einer frühen gemeinsamen Bewertung des LDR-50 waren 2026 Aufsichtsbehörden aus Finnland, Schweden, Polen, Tschechien und der Ukraine beteiligt. Nach Darstellung von Steady Energy wurden dabei keine grundlegenden sicherheitstechnischen Hindernisse festgestellt, die eine weitere Entwicklung des Konzepts ausschließen würden. Das ist jedoch noch keine Betriebsgenehmigung für einen kommerziellen Reaktor.
Von verbindlichen staatlichen Bestellungen in mehreren Ländern kann bislang nicht gesprochen werden. Belegt sind vielmehr regulatorische Zusammenarbeit, Machbarkeitsuntersuchungen und Kontakte zu Energieunternehmen. Steady Energy verfolgt außerdem eine internationale Vermarktung über Europa hinaus.
Helsinki eignet sich für einen solchen Versuch besonders, weil Fernwärme dort bereits eine zentrale Rolle spielt. Nach Angaben des städtischen Energieunternehmens Helen sind fast 90 Prozent des Gebäudebestands der rund 700.000 Einwohner zählenden Stadt an das Fernwärmenetz angeschlossen. Helen untersucht sowohl reine Heizreaktoren als auch kleine Anlagen zur kombinierten Erzeugung von Strom und Wärme.
Die Technik konkurriert dabei nicht nur mit fossilen Brennstoffen. Moderne Fernwärmesysteme können auch Großwärmepumpen, Abwärme, Geothermie, Wärmespeicher und erneuerbaren Strom einsetzen. Ob kleine Heizreaktoren wirtschaftlich mithalten können, dürfte deshalb stark von Baukosten, Finanzierung, Genehmigungsdauer, Auslastung und den lokalen Alternativen abhängen. Belastbare Betriebserfahrungen eines kommerziellen LDR-50 gibt es bislang nicht.
Für Deutschland ist die Entwicklung auch deshalb interessant, weil zahlreiche Städte große Fernwärmenetze ausbauen und ihre Wärmeversorgung schrittweise von fossilen Energieträgern lösen müssen. Daraus folgt jedoch nicht, dass ein LDR-50 hier unmittelbar gebaut werden könnte.
Die Bundesregierung erklärte im März 2026 im Bundestag, Deutschland habe sich für einen Energiemix ohne Nuklearenergie entschieden. Ein Wiedereinstieg in die Nutzung der Kernspaltung sei im Koalitionsvertrag nicht vereinbart. Zugleich verwies sie darauf, dass weder große neue Kernkraftwerke noch SMR kurzfristig errichtet und in Betrieb genommen werden könnten.
Das geltende Atomgesetz untersagt neue Genehmigungen für Anlagen zur Spaltung von Kernbrennstoffen zur gewerblichen Erzeugung von Elektrizität. Der Wortlaut dieser speziellen Regelung bezieht sich ausdrücklich auf Stromerzeugung. Ein ausschließlich zur Wärmeerzeugung bestimmter Reaktor wie der LDR-50 ist damit rechtlich nicht identisch mit den bisherigen deutschen Kernkraftwerken. Daraus ergibt sich allerdings noch keine Zulässigkeit oder ein vorhandenes Genehmigungsverfahren für ein solches Projekt. Für eine reale Einführung wären umfangreiche atomrechtliche, sicherheitstechnische und politische Entscheidungen erforderlich.
Steady Energy selbst peilt die erste kommerzielle Anlage für die 2030er Jahre an. Bis dahin muss der Teststand in Helsinki erst zeigen, dass das vereinfachte Konzept technisch wie vorgesehen funktioniert und sich anschließend durch die nuklearen Genehmigungsverfahren bringen lässt. Der Bau in Salmisaari ist deshalb noch kein Einstieg Helsinkis in den Betrieb eines innerstädtischen Atomheizwerks, sondern ein entscheidender Entwicklungsschritt auf dem Weg dorthin.






Texte werden mit Unterstützung von KI-Tools erstellt und vor Veröffentlichung redaktionell geprüft. Mehr dazu