
Aus der insolventen The Social Chain AG soll nach einem Insolvenzplan ein Unternehmen mit völlig anderem Geschäftsmodell werden. Die Berliner Aktiengesellschaft soll künftig TWM Defense AG heißen, ihre Börsennotierung behalten und unter einem neuen Eigentümer fortgeführt werden. Für die bisherigen Aktionäre sieht der Plan dagegen keine Beteiligung an diesem Neustart vor. Sämtliche derzeit ausgegebenen Aktien sollen ohne Entschädigung auf den vorgesehenen Investor übertragen werden. Damit wäre der Umbau kein klassischer Börsengang eines neuen Rüstungsunternehmens, sondern die Nutzung eines bereits börsennotierten Rechtsträgers nach dessen Entschuldung.
The Social Chain hatte den Insolvenzplan am 11. Juni 2026 beim Amtsgericht Charlottenburg eingereicht. Vorgesehen ist, alle 15.755.343 Namensaktien und damit das gesamte Grundkapital auf die Hamburger MERIDIANA Capital Markets SE zu übertragen. Der Investor soll dafür 255.000 Euro in die Insolvenzmasse einzahlen. Das Geld ist für die Befriedigung der Gläubiger bestimmt. Gleichzeitig soll die durch die Insolvenzeröffnung aufgelöste Gesellschaft fortgesetzt und ihre Satzung vollständig neu gefasst werden. Der neue Name ist laut Plan TWM Defense AG. Außerdem ist genehmigtes Kapital von bis zu rund 7,54 Millionen Euro vorgesehen.
Für die bisherigen Anteilseigner ist die Regelung eindeutig formuliert. Der Insolvenzplan sieht vor, ihnen sämtliche Aktien ohne Ausgleich zu entziehen. Bereits im Oktober 2025 hatte The Social Chain angekündigt, dass ein geplanter Insolvenzplan einen vollständigen Übergang der Anteile auf einen neuen Investor vorsehen solle. Bei der Einreichung im Juni 2026 erklärte die Gesellschaft zudem, dass selbst bei einer Annahme des Plans keine Zahlungen an Aktionäre vorgesehen seien. Als Grund wurde genannt, dass die vorhandenen Mittel nicht ausreichen, um sämtliche Forderungen der Insolvenzgläubiger vollständig zu bedienen.
Damit unterscheidet sich die Stellung der Aktionäre grundsätzlich von derjenigen der Gläubiger. Eigenkapital steht in einer Unternehmensinsolvenz wirtschaftlich hinter den Forderungen der Gläubiger. Der Insolvenzplan soll zugleich einen zusätzlichen Wert aus der bestehenden Börsennotierung realisieren. Nach Angaben der Gesellschaft würde dieser Wert bei einer regulären Abwicklung verloren gehen, weil der Rechtsträger nach Abschluss des Insolvenzverfahrens gelöscht werden könnte.
Der geplante Geschäftszweck unterscheidet sich deutlich von der Vergangenheit von The Social Chain. Das Unternehmen war einst als Beteiligungs- und Handelsgruppe rund um Social Media, Marken und Konsumgüter aufgestellt. Das Insolvenzverfahren wurde im Oktober 2023 eröffnet. Wesentliche operative Beteiligungen wurden anschließend verkauft, darunter die DS-Gruppe. Auch die Beteiligung an KoRo gehörte zu den Vermögenswerten, die im Zuge der Abwicklung veräußert wurden. Der verbleibende börsennotierte Rechtsträger steht damit im Mittelpunkt des neuen Insolvenzplans.
Die neue Satzung sieht ausdrücklich den Namen TWM Defense AG vor. Als künftiger Vorstand ist Rolands Seļakovs genannt. Für den Aufsichtsrat nennt der Insolvenzplan Renars Cupruns, Ruta Kretaine und Jens Weiland. Die bisherigen Insolvenzvorstände sollen mit Wirksamwerden der gesellschaftsrechtlichen Maßnahmen ausscheiden.
Unter der Marke TWM Defense existiert bereits ein britisches Unternehmen. Die Website wird von The Will of Man Ltd betrieben, einer im April 2024 in England und Wales gegründeten Gesellschaft. Im britischen Unternehmensregister ist sie als Hersteller sonstiger Transportausrüstung eingetragen. Das Unternehmen beschreibt ein Angebot aus elektrischen Bodenfahrzeugen und Flugplattformen für militärische und andere Anwendungen. Dazu zählen unbemannte Transportfahrzeuge, Aufklärungsdrohnen, Systeme zur Drohnenabwehr sowie Plattformen, die mit Waffen ausgerüstet werden können.
Unklar blieb zunächst, in welcher gesellschaftsrechtlichen Form dieses britische Geschäft mit der geplanten TWM Defense AG in Deutschland verbunden werden soll. Der veröffentlichte Insolvenzplan regelt vor allem die Übernahme und Fortsetzung des börsennotierten Rechtsträgers. Konkrete Angaben zur Einbringung der britischen Gesellschaft, zu einer Bewertung ihres Geschäfts oder zu künftigen Umsätzen der deutschen AG enthält die veröffentlichte Zusammenfassung nicht.
Der Vorgang ähnelt wirtschaftlich einer sogenannten Börsenmanteltransaktion. Dabei wird nicht ein neues Unternehmen über einen klassischen Börsengang erstmals zugelassen. Stattdessen wird ein bereits notierter Rechtsträger übernommen, neu ausgerichtet und für ein anderes Geschäft genutzt. Im Fall von The Social Chain bezeichnet der Insolvenzplan die bestehende Börsennotierung ausdrücklich als wirtschaftlich verwertbaren Vermögenswert. Der Investor zahlt für den entschuldeten börsennotierten Gesellschaftsmantel 255.000 Euro. Die Notierung soll erhalten bleiben.
Der bisherige Insolvenzfall und das künftige operative Unternehmen müssen dabei getrennt betrachtet werden. Der Plan sieht vor, dass die Gläubiger nicht am späteren wirtschaftlichen Erfolg der TWM Defense AG beteiligt werden. Ihre Zahlungen sollen sich aus dem bei Beendigung des Verfahrens vorhandenen Vermögen, dem Investorbeitrag und möglichen später realisierten Ansprüchen speisen. Zum Stichtag 31. Januar 2026 bezifferte der Plan das vorläufige Insolvenzergebnis vor Verfahrenskosten auf gut drei Millionen Euro.
Die im Insolvenzplan vorgesehene Umbenennung und Aktienübertragung treten nicht allein mit der Einreichung des Dokuments ein. Nach der veröffentlichten Zusammenfassung werden die gesellschaftsrechtlichen Maßnahmen mit der Rechtskraft eines gerichtlichen Planbestätigungsbeschlusses wirksam. Dazu gehören neben der Aktienübertragung auch die Fortsetzung der Gesellschaft, die neue Satzung und der Wechsel der Organe.
Damit steht hinter dem angekündigten Wechsel von The Social Chain zu TWM Defense AG ein ungewöhnlicher Neustart: Eine weitgehend abgewickelte frühere Social-Commerce-Gruppe soll ihren börsennotierten Rechtsträger behalten und unter neuem Eigentümer in einen völlig anderen Wirtschaftsbereich wechseln. Die bisherigen Aktionäre wären nach dem vorgesehenen Modell daran nicht mehr beteiligt.
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