
Frankreichs Haushaltsprobleme verschärfen sich. Die Staatsverschuldung hat einen neuen Höchststand erreicht, während steigende Zinsen die Finanzierung des Haushalts verteuern. Zwei deutsche Wirtschaftswissenschaftler warnen vor den langfristigen Folgen für die zweitgrößte Volkswirtschaft der Eurozone. Zugleich wächst der politische Druck auf Premierminister Sébastien Lecornu, dessen Regierung für 2027 umfangreiche Einsparungen plant. Eine unmittelbar bevorstehende Schuldenkrise gilt allerdings nicht als ausgemacht.
Die jüngsten Zahlen des französischen Statistikamtes Insee verdeutlichen das Ausmaß der finanziellen Schwierigkeiten. Ende Juni 2026 beliefen sich die öffentlichen Schulden auf 3.595,5 Milliarden Euro. Das entsprach 119,0 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Drei Monate zuvor hatte die Schuldenquote noch bei 117,5 Prozent gelegen.
Allein zwischen April und Juni wuchs der Schuldenstand um 59,6 Milliarden Euro. Damit hat sich die finanzielle Ausgangslage Frankreichs weiter verschlechtert.
Bereits 2025 waren die öffentlichen Haushalte tief im Minus. Das Defizit lag bei 152,5 Milliarden Euro beziehungsweise 5,1 Prozent der Wirtschaftsleistung. Gegenüber 2024, als das Defizit 5,8 Prozent erreicht hatte, war dies zwar eine Verbesserung. Die Verschuldung nahm dennoch weiter zu.
Angesichts dieser Entwicklung äußern sich deutsche Wirtschaftswissenschaftler besorgt. Ulrike Neyer, Ökonomin an der Universität Düsseldorf, bezeichnete die französische Finanzlage gegenüber der Rheinischen Post vom 8. Oktober als besonders ernst. Sie verwies auf die Kombination aus hoher Verschuldung, schwachem Wirtschaftswachstum, angespanntem Staatshaushalt und politischer Instabilität.
Neyer sieht Frankreich derzeit als eines der größten finanzpolitischen Probleme innerhalb der Eurozone. Andere europäische Staaten hätten zwar teilweise höhere Schuldenquoten, verfügten inzwischen aber über eine günstigere Entwicklung ihrer öffentlichen Haushalte.
Auch Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, warnte gegenüber der Zeitung vor einer längerfristigen Abwärtsspirale. Steigende Schulden und politische Handlungsunfähigkeit könnten das Vertrauen der Anleger schwächen und dadurch die Finanzierungskosten weiter erhöhen.
Das wiederum könne die Konjunktur beeinträchtigen und zusätzliche Defizite verursachen. Eine unmittelbar bevorstehende Schuldenkrise in Frankreich hält Fratzscher allerdings für übertrieben.
Besonders sichtbar werden die Schwierigkeiten am Anleihemarkt. Die Rendite französischer Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit näherte sich Anfang Oktober der Marke von fünf Prozent. Am 2. Oktober wurde nach historischen Kursdaten von Investing.com zeitweise ein Wert von 4,994 Prozent erreicht.
Am Mittwoch, 7. Oktober, lag die Rendite zum Handelsschluss nach Angaben desselben Anbieters bei rund 4,90 Prozent. Der Anstieg der vergangenen Wochen bedeutet, dass Anleger für französische Staatspapiere eine höhere Verzinsung verlangen.
Entscheidend ist dabei nicht allein das absolute Zinsniveau. Auch der Abstand zu deutschen Staatsanleihen hat sich vergrößert. Deutschland gilt am europäischen Anleihemarkt als besonders verlässlicher Schuldner. Eine größere Renditedifferenz signalisiert deshalb eine höhere Risikobewertung französischer Staatspapiere.
Steigende Marktrenditen verteuern insbesondere neue Anleihen und die Refinanzierung auslaufender Schuldtitel. Sie bedeuten allerdings nicht, dass der gesamte bestehende Schuldenbestand sofort mit den höheren Zinsen belastet wird.
Neben der Schuldenquote bereitet die Entwicklung des französischen Haushaltsdefizits erhebliche Schwierigkeiten. Die Regierung rechnet für 2026 mittlerweile mit einer Neuverschuldung von 5,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Ursprünglich sollte das Defizit auf fünf Prozent zurückgehen.
Für 2027 strebt Paris erneut ein Defizit von fünf Prozent an. Das geht aus den am 1. Oktober vorgestellten Haushaltsplänen hervor.
Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen erschweren diese Ziele. Nach der aktuellen Regierungsprognose dürfte Frankreichs Wirtschaft 2026 lediglich um 0,5 Prozent wachsen. Für 2027 wird eine Wachstumsrate von einem Prozent erwartet.
Der unabhängige französische Hohe Rat für öffentliche Finanzen bewertet die Haushaltslage kritisch. Selbst bei Erreichen des Defizitziels von fünf Prozent würde die Staatsverschuldung nach den Regierungsprojektionen weiter steigen und sich 2027 einer Quote von 122 Prozent annähern.
Die Regierung von Premierminister Sébastien Lecornu versucht, den Anstieg der öffentlichen Schulden durch Einsparungen und zusätzliche Einnahmen zu begrenzen. Der Haushaltsentwurf für 2027 sieht neue Konsolidierungsmaßnahmen im Umfang von 43 Milliarden Euro vor.
Zusammen mit bereits beschlossenen Maßnahmen, die ihre volle Wirkung erst später entfalten sollen, beziffert die Regierung den gesamten Anpassungsumfang auf 54 Milliarden Euro.
Vorgesehen sind unter anderem Veränderungen bei steuerlichen Vergünstigungen für Rentner, eine gedämpfte Rentenanpassung für höhere Renten sowie Einsparungen im Gesundheitswesen.
Die Umsetzung ist politisch schwierig. Lecornu verfügt über keine eigene stabile Mehrheit in der Nationalversammlung. Bereits am 7. Oktober lehnte der Finanzausschuss einen Vorschlag zur Begrenzung steuerlicher Vergünstigungen für Rentner ab. Das war zunächst eine Entscheidung im Ausschuss, nicht die endgültige Abstimmung über den Haushalt.
Die zunehmenden Finanzierungskosten belasten die öffentlichen Haushalte zusätzlich. Nach Berechnungen der französischen Regierung könnten die gesamten öffentlichen Zinsausgaben von 79,2 Milliarden Euro im Jahr 2026 auf 91,2 Milliarden Euro im kommenden Jahr steigen.
Zugleich muss Frankreich große Mengen bestehender Schulden refinanzieren. Die staatliche Schuldenagentur Agence France Trésor plant für 2027 die Ausgabe mittel- und langfristiger Staatsanleihen im Umfang von 340 Milliarden Euro, nach Abzug geplanter Rückkäufe. Darin ist auch die Anschlussfinanzierung auslaufender Anleihen enthalten.
Trotz der gestiegenen Renditen konnte Frankreich seine Anleihen bislang weiterhin am Markt platzieren. Nach Angaben der Schuldenagentur lag die Nachfrage bei mittel- und langfristigen Emissionen seit Jahresbeginn deutlich über dem angebotenen Volumen.
Die hohen Finanzierungskosten stellen dennoch eine zusätzliche Belastung dar, insbesondere wenn sich das schwache Wirtschaftswachstum fortsetzt.
Auch Frankreichs Notenbankchef Emmanuel Moulin hat angesichts der Lage vor weiter steigenden Finanzierungskosten gewarnt. Zugleich erklärte er am 7. Oktober, dass gegenwärtig keine Intervention der Europäischen Zentralbank erforderlich sei.
Die Lösung der Haushaltsprobleme müsse nach seiner Einschätzung vor allem von Frankreich selbst ausgehen. Entscheidend sei ein Haushalt, der eine glaubwürdige Verringerung des Defizits ermögliche.
Frankreich steht bereits seit 2024 unter einem europäischen Verfahren wegen eines übermäßigen Haushaltsdefizits. Die Regeln der Europäischen Union sehen grundsätzlich eine Defizitgrenze von drei Prozent der Wirtschaftsleistung vor.
Die Entwicklung in Paris ist damit auch für die übrigen Eurostaaten relevant. Frankreich gehört zu den größten Volkswirtschaften der Währungsunion und ist ein bedeutender Emittent europäischer Staatsanleihen. Schwierigkeiten bei der Refinanzierung könnten sich deshalb auch auf andere Anleihemärkte auswirken.
Eine erneute europäische Schuldenkrise ist daraus jedoch nicht zwangsläufig abzuleiten. Frankreich verfügt weiterhin über Zugang zu den Kapitalmärkten. Wie sich die Lage entwickelt, hängt wesentlich von den Finanzierungskosten, der wirtschaftlichen Entwicklung und den tatsächlich umgesetzten Haushaltsmaßnahmen ab.
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