
Russland hat erneut in die Geschäfte europäischer Unternehmen eingegriffen. Präsident Wladimir Putin hat die russische Tochtergesellschaft des deutschen Verpackungsherstellers Menshen vollständig unter Zwangsverwaltung gestellt. Betroffen sind sämtliche Unternehmensanteile des Familienunternehmens mit Hauptsitz im sauerländischen Finnentrop. Die Entscheidung betrifft zugleich mehrere weitere europäische Konzerne und verschärft den wirtschaftlichen Konflikt zwischen Moskau und dem Westen.
Grundlage der Entscheidung ist ein am Donnerstag, 15. Oktober 2026, veröffentlichtes Präsidialdekret. Demnach werden 100 Prozent der Anteile an der russischen Gesellschaft Menshen Packaging CIS einer neuen Verwaltung unterstellt. Davon entfallen 99,71 Prozent auf die deutsche Menshen Beteiligungs-GmbH und weitere 0,29 Prozent auf die Georg Menshen GmbH & Co. KG.
Die Verwaltung übernimmt die russische Gesellschaft Zentrum Kapital. Sie erhält damit weitreichende Befugnisse über die Unternehmensanteile, während die bisherigen deutschen Eigentümer ihre unmittelbaren Kontrollmöglichkeiten verlieren.
Eine endgültige Übertragung des Eigentums sieht das Dekret nicht ausdrücklich vor. Die russischen Vorschriften erlauben der eingesetzten Verwaltung, wesentliche Eigentümerrechte auszuüben, schließen aber die Verfügung über das verwaltete Vermögen aus. Eine Aufhebung der Maßnahme liegt in der Entscheidungskompetenz des russischen Präsidenten.
Menshen ist ein international tätiger Hersteller von Kunststoffverschlüssen und Verpackungssystemen. Das Familienunternehmen beschäftigt nach eigenen Angaben weltweit rund 1.400 Menschen und beliefert unter anderem Hersteller von Lebensmitteln, Kosmetikprodukten und Haushaltschemikalien.
Die russische Tochtergesellschaft wurde 2005 gegründet und betreibt einen Standort in Jegorjewsk im Großraum Moskau. Dort werden unter anderem Verschlüsse für Kosmetikprodukte, Reinigungsmittel und Lebensmittel sowie Komponenten für flexible Verpackungen hergestellt.
Welche unmittelbaren Auswirkungen die Zwangsverwaltung auf Beschäftigte, Produktion und Geschäftsbeziehungen in Russland hat, war zunächst nicht bekannt. Auch zum wirtschaftlichen Wert der betroffenen Gesellschaft lagen keine gesicherten aktuellen Angaben vor.
Eine öffentliche Stellungnahme von Menshen zu der Entscheidung lag zunächst ebenso wenig vor wie eine konkrete Reaktion der Bundesregierung.
Das neue Dekret beschränkt sich nicht auf den deutschen Verpackungshersteller. Ebenfalls betroffen sind russische Beteiligungen des französischen Bodenbelagsproduzenten Tarkett, des schwedischen Unternehmens Sverige International Holdings und des belgischen Hygieneartikelherstellers Ontex.
Hinzu kommen russische Vermögenswerte aus dem früheren europäischen Metallverpackungsgeschäft Eviosys, das inzwischen zum US-Verpackungskonzern Sonoco gehört. Die betroffenen Anteile werden ebenfalls der Verwaltungsgesellschaft Zentrum Kapital zugewiesen.
Damit erstreckt sich die neue Maßnahme auf Unternehmen aus mehreren europäischen Staaten und unterschiedlichen Branchen.
Die Zwangsverwaltung westlicher Unternehmensbeteiligungen ist in Russland bereits seit mehreren Jahren möglich. Im April 2023 schuf Putin mit einem Präsidialdekret die Grundlage dafür, Vermögenswerte von Unternehmen aus Staaten unter vorübergehende Verwaltung zu stellen, die Moskau als unfreundlich einstuft.
Bereits damals waren Beteiligungen des deutschen Energiekonzerns Uniper sowie des finnischen Unternehmens Fortum betroffen. Später nutzte Russland das Instrument unter anderem bei den russischen Geschäften des französischen Lebensmittelherstellers Danone und des dänischen Brauereikonzerns Carlsberg.
Im September 2026 folgten weitere Eingriffe, darunter Maßnahmen gegen die Russland-Geschäfte des Schweizer Lebensmittelkonzerns Nestlé sowie der Handelsunternehmen Auchan und Metro.
Der Kreml stellt solche Entscheidungen als Reaktion auf Maßnahmen westlicher Staaten im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg dar und bezeichnet die Zwangsverwaltungen als grundsätzlich umkehrbar.
Die jüngste Entscheidung fällt in eine Phase anhaltender Spannungen zwischen Russland und der Europäischen Union. Seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine im Februar 2022 haben westliche Staaten umfangreiche Sanktionen gegen Moskau verhängt.
In der EU sind rund 210 Milliarden Euro an russischen Staatsvermögenswerten immobilisiert. Über ihre mögliche Verwendung zugunsten der Ukraine wird weiterhin diskutiert. Russland kritisiert diese Maßnahmen und verweist zur Begründung eigener Eingriffe auf die Beschränkungen russischer Eigentumsrechte im Ausland.
Für Menshen bedeutet das neue Dekret zunächst den Verlust der Kontrolle über seine russische Tochtergesellschaft. Ob und unter welchen Voraussetzungen das Unternehmen diese Kontrolle zurückerlangen könnte, blieb zunächst offen.
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