
Münster. Nach mehr als 50 Jahren sollen zwischen Münster und Sendenhorst wieder Personenzüge fahren. Nun ist eine der größten Hürden genommen: Bund und Land haben die Finanzierung des 187 Millionen Euro teuren Bahnprojekts zugesagt. Für Pendler aus Wolbeck, Gremmendorf oder Albersloh könnte sich der Weg nach Münster dadurch deutlich verändern. Doch die Wiederbelebung der Strecke bleibt umstritten. Anwohner befürchten zusätzlichen Lärm, die Kosten sind über die Jahre stark gestiegen und mehrere Klagen beschäftigen noch die Justiz.
Für die WLE-Strecke Münster-Sendenhorst steht die Finanzierung. Am Freitag wurde der Förderbescheid für die Reaktivierung der rund 21 Kilometer langen Bahnverbindung übergeben. Der Bund stellt 161 Millionen Euro bereit, das Land Nordrhein-Westfalen beteiligt sich mit weiteren neun Millionen Euro. Zusätzlich hatte das Land bereits mehr als sechs Millionen Euro für die Planung zur Verfügung gestellt. Die Westfälische Landes-Eisenbahn (WLE) trägt als Infrastrukturbetreiberin ebenfalls einen Teil der Kosten.
Mit dem Geld sollen Gleise erneuert, Bahnübergänge modernisiert, Haltepunkte gebaut und die notwendige Signaltechnik installiert werden. Die Strecke wird seit der Einstellung des Personenverkehrs im Jahr 1975 nur noch für Güterzüge genutzt. Ihre Wiedereröffnung ist eines der ersten Projekte der geplanten S-Bahn Münsterland, die langfristig neun Linien umfassen soll.
„Mit der Finanzierung ist ein weiterer wichtiger Meilenstein geschafft“, erklärt Münsters Oberbürgermeister Tilman Fuchs. Besonders für den wachsenden Stadtteil Gremmendorf, das Gewerbegebiet Loddenheide und die Halle Münsterland sieht er Vorteile.
Künftig sollen batteriebetriebene Züge vom Münsteraner Hauptbahnhof über die Halle Münsterland, Loddenheide, Gremmendorf, Angelmodde und Wolbeck bis nach Albersloh und Sendenhorst fahren. Für die Fahrt zwischen Wolbeck und Hauptbahnhof sind rund 15 Minuten vorgesehen, von Sendenhorst nach Münster etwa 30 Minuten.
Geplant sind drei Verbindungen pro Stunde zwischen Hauptbahnhof und Wolbeck. Zwei davon sollen bis Sendenhorst weiterfahren. Insbesondere für die wachsenden Stadtteile im Südosten Münsters und das Gewerbegebiet Loddenheide versprechen sich die Verantwortlichen eine bessere Anbindung.
„Die WLE-Reaktivierung stärkt die Schiene in Münster und schafft für viele Pendler aus dem Südosten Münsters eine attraktive Alternative zum Auto“, betont Fuchs. Auch NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer hatte die Bedeutung des Projekts bereits bei der Erteilung des Planfeststellungsbeschlusses im Februar hervorgehoben: „Damit wird ein Meilenstein für die Verkehrswende im Münsterland gesetzt.“ An den fünf Haltepunkten auf Münsteraner Stadtgebiet sollen außerdem Mobilstationen entstehen. Dazu gehören überdachte Fahrradabstellplätze, sogenannte Leezenboxen, die den Wechsel zwischen Fahrrad und Bahn erleichtern sollen.
Die Reaktivierung hat allerdings eine lange und kostspielige Planungsgeschichte. Eine frühe Kostenschätzung aus dem Jahr 2018 ging noch von rund 37 Millionen Euro aus. Im März 2024 wurden bereits 133 Millionen Euro veranschlagt. Anfang Oktober 2026 war zunächst von etwa 176 Millionen Euro die Rede. Mit der aktuellen Förderzusage nennt die Stadt Münster nun Projektkosten von 187 Millionen Euro.
Als Gründe für frühere Kostensteigerungen hatte der Zweckverband Nahverkehr Westfalen-Lippe unter anderem gestiegene Bau- und Materialpreise, aufwendige Planungsverfahren und zusätzliche technische Anforderungen genannt. Warum die aktuelle Summe nochmals über der Anfang Oktober genannten Schätzung liegt, wird in der jüngsten Mitteilung nicht erläutert.
Trotz der gestiegenen Kosten fiel die sogenannte Standardisierte Bewertung des Projekts im November 2025 positiv aus. Der berechnete Nutzen-Kosten-Indikator lag bei 1,34 und damit über dem für eine Bundesförderung erforderlichen Wert von 1. In die Berechnung fließen unter anderem Reisezeitgewinne, Umweltwirkungen und wirtschaftliche Effekte ein.
Während Politik und Verkehrsverbände die neue Verbindung überwiegend als Verbesserung des Nahverkehrs betrachten, gibt es entlang der Strecke seit Jahren Widerstand. Die Bürgerinitiative „Pro Rad und Bus – gegen die Bahn“ kritisiert vor allem die steigenden Investitionskosten, mögliche Lärmbelastungen und Eingriffe in angrenzende Grundstücke.
„Die Kosten stehen in keinem vernünftigen Verhältnis zum Nutzen“, heißt es auf der Internetseite der Initiative. Sie bezweifelt zudem, dass die erwarteten Fahrgastzahlen und wirtschaftlichen Vorteile die hohen Ausgaben rechtfertigen. Die offizielle Wirtschaftlichkeitsuntersuchung kommt allerdings zu einem anderen Ergebnis.
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Auswirkungen auf Anwohner entlang der Strecke. Bereits in einer früheren Stellungnahme hatte Michael Eßer von der Bürgerinitiative auf die Belastungen hingewiesen: „Da haben wir das Thema Anlieger mit Schallschutz und Erschütterung.“
Auch die Veränderungen im bisherigen Busverkehr sind umstritten. Nach den bisherigen Planungen sollen unter anderem die Busverbindungen S30 und R32 zwischen Münster und Sendenhorst durch das neue Bahnangebot ersetzt beziehungsweise neu organisiert werden. Die Bürgerinitiative befürchtet dadurch Nachteile für Menschen, die künftig längere Wege zu Haltestellen oder zusätzliche Umstiege in Kauf nehmen müssten.
Befürworter halten dagegen, dass die Bahn größere Fahrgastzahlen bewältigen und den stark belasteten Straßenverkehr entlasten könne. Der Verkehrsclub Deutschland sieht in der Verbindung einen wichtigen Beitrag zur Mobilitätswende.
Die rechtlichen Auseinandersetzungen sind noch nicht abgeschlossen. Zwar hatte die Bezirksregierung Münster am 30. Januar 2026 den Planfeststellungsbeschluss erlassen und der WLE damit grundsätzlich Baurecht erteilt. Gegen die Entscheidung wurden jedoch sieben Klagen und zwei Eilanträge beim Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen eingereicht.
Ursprünglich sollte der Personenverkehr deutlich früher wieder aufgenommen werden. Zwischenzeitlich waren unter anderem die Jahre 2025, 2026 und 2027 als mögliche Starttermine im Gespräch. Diese Zeitpläne konnten nicht eingehalten werden. Nach dem Planfeststellungsbeschluss Anfang 2026 war zuletzt von einer Inbetriebnahme frühestens 2028 die Rede.
Schon im Februar hatte Oberbürgermeister Fuchs auf die lange Vorgeschichte verwiesen: „Der Weg von der ersten Idee bis hierhin war lang.“ Gleichzeitig äußerte er die Hoffnung, dass die WLE das Vorhaben nun möglichst schnell umsetzen könne. Die Finanzierung schafft dafür eine entscheidende Voraussetzung. Ein verbindlicher Termin für die erste reguläre Zugfahrt wird in der aktuellen Mitteilung allerdings nicht genannt.
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