
Betreiber von Offshore-Windparks in Deutschland erschließen sich eine zusätzliche Einnahmequelle. Sie wollen künftig stärker am Regelenergiemarkt teilnehmen und dafür bezahlt werden, ihre Stromproduktion bei Bedarf gezielt zu reduzieren. Erste Windparks in der Nordsee sind bereits zugelassen und bieten entsprechende Leistungen an. Die Übertragungsnetzbetreiber registrieren wachsendes Interesse. Damit könnten Windkraftanlagen auf See künftig eine größere Rolle bei der Stabilisierung des deutschen Stromnetzes übernehmen.
Der Stadtwerke-Zusammenschluss Trianel gehört zu den Unternehmen, die den neuen Vermarktungsweg bereits nutzen. Sein Offshore-Windpark Borkum I ist mit rund 70 Megawatt für sogenannte negative Sekundärregelleistung präqualifiziert. Seit dem 22. Juli 2026 nimmt die Anlage am entsprechenden Markt teil. Bei einem Abruf durch den Übertragungsnetzbetreiber kann die Einspeisung innerhalb von fünf Minuten automatisch reduziert werden. Möglich macht dies eine technische Steuerung, über die entsprechende Vorgaben unmittelbar an den Windpark übermittelt werden. Trianel hatte den erfolgreichen Markteinstieg am 27. August bekannt gegeben.
Auch Vattenfall steigt in dieses Geschäft ein. Nach Angaben des Unternehmens wurde der Offshore-Windpark Veja Mate in der Regelzone von Tennet für die Bereitstellung von Regelenergie zugelassen. Die Anlage mit 67 Windrädern liegt rund 95 Kilometer nordwestlich von Borkum. Gleichzeitig prüfen die Netzbetreiber weitere Projekte. 50Hertz teilte mit, dass sich mehrere Offshore-Windparks in der Präqualifizierungsphase befinden. Auch Tennet beobachtet eine zunehmende Nachfrage von Windparkbetreibern nach einer Teilnahme am Regelreservemarkt.
Die Regelreserve dient dazu, kurzfristige Unterschiede zwischen der Stromerzeugung und dem Verbrauch auszugleichen. Wird mehr Strom produziert als benötigt, müssen geeignete Anlagen ihre Einspeisung verringern oder Verbraucher zusätzliche Energie aufnehmen. Bei negativer Regelleistung können Windparks deshalb auf Anforderung weniger Strom erzeugen. Dafür werden ihre Anlagen entsprechend gesteuert. Die Betreiber verzichten in diesen Situationen auf einen Teil ihrer möglichen Stromproduktion und stellen dem Netzbetreiber die erforderliche Flexibilität zur Verfügung.
Wirtschaftlich interessant ist dabei nicht ausschließlich die tatsächlich reduzierte Strommenge. Auf dem Regelenergiemarkt können Anbieter auch für die Vorhaltung einer bestimmten Leistung vergütet werden. Ob und in welcher Höhe Erlöse entstehen, hängt unter anderem von den Ausschreibungsergebnissen, der Verfügbarkeit und möglichen Abrufen ab. Besonders bei niedrigen Strombörsenpreisen kann die Bereitstellung negativer Regelleistung attraktiver sein als die vollständige Einspeisung. Vattenfall geht davon aus, dass Windparks ihre Einnahmen in diesem Geschäft überwiegend durch die Vorhaltung von Regelleistung erzielen können.
Der Regelenergiemarkt wird bislang vor allem von flexibel steuerbaren Kraftwerken, Pumpspeichern und Batteriespeichern bedient. Die Beteiligung von Windenergieanlagen ist vergleichsweise gering. Das Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik sieht in den aktuellen Zulassungen von Offshore-Windparks jedoch einen Hinweis darauf, dass erneuerbare Energien zunehmend für solche Aufgaben genutzt werden. Während die Reduzierung der Stromproduktion bei entsprechender Windverfügbarkeit technisch gut umsetzbar ist, gestaltet sich die Bereitstellung positiver Regelleistung schwieriger. Dafür müssten Windparks vorsorglich unterhalb ihrer möglichen Leistung betrieben werden, damit sie ihre Einspeisung bei Bedarf erhöhen können. Das würde zusätzliche Stromerzeugung verhindern und wäre häufig wirtschaftlich wenig attraktiv.
Hinzu kommen technische und wirtschaftliche Anforderungen. Betreiber müssen vor einer Marktteilnahme nachweisen, dass ihre Anlagen zuverlässig und ausreichend schnell auf Steuerbefehle reagieren. Außerdem sind entsprechende Verträge, Messsysteme und sichere Kommunikationsverbindungen erforderlich. Batteriespeicher können ihre Leistung flexibler verändern und gelten deshalb grundsätzlich als besonders geeignete Anbieter. Dennoch erweitert die Beteiligung von Offshore-Windparks die verfügbaren Möglichkeiten zur Stabilisierung des Stromnetzes. Mit weiteren zugelassenen Anlagen könnte der Wettbewerb auf dem Regelenergiemarkt zunehmen. Wie hoch die zusätzlichen Einnahmen einzelner Windparks ausfallen, lässt sich daraus noch nicht ableiten.
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