
Die Zuckerrübenernte 2026 fällt in Deutschland regional sehr unterschiedlich aus. Während die Landwirte im Norden mit durchschnittlichen bis leicht überdurchschnittlichen Ergebnissen rechnen, müssen Betriebe im Süden und Westen erhebliche Verluste hinnehmen. Gleichzeitig setzen niedrige Zuckerpreise die Landwirtschaft und die verarbeitende Industrie unter Druck. Für Verbraucher könnten sich die Folgen im kommenden Jahr bei einzelnen Lebensmitteln bemerkbar machen.
Nach der jüngsten Schätzung der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker (WVZ) dürfte die deutsche Zuckerproduktion auf rund 3,3 Millionen Tonnen zurückgehen. Im vergangenen Wirtschaftsjahr waren es noch etwa 4,4 Millionen Tonnen. Das entspricht einem erwarteten Rückgang von rund 25 Prozent. Verantwortlich sind sowohl niedrigere Hektarerträge als auch deutlich verkleinerte Anbauflächen.
In Niedersachsen und weiteren norddeutschen Anbaugebieten entwickelt sich die Ernte vergleichsweise günstig. Eckhard Hinrichs, Vorsitzender des Dachverbands Norddeutscher Zuckerrübenanbauer, erklärte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur, die bisherigen Ergebnisse lägen sogar leicht über dem Durchschnitt. Auch die Zuckergehalte seien erfreulich hoch. Im Gegensatz zu anderen Regionen hätten die Pflanzen im Norden weniger unter extremen Temperaturen und anhaltender Trockenheit gelitten. Die dortige Erntekampagne dürfte voraussichtlich bis Mitte Januar 2027 dauern.
Deutlich schwieriger ist die Situation in südlichen und westlichen Anbaugebieten. Im Rheinland erwartet der Rheinische Rübenbauer-Verband nach Angaben seines Geschäftsführers Peter Kasten Erträge von etwa 71 Tonnen je Hektar. Das wären 20 bis 25 Prozent weniger als im Vorjahr und 15 bis 20 Prozent weniger als im mehrjährigen Durchschnitt. Trockenheit und Hitze haben das Wachstum der Rüben erheblich beeinträchtigt. Auch Südzucker bestätigte Anfang Oktober außergewöhnliche Trockenschäden insbesondere in Süddeutschland und Frankreich.
Zusätzliche Probleme verursachen die Pflanzenkrankheiten SBR und Stolbur. Sie können die Entwicklung der Rüben, ihren Zuckergehalt und die Erntemengen beeinträchtigen. Als wichtiger Überträger gilt die Schilf-Glasflügelzikade. Die Krankheiten wurden bereits in Teilen Norddeutschlands nachgewiesen, größere flächendeckende Verluste werden dort bislang jedoch nicht gemeldet. Die Betriebe setzen unter anderem auf widerstandsfähigere Sorten und angepasste Fruchtfolgen.
Die schwächere Ernte trifft auf einen Markt, der bereits seit längerer Zeit unter Preisdruck steht. Hohe Zuckerbestände in Europa und auf dem Weltmarkt haben die Erlöse belastet. Nach Einschätzung des norddeutschen Anbauverbandes müssen zunächst vorhandene Vorräte abgebaut werden, bevor sich das geringere Angebot stärker auf die Preise auswirken kann. Für Landwirte ist die Lage besonders schwierig, weil gleichzeitig Produktionskosten etwa für Energie anfallen und die Einnahmen aus dem Rübenanbau unter Druck geraten.
Auch die Zuckerhersteller spüren die Entwicklung. Südzucker meldete am 8. Oktober für das erste Halbjahr seines Geschäftsjahres 2026/27 einen Umsatzrückgang im Zuckersegment von 1,389 Milliarden auf 1,269 Milliarden Euro. Das operative Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen blieb mit minus 24 Millionen Euro negativ, verbesserte sich allerdings gegenüber dem Vorjahreswert von minus 46 Millionen Euro. Das Unternehmen verwies zugleich auf erwartete Belastungen durch eine geringere Auslastung seiner Verarbeitungskapazitäten während der laufenden Kampagne.
Für die Branche entsteht damit eine schwierige Kombination: Einerseits stehen weniger Rüben für die Verarbeitung zur Verfügung, andererseits reichen die bisherigen Zuckerpreise aus Sicht der Unternehmen nicht aus, um den wirtschaftlichen Druck vollständig aufzufangen. Die aktuelle Schätzung der WVZ geht bundesweit von knapp 300.000 Hektar Anbaufläche und einem durchschnittlichen Rübenertrag von 71,2 Tonnen je Hektar aus. Im Vorjahr erreichte der Durchschnitt 82,1 Tonnen.
Für Verbraucher bedeutet die geringere Zuckerproduktion zunächst nicht automatisch höhere Preise im Supermarkt. Allerdings könnte sich das knappere Angebot bei neuen Lieferverträgen zwischen Zuckerfabriken und Lebensmittelherstellern bemerkbar machen. Nach Angaben von Thomas Böcker von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen liegt der Preis für ein Kilogramm Rübenzucker beim Verkauf der Fabriken an den Großhandel derzeit bei ungefähr 50 Cent. Bei künftigen Vertragsverhandlungen hält er Preissteigerungen für wahrscheinlich.
Davon könnten unter anderem Hersteller von Süßwaren, Backwaren, Marmelade und Erfrischungsgetränken betroffen sein. Ob sich höhere Einkaufspreise tatsächlich auf die Endprodukte auswirken, hängt jedoch von den Verträgen, den übrigen Produktionskosten und der Preispolitik des Handels ab. Böcker hält beispielsweise eine Verteuerung einzelner Marmeladenprodukte um wenige Cent für möglich. Eine allgemeine oder bereits feststehende Preiserhöhung für zuckerhaltige Lebensmittel lässt sich daraus nicht ableiten.
Entscheidend für die weitere Preisentwicklung dürfte auch der europäische Zuckermarkt werden. Nach einer vom Dachverband Norddeutscher Zuckerrübenanbauer veröffentlichten Schätzung der europäischen Rübenanbauer wird die Zuckererzeugung in der Europäischen Union einschließlich Großbritanniens auf rund 13,7 Millionen Tonnen sinken. Das wären etwa 24 Prozent weniger als im Vorjahr. Ob dieser Rückgang ausreicht, um die bisherigen Überschüsse am Markt auszugleichen und den Erzeugern dauerhaft höhere Preise zu ermöglichen, ist bislang offen.
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