
Die Probleme mit der maroden Schieneninfrastruktur nehmen bei der Deutschen Bahn weiter zu. Nach Angaben von DB-InfraGO-Chef Philipp Nagl ist die Zahl der Verspätungsfälle, die mit gestörten Bahnanlagen zusammenhängen, 2026 um 40 Prozent gestiegen. Das erklärte Nagl in einem Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit. Besonders der Zustand von Weichen, Oberleitungen und Stellwerken bereitet dem Unternehmen Schwierigkeiten. Eine spürbare Verbesserung der Pünktlichkeit erwartet Nagl erst nach weiteren umfangreichen Streckensanierungen.
Als wesentliche Ursache für die Entwicklung nennt Nagl den schlechten Zustand zahlreicher technischer Anlagen. Hinzu kommen nach seiner Darstellung die Auswirkungen des kalten Winters und der hohen Sommertemperaturen. Die Witterungsbedingungen hätten bestehende Schäden verschärft und notwendige Reparaturen erschwert. Derzeit würden bundesweit mehr Anlagen ausfallen, als die Bahn instand setzen könne.
Bereits im Halbjahresbericht 2026 hatte die Deutsche Bahn auf erhebliche Infrastrukturprobleme hingewiesen. Neben technischen Störungen belasteten insbesondere Langsamfahrstellen, umfangreiche Bauarbeiten und überlastete Strecken den Betrieb. Als besonders problematisch wurden dabei Schäden am Oberbau, also beispielsweise an Schienen und Gleisanlagen, beschrieben.
Die von Nagl genannten 40 Prozent beziehen sich ausdrücklich auf Verspätungsfälle im Zusammenhang mit gestörten Infrastrukturanlagen, nicht auf sämtliche Zugverspätungen. Die Verspätungen durch Anlagenstörungen sind damit ein wesentlicher Teil der anhaltenden Pünktlichkeitsprobleme.
Wie stark die Infrastrukturprobleme den Betrieb beeinträchtigen, verdeutlichen die aktuellen Pünktlichkeitszahlen. Im September 2026 erreichten lediglich 52,4 Prozent der Fernverkehrszüge ihre Halte pünktlich. Ein Jahr zuvor hatte dieser Wert noch bei 55,3 Prozent gelegen. Als pünktlich gelten Züge, deren Ankunft weniger als sechs Minuten vom Fahrplan abweicht.
Damit setzt sich die schwache Entwicklung im Fernverkehr fort. Seit Juni liegt die monatliche Pünktlichkeitsquote durchgehend unter 55 Prozent. Für das Gesamtjahr 2025 hatte die Bahn noch einen Wert von 60,1 Prozent ausgewiesen. Im ersten Halbjahr 2026 erreichte der Fernverkehr durchschnittlich 59 Prozent, nachdem es im entsprechenden Vorjahreszeitraum noch 63,4 Prozent gewesen waren.
Die Bahn unterscheidet dabei zwischen betrieblicher Pünktlichkeit und der Ankunft der Reisenden an ihrem gebuchten Zielbahnhof. Bei der sogenannten Reisendenpünktlichkeit werden auch Anschlussverbindungen, Zugausfälle und alternative Reisemöglichkeiten berücksichtigt. Im September erreichten nach dieser Berechnung 58,7 Prozent der Fernverkehrsreisenden ihr Ziel mit weniger als 15 Minuten Verspätung.
Im Regionalverkehr fällt die Bilanz deutlich besser aus. Dort lag die betriebliche Pünktlichkeit im September bei 88,2 Prozent. Rund 95 Prozent der Fahrgäste im DB-Personenverkehr nutzen nach Unternehmensangaben Regionalzüge.
Die Deutsche Bahn versucht, die Probleme mit einem umfangreichen Bauprogramm zu beheben. Für 2026 hatte der Konzern insgesamt rund 28.000 Baustellen vorgesehen. Nach Angaben aus dem Halbjahresbericht waren bis Ende Juni etwa 14.000 davon abgeschlossen.
Das hohe Bauvolumen stellt den laufenden Zugbetrieb allerdings vor zusätzliche Herausforderungen. Während Strecken erneuert werden, stehen Gleise teilweise nicht zur Verfügung. Züge müssen umgeleitet werden oder können bestimmte Abschnitte nur eingeschränkt befahren.
Auch die wirtschaftlichen Kennzahlen der Infrastrukturgesellschaft verdeutlichen den Umfang der Arbeiten. Im ersten Halbjahr 2026 beliefen sich die Bruttoinvestitionen von DB InfraGO auf rund 6,9 Milliarden Euro. Im Vorjahreszeitraum waren es rund 6 Milliarden Euro gewesen. Zugleich ging die Betriebsleistung auf dem Schienennetz infolge von Bauarbeiten um etwa ein Prozent zurück.
Zu den größten laufenden Projekten gehört die Modernisierung der Bahnverbindung zwischen Hannover und Berlin. Seit dem 2. Oktober 2026 finden dort umfangreiche Bauarbeiten statt, die bis Dezember 2027 dauern sollen.
Geplant sind unter anderem die Erneuerung beziehungsweise der Neubau von mehr als 214 Weichen, rund 357 Kilometern Gleisen und 100 Kilometern Oberleitungen. Zusätzlich werden 25 Bahnhöfe modernisiert. Besonders aufwendig ist der Austausch der festen Betonfahrbahn auf insgesamt 52 Kilometern der Schnellfahrstrecke.
Während der Bauzeit wird der Fernverkehr über Braunschweig und Magdeburg umgeleitet. Nach Bahnangaben verlängert sich die Fahrt zwischen Hannover und Berlin dadurch um ungefähr 80 Minuten. Allein die Vorbereitung der Umleitungsstrecke kostete rund 50 Millionen Euro.
Neben dem Zustand der Anlagen erschwert auch die hohe Auslastung die Situation. Nagl verwies darauf, dass die Verbindung Hamburg–Berlin ursprünglich für einen Fernzug je Richtung und Stunde ausgelegt worden sei. Inzwischen verkehre die Deutsche Bahn dort bereits im Halbstundentakt, hinzu kämen weitere Anbieter.
Die Deutsche Bahn und das Bundesverkehrsministerium haben ihre Strategie für die Modernisierung wichtiger Schienenkorridore Anfang Oktober überarbeitet. Zwischen 2027 und 2031 sollen nun 13 statt zuvor 21 Korridore umfassend saniert werden. Die übrigen Vorhaben werden nach Ministeriumsangaben nicht gestrichen, sondern zeitlich verschoben.
Künftig sollen Umleitungsstrecken sorgfältiger vorbereitet und Bauarbeiten besser aufeinander abgestimmt werden. Außerdem ist vorgesehen, den Zugverkehr nach umfangreichen Sanierungen schrittweise wieder aufzunehmen. Auch die Vorbereitung moderner digitaler Zugsteuerung gehört zum überarbeiteten Konzept.
Eine wesentliche Verbesserung erwartet InfraGO-Chef Nagl vor allem nach Abschluss der besonders anspruchsvollen Projekte. Dazu zählt neben Hannover–Berlin auch die für 2029 vorgesehene Sanierung der Verbindung Hamburg–Hannover.
Trotz der anhaltenden Probleme hält die Bundesregierung an ihrem Ziel fest, die Pünktlichkeitsquote im Fernverkehr bis 2029 auf mindestens 70 Prozent zu erhöhen. Bundesverkehrsminister Steffen Bilger bekräftigte diese Vorgabe zuletzt am 17. Oktober.
Die Ausgangslage bleibt schwierig. Bereits im Geschäftsbericht für 2025 hatte die Deutsche Bahn darauf hingewiesen, dass die vollständige Modernisierung des Schienennetzes voraussichtlich noch etwa zehn Jahre beanspruchen werde. Die aktuellen Zahlen zeigen, dass die zusätzlichen Investitionen und Sanierungsmaßnahmen bislang noch nicht zu einer dauerhaften Verbesserung der Pünktlichkeit im gesamten Fernverkehr geführt haben.
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