
Frankreich muss am Kapitalmarkt deutlich höhere Renditen bieten als Deutschland. Der Risikoaufschlag französischer Staatsanleihen hat den höchsten Stand seit der europäischen Schuldenkrise im Jahr 2011 erreicht. Gleichzeitig steigen die Zweifel an der Fähigkeit der französischen Regierung, die Staatsfinanzen zu stabilisieren. Hohe Haushaltsdefizite, eine wachsende Schuldenlast und politische Unsicherheit treiben die Finanzierungskosten nach oben. Die Entwicklung beschäftigt inzwischen auch Anleger in anderen Ländern des Euroraums.
Am Donnerstag, 22. Oktober 2026, weitete sich der Renditeabstand zwischen zehnjährigen französischen und deutschen Staatsanleihen zeitweise auf 177,7 Basispunkte aus. Das entspricht knapp 1,78 Prozentpunkten und war laut Reuters der höchste Wert seit November 2011. Damals befand sich der Euroraum mitten in der Staatsschuldenkrise.
Auch die absoluten Renditen erreichten historische Größenordnungen. Zehnjährige französische Staatsanleihen rentierten am Donnerstag zwischenzeitlich mit 5,1415 Prozent. Ein vergleichbar hohes Niveau hatte es zuletzt im Juli 2002 gegeben. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen bewegte sich dagegen auf einem deutlich niedrigeren Niveau.
Am Freitag, 23. Oktober, ließ der Verkaufsdruck auf französische Anleihen etwas nach. Die Deutsche Börse bezifferte die Rendite zehnjähriger französischer Papiere in ihrem um 11.06 Uhr veröffentlichten Marktbericht auf rund 5,10 Prozent. Deutsche Bundesanleihen gleicher Laufzeit rentierten demnach mit 3,36 Prozent. Daraus ergibt sich auf Basis der gerundeten Angaben ein Abstand von etwa 174 Basispunkten. Eine weitere Marktübersicht für Freitag führte einen Spread von 171,8 Basispunkten bei französischen Renditen von 5,05 Prozent und deutschen Renditen von 3,33 Prozent auf. Für diese Werte wurde keine genaue Uhrzeit ausgewiesen.
Der Renditeabstand hatte sich innerhalb weniger Wochen erheblich vergrößert. Noch am 16. Oktober lag er nach den historischen Daten von Idéal Investisseur bei 137,4 Basispunkten. Am 21. Oktober waren es bereits 157,5 Basispunkte.
Hinter dem zunehmenden Druck am Anleihemarkt stehen vor allem die angespannten französischen Staatsfinanzen. Nach Angaben des nationalen Statistikamtes Insee erreichte die öffentliche Verschuldung zum Ende des zweiten Quartals 2026 rund 3.595,5 Milliarden Euro. Das entsprach 119 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Drei Monate zuvor hatte die Schuldenquote noch bei 117,5 Prozent gelegen.
Allein im zweiten Quartal stieg der Schuldenstand um 59,6 Milliarden Euro. Im ersten Quartal hatte der Zuwachs bereits 75,8 Milliarden Euro erreicht. Frankreich gehört damit zu den hoch verschuldeten großen Volkswirtschaften der Eurozone.
Zugleich liegt das staatliche Haushaltsdefizit seit Jahren deutlich über der europäischen Obergrenze von drei Prozent der Wirtschaftsleistung. Für 2025 ermittelte Insee ein Defizit von 152,5 Milliarden Euro beziehungsweise 5,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Im Jahr 2024 hatte die Defizitquote sogar 5,8 Prozent erreicht. Für 2026 rechnet die französische Regierung inzwischen mit einem Fehlbetrag von 5,4 Prozent.
Das bedeutet, dass der französische Staat weiterhin erhebliche neue Schulden aufnehmen muss. Steigende Marktrenditen verteuern dabei die Ausgabe neuer Anleihen und die Refinanzierung auslaufender Schuldtitel. Bestehende festverzinsliche Anleihen behalten dagegen ihre vertraglich vereinbarten Zinszahlungen. Höhere Renditen am Sekundärmarkt wirken deshalb nicht unmittelbar auf den gesamten bisherigen Schuldenbestand.
Neben der hohen Verschuldung belastet die politische Situation in Frankreich den Anleihemarkt. Die Regierung unter Premierminister Sébastien Lecornu verfügt nicht über eine gesicherte parlamentarische Mehrheit und muss für ihre Haushaltsvorhaben Unterstützung im Parlament finden.
Besonders umstritten ist der Haushalt für 2027. Die Regierung verfolgt das Ziel, das öffentliche Defizit im kommenden Jahr auf fünf Prozent der Wirtschaftsleistung zu senken. Dafür hatte sie ein umfangreiches Sparpaket vorgesehen. Allerdings stießen einzelne Maßnahmen bereits während der parlamentarischen Beratungen auf Widerstand. So lehnten Abgeordnete Anfang Oktober eine vorgeschlagene Einschränkung steuerlicher Vergünstigungen für Rentner ab.
Hinzu kommen soziale Proteste gegen steigende Lebenshaltungskosten und die Politik der Regierung. Nach Demonstrationen und gewaltsamen Auseinandersetzungen am vergangenen Wochenende wurden für Samstag, 24. Oktober, weitere Proteste angekündigt. Die französischen Behörden bereiteten zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen vor.
Die politischen Auseinandersetzungen fallen in eine Phase, in der Frankreich auf die Präsidentschaftswahl im Frühjahr 2027 zusteuert. Für Investoren ist insbesondere von Bedeutung, ob die Regierung ihre geplante Haushaltskonsolidierung tatsächlich umsetzen kann.
Während französische Staatsanleihen deutlich an Wert verloren haben, verzeichneten deutsche Bundesanleihen eine stärkere Nachfrage. Sie gelten innerhalb des Euroraums traditionell als vergleichsweise sichere Anlage und dienen deshalb häufig als Referenz für andere Staatsanleihen.
Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen sank nach Angaben der Deutschen Börse von 3,41 Prozent in der Vorwoche auf 3,36 Prozent am Freitagvormittag. Auch amerikanische Staatsanleihen profitierten von der größeren Vorsicht an den internationalen Finanzmärkten. Ihre zehnjährige Rendite ging im Wochenvergleich von 5,09 auf 4,97 Prozent zurück.
Sinkende Renditen bedeuten bei festverzinslichen Anleihen grundsätzlich steigende Kurse. Umgekehrt entstehen Kursverluste, wenn Investoren höhere Renditen verlangen und die Marktpreise bestehender Anleihen fallen.
Die Entwicklung beschränkt sich inzwischen nicht vollständig auf Frankreich. Auch am Anleihemarkt in Belgien und Italien wurden am Donnerstag steigende Risikoaufschläge beziehungsweise Finanzierungskosten beobachtet. In Belgien erreichte der Renditeaufschlag gegenüber Deutschland nach Reuters-Angaben zeitweise 109 Basispunkte, den höchsten Stand seit rund 14 Jahren. Die Rendite zehnjähriger italienischer Staatsanleihen stieg auf etwa 4,62 Prozent.
Damit zeigt sich, dass Anleger zunehmend zwischen den finanziellen Ausgangsbedingungen einzelner Eurostaaten unterscheiden. Die gleichzeitige Entwicklung mehrerer Anleihemärkte macht die französischen Finanzierungskosten auch zu einem Thema für die gesamte Währungsunion.
Zusätzliche Aufmerksamkeit richtet sich am Freitag auf die Ratingagentur Moody’s. Sie hat für den 23. Oktober eine reguläre Überprüfung der französischen Kreditwürdigkeit angesetzt. Eine Entscheidung wird nach dem Ende des amerikanischen Börsenhandels erwartet.
Bislang bewertet Moody’s Frankreich mit der Bonitätsnote Aa3 und einem negativen Ausblick. Andere große Agenturen haben ihre Bewertungen bereits gesenkt. Sowohl Fitch als auch Standard & Poor’s führen Frankreich nach Angaben der staatlichen Schuldenagentur Agence France Trésor mit der Note A+ und stabilem Ausblick.
Eine Abwertung um eine Stufe durch Moody’s würde die Einschätzung damit an das Niveau der beiden anderen Agenturen annähern. Frankreich würde allerdings weiterhin innerhalb des Investment-Grade-Bereichs liegen, der Schuldner mit vergleichsweise guter Bonität umfasst. Eine Ratingänderung war am Freitagnachmittag noch nicht bestätigt.
Für institutionelle Investoren spielen Bonitätsbewertungen eine wichtige Rolle. Investmentfonds, Versicherungen und andere große Kapitalanleger können durch ihre Anlagerichtlinien bei der Auswahl von Anleihen eingeschränkt sein. Eine einzelne Ratingherabstufung führt jedoch nicht automatisch zu Verkäufen oder zu einer weiteren Erhöhung der Renditen.
Die wachsenden Unterschiede zwischen den Anleiherenditen der Euroländer betreffen auch die Europäische Zentralbank. Sie muss sicherstellen, dass ihre geldpolitischen Entscheidungen in allen Mitgliedstaaten wirksam werden können.
Seit 2022 verfügt die EZB mit dem sogenannten Transmission Protection Instrument über ein Instrument, das bei ungerechtfertigten und ungeordneten Entwicklungen an den Finanzmärkten eingesetzt werden kann. Unter bestimmten Bedingungen sind damit gezielte Käufe von Staatsanleihen am Sekundärmarkt möglich.
Die Aktivierung ist allerdings an Voraussetzungen gebunden. Dazu zählen unter anderem die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen, die Einhaltung beziehungsweise wirksame Umsetzung europäischer Haushaltsvorgaben und die gesamtwirtschaftliche Stabilität. Hohe Risikoaufschläge allein verpflichten die EZB nicht zum Eingreifen.
Der Ökonom Andrzej Szczepaniak von Nomura schätzte die Hürden für ein Eingreifen der Zentralbank am Donnerstag als hoch ein. Nach seiner Einschätzung müssten die Marktturbulenzen erheblich zunehmen und die geldpolitische Transmission beeinträchtigen, bevor eine Intervention wahrscheinlich würde. Eine unmittelbare Ankündigung der EZB zum Kauf französischer Anleihen gab es nicht.
Die nächste reguläre geldpolitische Entscheidung der EZB steht am Donnerstag, 29. Oktober, an. Die Veröffentlichung ist für 14.15 Uhr mitteleuropäischer Zeit vorgesehen. Am Markt wird derzeit überwiegend mit unveränderten Leitzinsen gerechnet.
Für Anleger hat der starke Renditeanstieg zwei unterschiedliche Auswirkungen. Wer französische Staatsanleihen bereits hält, muss bei einem vorzeitigen Verkauf gegebenenfalls erhebliche Kursverluste hinnehmen. Wer dagegen neu einsteigt, kann inzwischen deutlich höhere Renditen als noch vor wenigen Monaten erzielen.
Wie groß die Kursschwankungen ausfallen können, zeigt eine langlaufende französische Staatsanleihe mit Fälligkeit im Jahr 2057. Nach Angaben der Deutschen Börse fiel ihr Kurs innerhalb von vier Monaten von 100 auf 84 Prozent des Nennwerts. Am Freitag wurde ihre Rendite mit rund 5,5 Prozent angegeben. Gleichzeitig registrierten Händler in Frankfurt weiterhin Käufe französischer Anleihen, wenn auch teilweise nur in kleinen Stückzahlen.
Auch am Primärmarkt kann sich Frankreich weiterhin finanzieren. Die staatliche Schuldenagentur versteigerte am 19. Oktober kurzfristige Staatsanleihen mit einem Gesamtvolumen von 7,245 Milliarden Euro. Bereits am 15. Oktober hatte sie mittel- und längerfristige Staatspapiere im Umfang von zwölf Milliarden Euro platziert. Beide Auktionen verzeichneten Gebote oberhalb der angebotenen Beträge.
Dennoch verdeutlicht der historische Risikoaufschlag, wie stark sich Frankreichs Finanzierungskonditionen verschlechtert haben. Bei einer Staatsverschuldung von nahezu 3,6 Billionen Euro gewinnen die Kosten für neue Kredite und die Refinanzierung bestehender Schulden zunehmend an Bedeutung. Eine dauerhafte Stabilisierung der französischen Staatsfinanzen hängt damit nicht allein von der Zinsentwicklung ab, sondern ebenso von der Fähigkeit, die hohen Haushaltsdefizite zu reduzieren.
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