
Die wirtschaftliche Belastung der Industrie in Hessen macht sich zunehmend bei Standortentscheidungen bemerkbar. Immer mehr Unternehmen ziehen in Betracht, ihre Fertigung im Inland einzuschränken oder Produktionskapazitäten ins Ausland zu verlagern. Das zeigt das aktuelle Energiewende-Barometer der Industrie- und Handelskammern. Hohe Energiepreise und bürokratische Anforderungen gehören zu den wichtigsten Belastungsfaktoren.
Nach der aktuellen IHK-Auswertung haben knapp 38 Prozent der befragten hessischen Industrieunternehmen eine Einschränkung ihrer Produktion in Deutschland oder eine Verlagerung ins Ausland geplant, eingeleitet oder bereits umgesetzt. Im vergangenen Jahr lag dieser Anteil bei knapp 29 Prozent.
Besonders deutlich ist der Anstieg bei Unternehmen, die entsprechende Maßnahmen vorbereiten oder bereits begonnen haben. Der Anteil laufender Maßnahmen erhöhte sich von neun auf 18 Prozent. Geplante Schritte nannten mehr als 15 Prozent der Betriebe, nachdem es 2025 knapp sieben Prozent gewesen waren.
Dagegen sank der Anteil bereits umgesetzter Maßnahmen von 13 auf vier Prozent. Die Entwicklung zeigt damit vor allem eine Zunahme neuer Vorhaben und eingeleiteter Veränderungen. Ein durchgehend steigender Trend über mehrere Jahre lässt sich daraus nicht ableiten: Im Jahr 2023 hatte der entsprechende Anteil bereits bei 43 Prozent gelegen.
Produktionsverlagerungen in Hessen beschäftigen insbesondere größere Industrieunternehmen. Bei Betrieben mit mehr als 500 Beschäftigten hat laut IHK mehr als die Hälfte entsprechende Maßnahmen geplant, begonnen oder bereits verwirklicht.
Zu den wesentlichen Standortproblemen zählen die Energiekosten. Mehr als die Hälfte der befragten hessischen Unternehmen berichtet von gestiegenen Strompreisen innerhalb der vergangenen zwölf Monate. Bei Gas, Fernwärme und Heizöl verzeichneten fast 68 Prozent höhere Kosten. Bei Kraftstoffen waren es 87 Prozent.
Hinzu kommen aus Sicht der Unternehmen umfangreiche bürokratische Anforderungen und langwierige Planungs- und Genehmigungsverfahren. Diese Faktoren erschweren Investitionsentscheidungen und belasten die internationale Wettbewerbsfähigkeit.
Die Entwicklung in Hessen entspricht einem bundesweiten Problem. Nach dem Energiewende-Barometer 2026 der Deutschen Industrie- und Handelskammer beschäftigen sich rund 40 Prozent der Industrieunternehmen in Deutschland mit einer Einschränkung ihrer Produktion oder einer Verlagerung von Kapazitäten ins Ausland beziehungsweise haben entsprechende Schritte bereits eingeleitet oder umgesetzt.
Zugleich geben bundesweit 35 Prozent der befragten Industriebetriebe an, Investitionen in ihre betrieblichen Kernprozesse wegen hoher Energiekosten aufzuschieben. Dadurch fehlen Mittel für die Modernisierung bestehender Anlagen und die Weiterentwicklung der Produktion.
Auch das Münchner ifo Institut hatte im September auf die Standortprobleme hingewiesen. In einer bundesweiten Befragung nannten 50 Prozent der Unternehmen Bürokratie und Regulierung als wesentliches Problem. Energiekosten folgten mit 27 Prozent. Innerhalb der Industrie bezeichneten 39 Prozent die Energiekosten als Standortproblem.
Für den Wirtschaftsstandort Hessen sind mögliche Produktionsverlagerungen auch deshalb relevant, weil industrielle Fertigung mit Arbeitsplätzen, Zulieferbetrieben und regionaler Wertschöpfung verbunden ist. Werden Kapazitäten dauerhaft reduziert oder ins Ausland verschoben, kann sich das auf Beschäftigung und Investitionen auswirken.
Ein Beschäftigungsrückgang ist in Teilen der hessischen Industrie bereits erkennbar. Nach Angaben des hessischen Wirtschaftsministeriums vom 22. Oktober ging die Beschäftigung in den erfassten größeren Industriebetrieben im ersten Halbjahr 2026 um 2,6 Prozent zurück, obwohl die nominalen Umsätze zunahmen. Ein unmittelbarer Zusammenhang mit den in der IHK-Umfrage erfassten Verlagerungsentscheidungen ist damit allerdings nicht nachgewiesen.
Hessens Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori hatte sich am Donnerstag mit Betriebsräten und Gewerkschaften über die wirtschaftliche Lage ausgetauscht. Die Landesregierung verweist auf ihr im April beschlossenes Industriepaket und setzt sich für wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen sowie den Erhalt industrieller Arbeitsplätze ein.
Der Hessische Industrie- und Handelskammertag sieht in den Ergebnissen ein Warnsignal. Er fordert wettbewerbsfähige Energiepreise, schnellere Genehmigungsverfahren und weniger bürokratische Belastungen. Auch eine verlässliche Energieinfrastruktur und niedrigere Steuern und Abgaben auf Strom gehören zu den zentralen Forderungen.
Die aktuelle Erhebung basiert auf einer bundesweiten Online-Befragung vom 8. bis 26. Juni 2026. Insgesamt beteiligten sich 3.085 Unternehmen, darunter 416 aus Hessen. Von diesen gehörten 103 zur Industrie. Die Ergebnisse beschreiben damit die Situation und Absichten der befragten Betriebe, nicht die Zahl tatsächlich gefährdeter Arbeitsplätze.
Wie viele der geplanten Maßnahmen tatsächlich umgesetzt werden und welche konkreten Auswirkungen sie auf Hessens Industrie haben, lässt sich aus den Befragungsergebnissen nicht bestimmen.
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