
Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) will dem Volkswagen-Standort Zwickau mit einer neuen Unternehmensstruktur eine langfristige Perspektive eröffnen. Bei einem Treffen mit Vertretern der Automobilbranche am Montag, 26. Oktober 2026, warb er für die Gründung einer Autounion Sachsen GmbH. Das Konzept sieht vor, die Fabrik für zusätzliche Investoren zu öffnen und ihre Produktionskosten zu senken. Gewerkschaft und Betriebsrat stehen insbesondere den vorgeschlagenen Änderungen bei Arbeitszeiten und Vergütung kritisch gegenüber.
Kretschmers Vorschlag geht über eine gewöhnliche Anpassung der Fahrzeugproduktion hinaus. Das Werk im Zwickauer Stadtteil Mosel soll nach seinen Vorstellungen in eine neu gegründete Gesellschaft überführt werden. Volkswagen könnte daran beteiligt bleiben, während weitere Unternehmen als Investoren hinzukommen.
Die neue Struktur soll es ermöglichen, Produktionskapazitäten gemeinsam zu nutzen. Damit könnten künftig auch Hersteller Fahrzeuge in Zwickau produzieren lassen, für die sich der Betrieb einer eigenen Fabrik wirtschaftlich nicht lohnt.
Bei dem Treffen am Montag äußerte sich Dirk Vogel vom Automobilzulieferer-Netzwerk AMZ grundsätzlich positiv zu der Idee. Gleichzeitig machte er deutlich, dass für eine Umsetzung zusätzliche Investoren gewonnen werden müssten. Volkswagen selbst würde zunächst weiterhin als wichtiger Partner benötigt.
Eine Entscheidung des Konzerns zur Gründung oder Beteiligung an der vorgeschlagenen Gesellschaft lag zunächst nicht vor. Auch konkrete Zusagen möglicher weiterer Investoren waren nicht bekannt.
Hintergrund der Initiative ist die unsichere Zukunft mehrerer deutscher Volkswagen-Standorte. Am 3. September 2026 hatte der Aufsichtsrat des Konzerns einem umfassenden Zukunftsplan zugestimmt. Volkswagen bezifferte die Überkapazitäten seiner europäischen Fahrzeugproduktion dabei auf rund 500.000 Autos.
Für die Standorte Zwickau, Emden, Hannover und Neckarsulm kann der Konzern derzeit keine wirtschaftlich tragfähige Belegung mit Nachfolgemodellen gewährleisten. Die entsprechenden Zeiträume beginnen nach Konzernangaben gestaffelt zwischen 2031 und 2034.
Ein endgültiger Beschluss zur Schließung des Zwickauer Werks wurde damit allerdings nicht gefasst. Volkswagen will bis Ende Juni 2027 ein Konzept für die künftige europäische Produktionsstruktur erarbeiten. Parallel werden alternative Nutzungsmöglichkeiten für die betroffenen Fabriken geprüft.
Für Zwickau steht damit ein bedeutender Industriestandort zur Diskussion. Nach Volkswagen-Angaben waren dort Ende 2025 rund 8.000 Menschen fest beschäftigt. Im selben Jahr wurden etwa 212.000 Fahrzeuge hergestellt. Die Fabrik produziert Elektroautos verschiedener Konzernmarken und fertigt außerdem Karosserien für Bentley und Lamborghini.
Um die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern, setzt Kretschmer auch bei den Personalkosten an. Er fordert flexiblere Arbeitszeitmodelle und Veränderungen bei der Vergütung. Als Vergleich für die Produktionskosten wird unter anderem das Volkswagen-Werk im slowakischen Bratislava herangezogen.
Der Ministerpräsident möchte Beschäftigte stärker an Produktionszielen und Ergebnissen beteiligen. Dazu gehören nach seinem Konzept zusätzliche Verantwortung der Teams sowie leistungsabhängige Vergütungsbestandteile. Außerdem brachte er finanzielle Ausgleichsmodelle ins Gespräch, mit denen Einkommenseinbußen zumindest zeitweise abgefedert werden könnten.
Als Gegenleistung für mögliche Zugeständnisse der Arbeitnehmerseite nannte Kretschmer eine verlässliche Auslastung der Fabrik und eine Standortgarantie über zehn Jahre. Eine entsprechende Vereinbarung existiert bislang nicht.
Die Gewerkschaft IG Metall unterstützt grundsätzlich die Bemühungen um den Erhalt des Standorts, widerspricht jedoch den Vorschlägen zu längeren Arbeitszeiten und niedrigeren Löhnen.
In einer Stellungnahme vom 22. Oktober erklärte Bezirksleiter Jan Otto, für eine langfristige Perspektive komme es insbesondere auf eine bessere Auslastung der Werke an. Veränderungen tarifvertraglich geregelter Arbeitsbedingungen seien ausschließlich Sache der Tarifparteien.
Auch Thomas Knabel, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Zwickau, betonte, dass Volkswagen tragfähige Lösungen für die Zukunft des Standorts erarbeiten müsse. Der Zwickauer Betriebsratsvorsitzende Mario Albert hatte zuvor gefordert, die Arbeitnehmervertretungen bei der Entwicklung eines solchen Konzepts einzubeziehen.
Kretschmer kündigte nach seinem Austausch mit Branchenvertretern weitere Gespräche mit Gewerkschaft und Betriebsrat an.
Neben einer neuen Eigentümerstruktur sieht Kretschmers Konzept technologische Veränderungen vor. Der Standort soll stärker mit Unternehmen und Forschungseinrichtungen aus den Bereichen Robotik, künstliche Intelligenz und Softwareentwicklung zusammenarbeiten.
Ein Schwerpunkt liegt auf humanoiden Robotern, deren Einsatz in der Automobilproduktion weiterentwickelt werden könnte. Sachsen soll dabei gemeinsam mit dem Bund eine Rolle beim Aufbau entsprechender Forschungs- und Produktionskompetenzen übernehmen.
Der Vorschlag knüpft an die vorhandene industrielle Infrastruktur in Sachsen an. Die Region verfügt neben Automobilwerken und Zulieferbetrieben auch über Standorte der Halbleiterindustrie und Forschungseinrichtungen. Ob daraus konkrete neue Produktionsaufträge für Zwickau entstehen, ist allerdings offen.
Der Name des geplanten Unternehmens verweist auf eine frühere Unternehmensgeschichte. Im Jahr 1932 schlossen sich die vier Automobilmarken Audi, DKW, Horch und Wanderer zur Auto Union AG zusammen. Der damalige Unternehmenssitz befand sich in Chemnitz. Aus dieser Tradition entwickelte sich später ein Teil der Geschichte der heutigen Audi AG.
Kretschmer verwendet die Bezeichnung Autounion Sachsen bislang als Arbeitstitel. Eine Unternehmensgründung ist damit noch nicht verbunden.
Für die Zukunft des VW-Werks Zwickau sind nun vor allem die Entscheidungen des Volkswagen-Konzerns, die Bereitschaft möglicher Investoren und Verhandlungen mit den Arbeitnehmervertretungen maßgeblich. Der Vorschlag aus Dresden eröffnet eine zusätzliche Option, ersetzt aber noch keine verbindliche Vereinbarung über die Zukunft der Fahrzeugproduktion nach 2030.
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