EZB vor Zinsentscheid: Warum trotz hoher Inflation eine Zinspause erwartet wird

Erbschaftsteuer vor dem Umbruch? Was sich für Erben ändern könnte
Deutschland belegt laut OECD Taxing Wages 2026 Rang 2 der höchsten Steuerlast.

Teilen:

Die Europäische Zentralbank (EZB) steht vor einer schwierigen Zinsentscheidung. Am Donnerstag, 29. Oktober 2026, berät der EZB-Rat über die Leitzinsen im Euroraum. Obwohl die Inflation zuletzt deutlich gestiegen ist, erwarten die meisten Ökonomen zunächst keine weitere Zinserhöhung. Für Sparer, Kreditnehmer und Immobilienkäufer in Deutschland ist vor allem entscheidend, wie die Notenbank die weitere Zinsentwicklung einschätzt.

Anzeige

Der EZB-Zinsentscheid Oktober 2026 findet in einem wirtschaftlich angespannten Umfeld statt. Hohe Energiepreise treiben die Verbraucherpreise nach oben, während steigende Finanzierungskosten Unternehmen und private Haushalte belasten. Die EZB muss dabei zwischen der Bekämpfung der Inflation und den Risiken für das Wirtschaftswachstum abwägen.

EZB-Leitzinsen liegen derzeit zwischen 2,50 und 2,90 Prozent

Seit der letzten Zinserhöhung im September gelten im Euroraum drei unterschiedliche Leitzinssätze. Der für die Geldpolitik besonders wichtige Einlagensatz liegt seit dem 16. September 2026 bei 2,50 Prozent. Der Hauptrefinanzierungssatz, zu dem sich Geschäftsbanken bei der EZB im Rahmen regulärer Refinanzierungsgeschäfte Geld beschaffen können, liegt bei 2,65 Prozent. Für die Spitzenrefinanzierungsfazilität gilt ein Zinssatz von 2,90 Prozent.

Die EZB hatte ihre Leitzinsen am 10. September um jeweils 0,25 Prozentpunkte erhöht. Es war bereits die zweite Zinserhöhung des laufenden Jahres. Die Notenbank reagierte damit auf zunehmende Inflationsrisiken, insbesondere durch die Entwicklung der Energiepreise.

Anzeige

Am Donnerstag wird die Entscheidung nach dem offiziellen Zeitplan um 14.15 Uhr deutscher Zeit veröffentlicht. Um 14.45 Uhr beginnt die Pressekonferenz, bei der EZB-Präsidentin Christine Lagarde die geldpolitische Entscheidung erläutern soll.

Ökonomen erwarten Zinspause im Oktober

Die Erwartungen für die Sitzung sind vergleichsweise eindeutig. Bei einer Reuters-Umfrage vom 5. bis 8. Oktober gingen 70 von 73 befragten Ökonomen davon aus, dass die EZB den Einlagensatz am 29. Oktober unverändert bei 2,50 Prozent belassen wird.

Anders fällt die Einschätzung für die letzte reguläre Zinssitzung des Jahres aus. In derselben Umfrage erwarteten 64 von 73 Fachleuten eine weitere Erhöhung im Dezember. Bei einem Zinsschritt um 0,25 Prozentpunkte würde der Einlagensatz dann auf 2,75 Prozent steigen.

Die Prognosen zeigen, dass die erwartete Zinspause nicht mit einer Entwarnung bei der Inflation gleichzusetzen ist. Vielmehr rechnen zahlreiche Fachleute damit, dass die EZB zunächst weitere Wirtschaftsdaten berücksichtigt, bevor sie ihre Geldpolitik erneut verschärft.

Auch die bereits gestiegenen Renditen an den europäischen Anleihemärkten spielen eine Rolle. Höhere Kapitalmarktzinsen verteuern Finanzierungen teilweise unabhängig von einer weiteren Entscheidung der Notenbank. Zusätzliche Unsicherheit entsteht durch die angespannte Haushaltslage Frankreichs und die Entwicklung der französischen Staatsanleihemärkte.

Inflation im Euroraum erreicht 3,8 Prozent

Der wichtigste Grund für die anhaltende Diskussion über weitere Zinserhöhungen ist die Inflation. Nach endgültigen Angaben des europäischen Statistikamtes Eurostat lag die jährliche Teuerungsrate im September 2026 bei 3,8 Prozent. Im August hatte sie noch bei 3,2 Prozent gelegen.

Damit entfernt sich die Inflation zunehmend vom mittelfristigen Ziel der EZB von zwei Prozent. Besonders auffällig ist die Entwicklung der Energiepreise. Nach den Eurostat-Daten waren sie im September gegenüber dem Vorjahresmonat um rund 18,8 Prozent gestiegen.

Die Kerninflation, bei der die besonders schwankungsanfälligen Preise für Energie und Nahrungsmittel herausgerechnet werden, lag dagegen bei 2,5 Prozent. Dieser Unterschied zeigt, dass ein erheblicher Teil des jüngsten Inflationsanstiegs unmittelbar auf den Energiesektor zurückgeht.

In Deutschland lag die allgemeine Inflationsrate im September bei 3,3 Prozent. Das Statistische Bundesamt bestätigte damit den höchsten Wert seit Dezember 2023. Die Energiepreise in Deutschland lagen im September um 14,9 Prozent über dem Vorjahresniveau. Besonders stark verteuerten sich Kraftstoffe und Heizöl.

Energiepreise erschweren die Geldpolitik

Die Entwicklung an den internationalen Energiemärkten bleibt ein zentraler Unsicherheitsfaktor. Der Krieg mit Iran und die Störungen der Energieversorgung im Nahen Osten haben die Kosten für Öl und andere Energieträger deutlich erhöht.

Für die EZB entsteht daraus ein geldpolitisches Problem. Höhere Energiepreise verteuern zunächst Kraftstoffe, Heizkosten und industrielle Produktion. Wenn Unternehmen diese Belastungen anschließend über höhere Verkaufspreise weitergeben, kann sich die Inflation auf zusätzliche Wirtschaftsbereiche ausweiten.

Besonders aufmerksam verfolgt die Notenbank deshalb, ob sich sogenannte Zweitrundeneffekte entwickeln. Gemeint sind Preissteigerungen, die über den ursprünglichen Energieschock hinausgehen und sich möglicherweise dauerhaft verfestigen.

Bislang ist eine entsprechend starke Ausbreitung des Preisdrucks außerhalb des Energiesektors nicht eindeutig erkennbar. Die EZB muss allerdings berücksichtigen, dass sich höhere Produktionskosten häufig erst mit Verzögerung auf Verbraucherpreise auswirken.

Eine weitere Zinserhöhung könnte die Nachfrage dämpfen und damit mittelfristig zur Preisstabilität beitragen. Zugleich würde sie Kredite tendenziell verteuern und könnte die Investitionstätigkeit zusätzlich bremsen.

Konjunktur im Euroraum zeigt sich widerstandsfähig

Neben der Inflation muss die EZB auch die wirtschaftliche Entwicklung berücksichtigen. In ihren September-Projektionen erwarteten die Fachleute der Notenbank für 2026 ein Wirtschaftswachstum im Euroraum von 0,9 Prozent.

Für 2027 prognostizierte die EZB ein Wachstum von 1,4 Prozent und für 2028 von 1,5 Prozent. Damit schätzte sie die wirtschaftliche Entwicklung etwas günstiger ein als noch im Juni.

Nach Einschätzung der EZB könnten eine vergleichsweise stabile Beschäftigung, öffentliche Investitionen und zusätzliche Ausgaben für Infrastruktur die Wirtschaft stützen. Gleichzeitig bleiben Energiepreise, geopolitische Konflikte und die internationale Nachfrage erhebliche Risiken.

Auch bei der Inflation erwartet die Notenbank keine schnelle Rückkehr zu ihrem Ziel. Ihre September-Projektion sieht für das Gesamtjahr 2026 eine durchschnittliche Teuerung von 3,0 Prozent vor. Für 2027 werden 2,5 Prozent und für 2028 noch 2,1 Prozent prognostiziert.

Diese Werte beruhen allerdings auf Annahmen über den weiteren Verlauf der Energiepreise und der internationalen Wirtschaft. Ein länger anhaltender Energieschock könnte die Prognosen verändern.

Auswirkungen auf Tagesgeld und Festgeld

Für Sparer in Deutschland ist der Einlagensatz der EZB von besonderer Bedeutung. Er beeinflusst, zu welchen Konditionen Banken kurzfristig überschüssige Liquidität bei der Notenbank anlegen können.

Bleibt der Einlagensatz am Donnerstag unverändert, entsteht daraus zunächst kein unmittelbarer zusätzlicher Zinsimpuls. Allerdings können Kreditinstitute ihre Konditionen auch ohne neue EZB-Entscheidung verändern. Dabei spielen unter anderem Wettbewerb, Liquiditätsbedarf und Erwartungen an die künftige Geldpolitik eine Rolle.

Die jüngsten EZB-Bankzinsstatistiken zeigen die Unterschiede zwischen verschiedenen Einlagenformen. Im August 2026 lag der durchschnittliche Zinssatz für neue Einlagen privater Haushalte mit vereinbarter Laufzeit im Euroraum bei 2,18 Prozent. Täglich verfügbare Einlagen wurden im Durchschnitt lediglich mit 0,29 Prozent verzinst.

Dabei handelt es sich um Durchschnittswerte für den gesamten Euroraum, nicht um eine aktuelle Übersicht einzelner deutscher Banken.

Für Sparer ist außerdem die Inflation relevant. Selbst bei positiven nominalen Sparzinsen kann das angelegte Geld real an Kaufkraft verlieren, wenn die Verzinsung unter der allgemeinen Preissteigerung liegt.

Baufinanzierungen bleiben von Kapitalmarktzinsen abhängig

Für Immobilienkäufer und Bauherren ist die Zinsentscheidung ebenfalls wichtig. Allerdings wirken sich Veränderungen des EZB-Leitzinses nicht automatisch und in gleicher Höhe auf langfristige Baufinanzierungen aus.

Bei Immobilienkrediten mit längerer Zinsbindung orientieren sich Banken insbesondere an den längerfristigen Refinanzierungskosten. Dazu gehören die Renditen von Staatsanleihen und die Zinssätze am Swapmarkt.

Deshalb können Bauzinsen bereits steigen, obwohl die EZB ihren Leitzins unverändert lässt. Entscheidend sind auch die Erwartungen der Finanzmärkte an die künftige Inflation und die weitere Geldpolitik.

Die EZB meldete für August 2026 im Euroraum einen durchschnittlichen zusammengesetzten Finanzierungskostensatz für neue Wohnungsbaukredite von 3,60 Prozent. Der Wert lag um 0,06 Prozentpunkte über dem Vormonat. Die Statistik wurde am 1. Oktober veröffentlicht.

Eine am 27. Oktober veröffentlichte EZB-Bankenbefragung zeigt zudem eine nachlassende Nachfrage nach Wohnungsbaukrediten im dritten Quartal. Die befragten Institute nannten insbesondere höhere Zinsen, eine schwächere Verbraucherstimmung und ungünstigere Aussichten am Immobilienmarkt als Ursachen.

Für bestehende Immobilienkredite mit fest vereinbartem Zinssatz hat eine neue EZB-Entscheidung grundsätzlich keine unmittelbaren Auswirkungen auf die laufende Verzinsung. Bedeutung gewinnt die Zinsentwicklung dagegen bei Neuabschlüssen, variabel verzinsten Darlehen und anstehenden Anschlussfinanzierungen.

Weitere Zinsentscheidung im Dezember

Nach der Sitzung am 29. Oktober steht die nächste reguläre geldpolitische Entscheidung der EZB am 17. Dezember 2026 an. Dann werden auch neue gesamtwirtschaftliche Projektionen vorliegen.

Für den weiteren Kurs dürften vor allem die Entwicklung der Kerninflation, mögliche Folgen steigender Energiekosten für andere Verbraucherpreise und die wirtschaftliche Stabilität des Euroraums ausschlaggebend sein.

Die EZB hat zuletzt betont, dass sie ihre Entscheidungen von Sitzung zu Sitzung und auf Grundlage neuer Daten trifft. Eine feste Zusage für den weiteren Zinsverlauf gibt es nicht.

Damit wird am Donnerstag nicht nur der eigentliche Zinsbeschluss wichtig sein. Auch die Einschätzung der Notenbank zum Inflationsausblick dürfte darüber entscheiden, ob sich die Erwartungen einer weiteren Zinserhöhung im Dezember bestätigen oder verändern.

Mit MS-Aktuell immer ohne Paywall lesen
Bei Google bevorzugen

Texte werden mit Unterstützung von KI-Tools erstellt und vor Veröffentlichung redaktionell geprüft. Mehr dazu