
Bei einem Warnstreik am Audi-Werk Neckarsulm haben am Donnerstag, 5. November 2026, Tausende Beschäftigte für höhere Einkommen und sichere Industriearbeitsplätze demonstriert. Nach Angaben der IG Metall nahmen rund 6.500 Menschen an einer Kundgebung teil. An der Aktion beteiligten sich auch Beschäftigte benachbarter Unternehmen. Im Mittelpunkt stand neben der laufenden Tarifrunde die Zukunft des Audi-Werks. Für die Zeit ab 2034 ist bislang keine wettbewerbsfähige Anschlussproduktion zugesagt. Ein Beschluss zur Schließung des Standorts liegt allerdings nicht vor.
Die IG Metall hatte mehrere Betriebe aus der Metall- und Elektroindustrie zum Warnstreik aufgerufen. Neben Audi und der Audi Sport GmbH gehörten dazu unter anderem KS AluTech, mehrere Kolbenschmidt-Gesellschaften und Rheinmetall Invent. Die Warnstreikaktion umfasste Demonstrationszüge und eine gemeinsame Kundgebung in der Hafenstraße. Für die Beschäftigten von Audi war ein Demonstrationszug ab Werkstor 6 vorgesehen.
Die IG Metall bezifferte die Beteiligung an der Versammlung auf 6.500 Menschen. Eine unabhängig ermittelte Teilnehmerzahl der Polizei lag zunächst nicht vor. Nach Eindrücken des Südwestrundfunks stand für mehrere Beschäftigte die Sicherung ihrer Arbeitsplätze stärker im Vordergrund als eine zusätzliche Lohnerhöhung. Der Warnstreik in Neckarsulm verband damit zwei Anliegen, die für die Belegschaften eng zusammenhängen: höhere Einkommen und eine verlässliche Beschäftigungsperspektive.
Hintergrund sind die Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie. Die IG Metall fordert für die rund 900.000 Beschäftigten der Branche in Baden-Württemberg fünf Prozent mehr Geld bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. Außerdem verlangt sie verbindliche Vereinbarungen zur Sicherung von Standorten und Arbeitsplätzen.
Südwestmetall bietet bislang eine Einmalzahlung von 700 Euro im Juli 2027 und eine Erhöhung der tariflichen Entgelte um 1,3 Prozent ab Juli 2028. Unternehmen mit einer Nettoumsatzrendite unter 2,3 Prozent könnten die Einmalzahlung verschieben oder gegebenenfalls streichen. Das Angebot ist zudem an ein neues betriebliches Instrument zur Sicherung von Investitionen und Beschäftigung geknüpft. Der vorgeschlagene Tarifvertrag soll bis Ende 2028 laufen.
Auch die dritte Verhandlungsrunde am Donnerstag in Ludwigsburg brachte keine Einigung in der Lohnfrage. Südwestmetall verweist auf die angespannte wirtschaftliche Lage und sieht in den Arbeitsniederlegungen eine zusätzliche Belastung für die Unternehmen. Die Gewerkschaft kritisiert dagegen den späten Zeitpunkt der angebotenen Entgelterhöhung und fordert konkrete Zusagen für Investitionen und Arbeitsplätze. Sie stellte am Donnerstag einen eigenen Vorschlag für zeitlich begrenzte tarifliche Regelungen vor.
Die Standortdebatte reicht über den Tarifstreit hinaus. Der Volkswagen-Aufsichtsrat stimmte am 3. September einem umfassenden Zukunftsplan zu. Darin stellt der Konzern fest, dass für die Werke Neckarsulm, Emden, Zwickau und Hannover gestaffelt ab den Jahren 2031 bis 2034 derzeit keine wettbewerbsfähige Folgebelegung gewährleistet werden könne. Für Neckarsulm betrifft diese Unsicherheit die Zeit ab 2034.
Volkswagen begründet seinen Umbau unter anderem mit erheblichen Überkapazitäten. Nach Konzernangaben besteht in den europäischen Werken eine Produktionsüberkapazität von rund 500.000 Fahrzeugen. Hinzu kommen internationaler Wettbewerbsdruck, veränderte Nachfragestrukturen und der technologische Wandel in der Automobilindustrie.
Bis Ende Juni 2027 soll ein Konzept für eine wettbewerbsfähige europäische Produktionsstruktur ausgearbeitet werden. Auch alternative Verwendungsmöglichkeiten für die betroffenen Standorte werden geprüft.
Die fehlende Zusage für neue Fahrzeugmodelle bedeutet allerdings nicht, dass die Schließung des Audi-Werks bereits entschieden wäre. Ebenso wenig steht fest, dass nach 2033 keine Fahrzeuge mehr in Neckarsulm gebaut werden. Entscheidend wird sein, ob der Konzern für die folgenden Jahre ein wirtschaftlich tragfähiges Konzept entwickelt und entsprechende Investitionen festlegt.
Die Bedeutung von Neckarsulm geht weit über das Werkstor hinaus. Nach Audi-Angaben arbeiteten Ende 2025 dort 15.509 Menschen. Im selben Jahr wurden am Standort rund 181.000 Fahrzeuge gebaut. Das Unternehmen zählt damit zu den größten Arbeitgebern der Wirtschaftsregion Heilbronn-Franken.
Zu den von Audi für den Standort genannten Modellreihen gehören A5, A6 und A8 sowie der vollelektrische e-tron GT. Dieser wird im nahe gelegenen Industriepark Böllinger Höfe gebaut. Neckarsulm vereint damit die Fertigung von Fahrzeugen mit unterschiedlichen Antriebsarten sowie technische Entwicklung und industrielle Spezialkompetenzen.
Audi setzt am Standort unter anderem auf die Digitalisierung von Produktionsprozessen und die Weiterentwicklung von Hochvoltbatterien. Eine langfristige Produktionsperspektive wäre deshalb nicht nur für die Beschäftigten des Autoherstellers, sondern auch für das industrielle Umfeld von Bedeutung.
Eine bestehende Zukunftsvereinbarung schließt betriebsbedingte Kündigungen bei Audi bis zum 31. Dezember 2033 aus. Diese Beschäftigungssicherung bis 2033 bedeutet jedoch nicht, dass bereits über Produkte und Auslastung ab 2034 entschieden wäre. Genau diese offene Frage steht hinter den wiederholten Forderungen nach verbindlichen Zusagen für Neckarsulm.
Bereits bei einer Betriebsversammlung am 8. Oktober hatten sich der Audi-Betriebsrat und die Konzernführung mit den Perspektiven für Neckarsulm befasst. An der Versammlung nahmen nach Unternehmensangaben rund 5.000 Beschäftigte teil. Auch Volkswagen-Vorstandschef Oliver Blume war anwesend.
Der Betriebsrat verlangte, die Stärken des Werks in Fertigung, technischer Entwicklung und Digitalisierung bei künftigen Entscheidungen zu berücksichtigen. Audi-Vorstandschef Gernot Döllner betonte, dass Produktivität, Kosten und Entscheidungsprozesse verbessert werden müssten, damit der Standort langfristig wettbewerbsfähig bleibe.
Die Führung des Volkswagen-Konzerns verfolgt mit ihrem Zukunftsplan das Ziel, Kosten zu reduzieren, Strukturen zu vereinfachen und Investitionen stärker auf aussichtsreiche Produkte und Technologien auszurichten. Die Arbeitnehmervertretung verlangt zugleich eine langfristige industrielle Perspektive für die vorhandenen Standorte.
Für die Beschäftigten in Neckarsulm stehen damit unterschiedliche Zeiträume im Mittelpunkt. Kurzfristig geht es um den Tarifabschluss und die Entwicklung der Einkommen. Mittelfristig werden die Planungen zur künftigen Produktionsstruktur des Volkswagen-Konzerns maßgeblich.
Der Warnstreik vom Donnerstag hat die offenen Fragen zur Zukunft des Werks nicht gelöst. Er unterstreicht aber, dass der Konflikt um die Tarifbedingungen inzwischen eng mit der langfristigen Beschäftigungsperspektive verbunden ist.
Während die Tarifverhandlungen fortgesetzt werden sollen, bleibt eine konkrete Anschlussproduktion für Neckarsulm ab 2034 ungesichert. Mit dem für Ende Juni 2027 vorgesehenen Produktionskonzept steht im kommenden Jahr eine wesentliche Entscheidung für die Zukunft der betroffenen Volkswagen-Standorte an.
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