
Deutschland muss seine Pläne für ein neues Kampfflugzeug grundlegend neu ausrichten. Nach dem Ende der gemeinsamen Kampfjetentwicklung mit Frankreich und Spanien prüft Verteidigungsminister Boris Pistorius zwei Alternativen. Eine davon führt zum internationalen GCAP-Programm, an dem Großbritannien, Italien und Japan beteiligt sind. Die andere sieht eine neue europäische Entwicklung unter Beteiligung von Airbus vor. Bis Ende März 2027 will Pistorius eine Grundsatzentscheidung erreichen.
Die erste Möglichkeit ist eine Beteiligung Deutschlands am Global Combat Air Programme, kurz GCAP. Großbritannien, Italien und Japan entwickeln dabei ein Kampfflugzeug der sechsten Generation. Nach dem bisherigen Zeitplan soll die Maschine ab 2035 einsatzbereit sein.
Gespräche über einen möglichen deutschen Einstieg laufen bereits. Dabei geht es insbesondere darum, unter welchen Bedingungen Deutschland in ein weit fortgeschrittenes Entwicklungsprogramm aufgenommen werden könnte. Pistorius sieht die Gefahr, dass zusätzliche Abstimmungen mit einem weiteren Partner den bisherigen Zeitplan verzögern könnten.
Auch die bestehenden drei Partner müssten einem Beitritt zustimmen. Die britische Regierung hatte bereits im Juni erklärt, dass GCAP grundsätzlich für zusätzliche Staaten offen sei. Voraussetzung sei allerdings, dass die Umsetzung des Programms nicht gefährdet werde.
Als zweite Möglichkeit steht ein eigenständiges europäisches Vorhaben zur Diskussion. Airbus könnte gemeinsam mit weiteren Partnern ein Kampfflugzeug entwickeln, dessen Realisierung für die frühen 2040er-Jahre angedacht ist. Welche Staaten sich daran beteiligen würden, ist noch nicht entschieden.
Pistorius will die deutsche Luftfahrtindustrie in die künftige Entwicklung einbinden. Eine vollständig eigenständige deutsche Entwicklung hält er jedoch nicht für realistisch. Dafür wären internationale Partner notwendig.
Airbus verfügt bereits über umfangreiche Erfahrungen aus dem bisherigen FCAS-Projekt. Der Konzern arbeitet unter anderem an der Vernetzung bemannter und unbemannter Fluggeräte sowie an digitalen Kommunikationssystemen für militärische Einsätze.
Auf deutscher Seite haben sich außerdem acht Unternehmen unter der Bezeichnung Team Gen 6 zusammengeschlossen. Dazu gehören Airbus Defence and Space, AUTOFLUG, Diehl Defence, Hensoldt, Liebherr, MBDA Deutschland, MTU Aero Engines und Rohde & Schwarz. Damit sind wesentliche Kompetenzen aus Flugzeugbau, Antriebstechnik, Elektronik und militärischer Ausrüstung vertreten.
Das ursprüngliche Future Combat Air System war als deutsch-französisch-spanisches Gemeinschaftsprojekt angelegt. Es sollte nicht nur ein modernes Kampfflugzeug hervorbringen, sondern verschiedene militärische Systeme miteinander vernetzen. Dazu zählen Drohnen, bestehende Kampfflugzeuge und eine gemeinsame digitale Infrastruktur.
Die gemeinsame Entwicklung des neuen bemannten Kampfjets scheiterte nach langwierigen Verhandlungen. Zwischen den beteiligten Unternehmen bestanden unterschiedliche Vorstellungen über die industrielle Führung und die Verteilung der Entwicklungsaufgaben. Besonders zwischen Airbus und dem französischen Hersteller Dassault Aviation konnte keine tragfähige Einigung erzielt werden.
Andere Bestandteile des FCAS-Konzepts werden dagegen weiterentwickelt. Airbus beschreibt insbesondere die Arbeit an der sogenannten Combat Cloud und an unbemannten Begleitfluggeräten als fortlaufende Bestandteile des Vorhabens. Deutschland und Frankreich haben damit ihre gesamte technologische Zusammenarbeit im Luftkampfsystem nicht aufgegeben.
Die Entscheidung über Deutschlands künftigen Kampfjet hat erhebliche wirtschaftliche Bedeutung. Bei einem Beitritt zum GCAP-Programm müsste geklärt werden, welche Entwicklungsaufgaben und Produktionsanteile deutsche Unternehmen übernehmen könnten.
Die industrielle Struktur des internationalen Projekts ist bereits weitgehend aufgebaut. Die Unternehmen BAE Systems aus Großbritannien, Leonardo aus Italien und Japan Aircraft Industrial Enhancement haben dafür das Gemeinschaftsunternehmen Edgewing gegründet.
Im Juli 2026 erhielt Edgewing einen Entwicklungsauftrag im Umfang von 4,6 Milliarden britischen Pfund, finanziert durch die drei beteiligten Staaten. Die britische Regierung plant darüber hinaus eigene Investitionen von 8,6 Milliarden Pfund über einen Zeitraum von vier Jahren.
Ein deutscher Einstieg könnte damit Zugang zu einem bereits finanzierten internationalen Entwicklungsprogramm eröffnen. Allerdings sind mögliche deutsche Industrieanteile und die finanziellen Bedingungen einer Beteiligung noch nicht festgelegt.
Bei einem neuen europäischen Airbus-Projekt müssten dagegen zunächst Partner, Finanzierung, Zuständigkeiten und Entwicklungsziele vereinbart werden. Für die deutsche Luftfahrtindustrie geht es in beiden Fällen um langfristige Entwicklungsaufträge, technologische Kompetenzen und hochqualifizierte Arbeitsplätze. Konkrete finanzielle Folgen der beiden Alternativen lassen sich bislang nicht beziffern.
Der von Pistorius angestrebte Zeitplan reicht bis zum Ende des ersten Quartals 2027. Andere Beteiligte wünschen sich bereits vorher Klarheit.
Bundeskanzler Friedrich Merz hatte Ende Oktober bei seinem Besuch in Japan erklärt, dass die japanische Regierung möglichst bis zum Jahreswechsel eine Entscheidung über eine mögliche deutsche Beteiligung am GCAP-Programm erreichen wolle. Merz konnte diesen Termin aus deutscher Sicht jedoch nicht zusagen.
Auch Airbus hatte auf eine Entscheidung bis Ende 2026 gedrängt. Für die Unternehmen ist die weitere Planung davon abhängig, welche industrielle Rolle Deutschland künftig bei der Entwicklung eines neuen Kampfflugzeugs übernimmt.
Mit der angekündigten Richtungsentscheidung im März 2027 wäre allerdings noch kein neuer Kampfjet bestellt. Zunächst müssten die Bundesregierung und mögliche Partner die vertraglichen, finanziellen und industriellen Grundlagen einer Zusammenarbeit festlegen. Welche der beiden Optionen Deutschland letztlich verfolgt, ist weiterhin offen.
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