Auftritt eines NRW-Mitglieds beim AfD Jugendkongress in Gießen löst parteiinterne Prüfungen aus

Ein unerwarteter Austritt erschüttert die AfD im Rat Münster: Ratsmitglied Hans-Jürgen Scholte verlässt die Partei und die AfD-Fraktion – behält jedoch sein Mandat. Dieser Schritt kommt nur wenige Tage nach Beginn der neuen Wahlperiode und hat weitreichende Folgen.
Foto: Mika Baumeister

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Gießen. Beim Gründungskongress der neuen AfD-Jugendorganisation in Gießen sorgte ein Bewerbungsauftritt für bundesweite Aufmerksamkeit und deutliche Reaktionen aus der Parteispitze. Nach übereinstimmenden Medienberichten handelte es sich bei dem Redner um Alexander Eichwald aus dem AfD-Landesverband Nordrhein-Westfalen. Der Mann hatte sich vor den Delegierten für einen Posten als zweiter Beisitzer beworben, kam bei der Wahl jedoch nicht zum Zug.

Besonders auffällig war nach den Berichten die Art seiner Bewerbungsrede: Sie enthielt Formulierungen und Tonlagen, die bei vielen Anwesenden für Irritationen, Unruhe und teilweise offene Kritik sorgten. Während einige Delegierte den Auftritt belächelten, reagierten andere mit deutlicher Distanz. Die Parteiführung sah sich daraufhin zu einer öffentlichen Stellungnahme veranlasst. Parteichef Tino Chrupalla kündigte an, Mitgliedsdaten und Rechte des Mannes prüfen zu lassen, weil Inhalt und Form seiner Rede nicht den Parteigrundsätzen entsprochen hätten.

Weitere Recherchen zeigen, dass Eichwald erst seit 5. Oktober 2025 im AfD-Kreisverband Herford Mitglied ist. Den Eintritt in die neue Jugendorganisation erklärte er am 15. Oktober 2025. In Herford ist er seit dem 7. November als sachkundiger Bürger in mehreren städtischen Ausschüssen benannt, darunter in Bereichen wie Soziales, Schule und Jugendhilfe. Auch dort sorgt der Vorfall inzwischen für Diskussionen. Medienberichten zufolge fordert die lokale Fraktionsspitze in Herford inzwischen sowohl seine Abberufung aus der Fraktion als auch einen Austritt aus der Partei.

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Darüber hinaus sind weitere Informationen bekannt geworden, die in der öffentlichen Bewertung eine Rolle spielen, jedoch sorgfältig zu einordnen sind. Nach Recherchen von t-online, die sich auf Berichte der „Bild“ beziehen, soll Eichwald früher unter dem Künstlernamen „Alex Oak“ aufgetreten sein. Entsprechende Social-Media-Profile seien mittlerweile gelöscht. Er selbst soll diesen Zusammenhang gegenüber Medien aber zurückgewiesen haben. Zudem berichtet t-online unter Berufung auf ältere Lokalberichte, dass Eichwald 2019 ein Praktikum bei der Gleichstellungsstelle in Enger absolviert habe. Diese Angaben gelten nicht als offizielle Parteiinformationen und werden deshalb in der politischen Bewertung zurückhaltend behandelt.

Für die AfD-Bundespartei hat der Auftritt dennoch eine übergeordnete Signalwirkung: Die Gründung der neuen Jugendorganisation „Generation Deutschland“ war als struktureller Neustart gedacht, nachdem die frühere Jugendorganisation über Jahre im Fokus des Verfassungsschutzes stand. Der Vorfall bringt nun erneut die Frage auf, wie klar sich die Partei intern abgrenzt – und wohin sich ihre Nachwuchsstrukturen entwickeln sollen.

Proteste, Sicherheitslage und Bedeutung des Parteitags

Der Bewerbungsauftritt ereignete sich an einem Wochenende, das in Gießen ohnehin von großen politischen Spannungen geprägt war. Die Gründung der AfD-Jugendorganisation „Generation Deutschland“ zog mehrere zehntausend Demonstrierende in die Stadt. Nach Angaben der Polizei beteiligten sich über 25.000 Menschen an den Protesten, während Veranstalter teils von deutlich höheren Zahlen ausgingen. Die Einsatzlage war entsprechend umfangreich: Bis zu 5.000 Einsatzkräfte waren im Stadtgebiet präsent, setzten mehrfach Wasserwerfer ein und verhinderten, dass Gruppen den Veranstaltungsort blockierten oder stürmten. Es kam zu Verletzten auf beiden Seiten.

Für die neu gegründete Jugendorganisation war der Kongress ein wichtiges Signal: Die Partei will ihren Nachwuchs stärker an die Bundesstruktur anbinden und sich organisatorisch von der früheren „Jungen Alternative“ lösen. Dieser Ansatz wurde durch die Proteste, die starke mediale Beobachtung und den umstrittenen Auftritt aus NRW zusätzlich aufgeladen. Viele Beteiligte hatten auf eine ruhige Gründung gehofft, fanden sich aber in einem bundespolitisch aufgeheizten Umfeld wieder.

Der Fall Eichwald beeinflusst nun die Debatten über Rollenverständnis, Auftrittsgrenzen und politische Kultur innerhalb der jungen Organisation. Der bereits eingeleitete Prüfprozess könnte weitreichende Folgen haben – sowohl für den Betroffenen als auch für die Strukturen der neuen Jugendorganisation. Gleichzeitig wirft der Vorfall ein Schlaglicht auf die personelle Zusammensetzung kleinerer Kreisverbände und deren Auswahlverfahren für neue Mitglieder.

In NRW wird das Thema ebenfalls aufmerksam verfolgt, da der Mann dort erst seit wenigen Wochen aktiv ist. Sein kommunalpolitischer Einstieg in Herford, die Bewerbung in Gießen und die nun drohenden Konsequenzen zeigen, wie stark die Bundesebene inzwischen auf lokale Vorgänge reagiert, wenn sie überregionale Bedeutung gewinnen. Wie weitreichend die Prüfungen am Ende ausfallen, dürfte sich in den kommenden Wochen entscheiden. Klar ist jedoch schon jetzt, dass der Vorfall Gießen für die junge Organisation zu einem politischen Belastungstest geworden ist.

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