Bauturbo in Münster: Mehr Tempo beim Wohnungsbau – und warum der Streit darüber gerade beginnt

Münster legt fest, wie der sogenannte Bauturbo angewendet wird. Ziel sind schnellere Genehmigungen und mehr Wohnraum.
Foto: Caroline Muffert

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Münster. Münster will schneller bauen. Mit neuen Leitlinien nutzt die Stadt künftig die erweiterten Spielräume des sogenannten Bauturbos, den der Bund geschaffen hat, um den stockenden Wohnungsbau anzukurbeln. Der Rat entscheidet am 11. Februar über die Reform – die Zustimmung gilt als sicher. Doch während Politik und Verwaltung auf Beschleunigung setzen, wächst zugleich die Kritik. Der Bauturbo wird in Münster nicht nur als Chance gesehen, sondern auch als Risiko.

Was hinter dem Bauturbo steckt

Der Bauturbo ist kein einzelnes Projekt, sondern ein Bündel gesetzlicher Änderungen im Baugesetzbuch. Ziel ist es, langwierige Planungsverfahren abzukürzen und Kommunen mehr Ermessensspielraum zu geben. Unter bestimmten Voraussetzungen können Städte auf neue Bebauungspläne verzichten oder von bestehenden Vorgaben abweichen, etwa bei Nachverdichtungen oder im unbeplanten Innenbereich.

Für Städte wie Stadt Münster ist das ein potenziell starkes Instrument. In kaum einer anderen Großstadt in Nordrhein-Westfalen ist der Wohnungsmarkt so angespannt. Hohe Mieten, wenig verfügbare Flächen und ein stetiger Zuzug verschärfen den Druck seit Jahren. Der Bauturbo soll helfen, Projekte schneller genehmigungsreif zu machen.

Wie Münster den Bauturbo nutzen will

Die Stadt verfolgt dabei eine eigene Linie. Die neuen Leitlinien sollen sicherstellen, dass der zusätzliche Spielraum nicht unkontrolliert genutzt wird. Beschleunigte Verfahren kommen nur für Vorhaben infrage, die in bestehende städtische Konzepte passen und realistisch zeitnah umgesetzt werden können. Spekulatives „Vorrats-Baurecht“ soll vermieden werden.

Ein zentraler Punkt ist der soziale Anspruch. Münster koppelt den Bauturbo an eine klare Quote: 30 Prozent der neu entstehenden Wohnungen sollen förderfähig sein. Diese Vorgabe gilt auch für Bauvorhaben, die bislang nicht unter die sozialgerechte Bodennutzung fallen. Die Rathausmehrheit aus Bündnis 90/Die Grünen, SPD und Volt will so verhindern, dass schneller gebaut wird, aber am Bedarf nach bezahlbarem Wohnraum vorbeigeht.

Warum die Verwaltung Erwartungen dämpft

Trotz der neuen Möglichkeiten warnt die Verwaltung davor, den Bauturbo zu überschätzen. Stadtbaurat Robin Denstorff verweist darauf, dass in Münster für mehr als 2000 Wohnungen bereits Baugenehmigungen vorliegen, ohne dass mit dem Bau begonnen wurde. Der Engpass liege derzeit weniger im Planungsrecht als in der Wirtschaftlichkeit.

Hohe Baukosten, gestiegene Zinsen und unsichere Förderbedingungen bremsen Investoren. Der Bauturbo kann Verfahren beschleunigen, er senkt aber keine Kosten und ersetzt keine Finanzierung. Diese nüchterne Einschätzung ist ein wichtiger Teil der Debatte – und relativiert die Hoffnung auf schnelle Entlastung des Wohnungsmarktes.

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Kritik: Tempo versus Qualität

Parallel zur politischen Zustimmung wächst die Skepsis. Eigentümerverbände warnen vor einer Kostenfalle. Wenn schneller gebaut werde, könnten Konflikte mit Lärm- oder Nachbarschutz erst später auftreten – mit teuren Nachrüstungen für Bauherren.

Auch Fachverbände wie die Architektenschaft sehen Risiken. Sie befürchten, dass städtebauliche Qualität, Klimaschutz und Freiräume unter Zeitdruck leiden könnten. Planung sei mehr als ein Hindernis, argumentieren Kritiker, sie sichere langfristig funktionierende Quartiere.

Auf politischer Ebene kommt Kritik unter anderem von der CDU. Sie wirft der Stadt vor, sich durch hohe Standards selbst auszubremsen, und fordert zusätzliche Maßnahmen wie eine Task-Force, um genehmigte, aber nicht realisierte Projekte endlich in Gang zu bringen.

Der eigentliche Konflikt in Münster

Der Streit um den Bauturbo ist in Münster weniger ein Ja-oder-Nein als eine Grundsatzfrage: Wie viel Beschleunigung verträgt eine wachsende Stadt, ohne ihre planerischen Leitlinien aufzugeben? Befürworter sehen im Bauturbo ein überfälliges Signal, dass Politik und Verwaltung handlungsfähig bleiben. Kritiker warnen vor einem schleichenden Abbau von Beteiligung, Qualität und Verlässlichkeit.

Auffällig ist, dass beide Seiten einen Punkt teilen: Der Bauturbo allein wird die Wohnungsfrage nicht lösen. Er kann Verfahren vereinfachen und Projekte ermöglichen, ersetzt aber weder Investitionsbereitschaft noch langfristige Wohnungsbaupolitik.

Warum die Entscheidung trotzdem wichtig ist

Gerade deshalb ist der Ratsbeschluss mehr als eine technische Anpassung. Er markiert, wie Münster künftig mit Druck auf dem Wohnungsmarkt umgeht. Der Bauturbo wird zum Testfall dafür, ob schnelleres Bauen mit sozialen und städtebaulichen Zielen vereinbar ist – oder ob neue Konflikte entstehen.

Fest steht: Der Bauturbo bringt Bewegung in eine seit Jahren festgefahrene Debatte. Ob daraus tatsächlich mehr Wohnungen entstehen oder vor allem neue Diskussionen, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen.

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