
Russland hat das Geschäft des deutschen Lebensmittelgroßhändlers Metro unter vorübergehende Zwangsverwaltung gestellt. Der Düsseldorfer Konzern hat damit die operative Kontrolle über seine russische Tochtergesellschaft verloren. Formal bleibt das Eigentum nach Angaben der Metro AG zunächst beim deutschen Mutterkonzern. Betroffen ist ein bedeutendes Geschäft mit 91 Großhandelsmärkten und rund 9.000 Beschäftigten.
Die Metro Zwangsverwaltung in Russland ist Teil einer Reihe staatlicher Eingriffe in die Geschäfte westlicher Unternehmen. Erst im September hatte Moskau auch Vermögenswerte unter anderem von Nestlé und Auchan unter externe Verwaltung gestellt. Russland begründet solche Maßnahmen grundsätzlich mit Gegenmaßnahmen gegenüber Staaten, die es als unfreundlich einstuft und die die Ukraine unterstützen. Im konkreten Metro-Dekret wurde nach übereinstimmenden Angaben allerdings kein individueller Grund für den Zugriff genannt.
Die russische Regierung setzte die Zwangsverwaltung am 28. September mit sofortiger Wirkung in Kraft. Die operative Kontrolle ging nach Angaben der Metro AG an die russische Gesellschaft UK Torg RUS. Metro kann damit nicht mehr selbst über die laufende Führung seiner russischen Tochter entscheiden.
Nach Angaben aus dem veröffentlichten Erlass umfasst die Maßnahme die russischen Gesellschaften, über die Metro sein Großhandelsgeschäft und Immobilien in dem Land hält. Dazu gehören Metro Cash & Carry sowie weitere Gesellschaften mit Immobilienvermögen. Die Anteile wurden zur vorübergehenden Verwaltung an UK Torg RUS übertragen.
Die neue Verwaltungsgesellschaft war erst Anfang September in Moskau registriert worden. Eigentümer war zu diesem Zeitpunkt Johannes Tholey, der zuvor das Russland-Geschäft von Metro geführt hatte. Einen Tag nach dem russischen Eingriff erklärte der Düsseldorfer Konzern gegenüber dem ARD-Studio Moskau, Tholey sei nicht mehr Mitarbeiter der Metro-Gruppe. Metro habe daher auch keinen Einfluss auf ihn in seiner neuen Funktion.
Der russische Schritt bedeutet nach der bisherigen Darstellung keine formale Übertragung des Eigentums an Metro Russland. Die Metro AG erklärte ausdrücklich, dass die russische Tochter weiterhin zum Konzern gehöre. Entscheidend geändert hat sich jedoch die tatsächliche Kontrolle über das Unternehmen. Das Management in Düsseldorf kann operative Entscheidungen in Russland nicht mehr durchsetzen.
Welche bilanziellen und finanziellen Folgen daraus entstehen, war zunächst offen. Metro erklärte nach dem Dekret, die weiteren Auswirkungen auf den Konzern würden bewertet. Eine bezifferte Belastung oder Abschreibung hatte das Unternehmen zunächst nicht veröffentlicht.
Das Russland-Geschäft besitzt für Metro eine erhebliche wirtschaftliche Größe. Im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2024/25 erzielte das Segment Russland nach Unternehmensangaben einen Umsatz von rund 1,28 Milliarden Euro. Das bereinigte EBITDA lag in diesem Zeitraum bei 71 Millionen Euro. Der Gesamtkonzern kam im Geschäftsjahr 2024/25 auf einen Umsatz von 32,4 Milliarden Euro.
Metro ist seit 2001 im russischen Markt aktiv und gehörte zu den deutschen Unternehmen, die ihr Geschäft nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 nicht vollständig einstellten. Der Konzern hatte dies unter anderem mit der Verantwortung gegenüber Beschäftigten und Kunden begründet. Gleichzeitig verringerte Metro nach eigenen Angaben seit Kriegsbeginn schrittweise die Verbindungen zwischen dem russischen Geschäft und der deutschen Muttergesellschaft.
Anders als zahlreiche westliche Unternehmen entschied sich Metro damit gegen einen schnellen vollständigen Rückzug. Der russische Markt blieb zugleich wirtschaftlich relevant. Im Geschäftsjahr 2023/24 erwirtschaftete Metro in Russland einen Umsatz von rund 2,44 Milliarden Euro.
Der laufende Betrieb der russischen Großmärkte wurde durch die Zwangsverwaltung zunächst nicht eingestellt. Die russische Tochter erklärte nach dem Dekret, Märkte und Onlinehandel liefen weiter. Für Kunden und Beschäftigte in Russland bedeutete der Eigentumskonflikt damit zunächst keinen unmittelbaren Betriebsstopp.
Der Fall Metro steht nicht allein. Russland hat in den vergangenen Jahren wiederholt Vermögenswerte ausländischer Konzerne einer vorübergehenden Verwaltung unterstellt. Im September 2026 traf es unter anderem Nestlé, Auchan, das frühere Leroy-Merlin-Geschäft sowie den Logistikkonzern FM Logistic.
Die Maßnahmen verschärfen die Risiken für europäische Unternehmen, die trotz des Ukraine-Kriegs weiterhin in Russland tätig sind. Reuters berichtete unter Berufung auf russische Regierungs- und Wirtschaftskreise, dass weitere europäische Unternehmen betroffen sein könnten. Einzelne Aussagen aus diesen Kreisen erfolgten anonym und lassen keine belastbare Vorhersage zu, welche Firmen tatsächlich als Nächstes unter staatliche Verwaltung gestellt werden.
Russland verweist dabei auf westliche Sanktionen und eingefrorenes russisches Vermögen. Die Europäische Union und ihre Mitgliedstaaten wiederum haben seit Beginn des russischen Angriffskriegs umfangreiche Sanktionen gegen Russland verhängt.
Wenige Tage nach dem Zugriff auf Metro äußerte sich Präsident Wladimir Putin grundsätzlich zu den unter externe Verwaltung gestellten Unternehmen. Beim Waldai-Forum erklärte er am 1. Oktober, westliche Firmen könnten ihre Vermögenswerte unter günstigen politischen Bedingungen grundsätzlich zurückerhalten. Putin wies zugleich die Darstellung zurück, Russland habe die Unternehmen verstaatlicht, und bezeichnete die Maßnahmen als Reaktion auf den Umgang westlicher Staaten mit russischem Vermögen.
Für Metro ergibt sich daraus zunächst keine konkrete Änderung. Eine verbindliche Zusage zur Rückgabe des russischen Geschäfts gab es nicht. Ebenso waren keine Bedingungen oder ein Zeitplan genannt worden.
Eine gesonderte öffentliche Reaktion der Bundesregierung speziell auf den Metro-Fall lag zunächst nicht vor. Die Bundesregierung hält grundsätzlich an ihrer Unterstützung der Ukraine und am wirtschaftlichen Druck auf Russland fest. Das Auswärtige Amt bekräftigte diese Linie unmittelbar vor dem Eingriff bei Metro erneut.
Für den Düsseldorfer Konzern ist damit vor allem eine Frage offen: Wie lange Metro zwar formal Eigentümer seines milliardenschweren Russland-Geschäfts bleibt, gleichzeitig aber keine operative Kontrolle darüber ausüben kann.
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