ADHS bei Kindern: Münsteraner Psychologin fordert neuen Blick

ADHS bei Kindern: Münsteraner Psychologin fordert neuen Blick
Symbolbild: Caroline Muffert

Teilen:

Kinder mit ADHS werden im Schulalltag häufig vor allem über ihre Schwierigkeiten wahrgenommen. Dabei können Betroffene auch besonders kreativ, sozial, humorvoll und begeisterungsfähig sein. Darauf weist die Psychologin Julia Kerner auch Körner von der Universität Münster anlässlich des Internationalen ADHS-Tages am 13. Juli hin.

Die Juniorprofessorin untersucht ADHS aus einer pädagogisch-psychologischen Perspektive. Im Mittelpunkt stehen deshalb nicht nur Kinder mit einer gesicherten Diagnose. Ihre Forschung bezieht auch junge Menschen ein, die typische Symptome zeigen, bislang aber keine klinische Diagnose erhalten haben.

Passendes Umfeld kann den Leidensdruck verringern

Nach Einschätzung der Psychologin kommt es entscheidend darauf an, wie das Umfeld eines Kindes gestaltet ist. Bei leichteren Symptomen könnten passende Bedingungen in der Schule und im Elternhaus dazu beitragen, Schwierigkeiten aufzufangen und einen stärkeren Leidensdruck zu verhindern.

Eine klinische Behandlung werde dadurch jedoch nicht ersetzt. Bei ausgeprägten Symptomen könnten eine Psychotherapie oder Medikamente notwendig sein. Ob eine Diagnose sinnvoll ist, hänge daher auch davon ab, wie stark ein Kind im Alltag beeinträchtigt wird.

Kerner auch Körner betrachtet ADHS nicht ausschließlich als Störung. Forschungsergebnisse zeigten laut der Universität Münster, dass damit auch besondere Fähigkeiten verbunden sein können. Dazu zählt etwa eine ausgeprägte Begeisterungsfähigkeit.

Ob daraus tatsächlich eine Stärke werde, sei allerdings eng mit der Selbstregulation verbunden. Ein Kind müsse beispielsweise lernen, seine Begeisterung zu steuern, geduldig zu bleiben und begonnene Aufgaben zu Ende zu führen. Gelinge dies, könne die Fähigkeit bei Projekten oder kreativen Aufgaben besonders wertvoll sein.

Fehle diese Steuerung, würden Betroffene dagegen möglicherweise viele Vorhaben gleichzeitig beginnen, ohne sie abzuschließen. Daraus könne ein erheblicher Leidensdruck entstehen.

ADHS bei Mädchen wird häufig spät erkannt

Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Diagnostik bei Mädchen und Frauen. ADHS wird bei Jungen deutlich häufiger festgestellt. Nach Angaben der Psychologin bedeutet das jedoch nicht, dass Mädchen wesentlich seltener betroffen sind.

Viele bisherige Beschreibungen orientierten sich vor allem am Bild des auffälligen und körperlich unruhigen Jungen. Mädchen zeigten dagegen häufig weniger sichtbare Symptome oder entwickelten Strategien, mit denen sie ihre Schwierigkeiten lange ausgleichen könnten.

Dadurch werde ADHS bei ihnen teilweise erst im jungen Erwachsenenalter erkannt. Einige erhielten die Diagnose zu Beginn des Studiums oder nachdem bei den eigenen Kindern ADHS festgestellt worden sei.

Eine späte Diagnose könne weitere Probleme nach sich ziehen. Manche Frauen kämen zunächst wegen Depressionen, Ängsten oder Zwangsstörungen in Behandlung. Erst später werde erkannt, dass auch eine bislang unentdeckte ADHS-Symptomatik eine Rolle spiele.

Die Arbeitseinheit an der Universität Münster entwickelt deshalb Verfahren, die weniger auffällige Symptome und erlernte Kompensationsstrategien besser erfassen sollen. Ziel ist eine Diagnostik, die Mädchen und Erwachsene stärker berücksichtigt.

Schulen können Konzentration gezielt unterstützen

Schulen spielen nach Einschätzung der Forscherin eine wichtige Rolle. Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte müssten zunächst verstehen, dass ADHS zur Neurodivergenz zählt. Der Begriff beschreibt unterschiedliche Arten, wie Menschen Reize aufnehmen, verarbeiten und auf ihre Umgebung reagieren.

Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit oder Konzentration seien daher nicht mit Faulheit oder mangelnder Intelligenz gleichzusetzen. Dieses Wissen könne helfen, Vorurteile abzubauen und passende Unterstützung anzubieten.

Im Schulalltag könnten bereits einfache Maßnahmen Wirkung zeigen. Dazu gehören mehr Bewegung, regelmäßige Pausen oder ein Sitzball. Auch Kopfhörer und ein Sichtschutz am Arbeitsplatz könnten dabei helfen, störende Reize zu reduzieren.

Darüber hinaus seien klare Strategien wichtig. Selbstinstruktionen oder Wenn-Dann-Pläne könnten Kindern helfen, sich besser zu konzentrieren und Aufgaben strukturierter zu bearbeiten. Gleichzeitig sollten Schulen nicht nur Schwächen hervorheben, sondern den betroffenen Kindern auch ihre Fähigkeiten bewusst machen.

Wann eine professionelle Diagnostik sinnvoll sein kann

Eltern, die bei ihrem Kind ADHS oder eine andere Form der Neurodivergenz vermuten, sollten nach Ansicht der Psychologin zunächst den konkreten Leidensdruck betrachten. Dabei könne es helfen, grundlegende Faktoren wie Schlaf, Bewegung und Ernährung zu überprüfen.

Zudem stelle sich die Frage, ob die Schule weitere Möglichkeiten habe, auf die Bedürfnisse des Kindes einzugehen. Bleiben die Schwierigkeiten trotz solcher Veränderungen bestehen, könne eine klinische Diagnostik sinnvoll sein.

Bei manchen Kindern seien die Symptome so stark, dass Anpassungen im Umfeld allein nicht ausreichten. Eine notwendige Therapie oder medikamentöse Behandlung sei dann weder als Versäumnis der Eltern noch der Schule zu verstehen.

Bestehe kein akuter Leidensdruck, müsse eine Diagnose nicht automatisch das wichtigste Ziel sein. Entscheidend sei vielmehr, die individuellen Stärken eines Kindes zu erkennen und zugleich Strategien für Bereiche zu entwickeln, in denen Unterstützung benötigt wird.

Julia Kerner auch Körner ist seit Oktober 2024 Juniorprofessorin an der Universität Münster. Sie leitet am Institut für Psychologie in Bildung und Erziehung die Arbeitseinheit für Diagnostik und individuelle Förderung in der inklusiven Schule.

Quelle: Universität Münster, Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit, Interview zum Internationalen ADHS-Tag vom 10. Juli 2026

Teilen:

Münster Map
Zum Aktivieren tippen
Route anzeigen

Mehr Beiträge:

Texte werden mit Unterstützung von KI-Tools erstellt und vor Veröffentlichung redaktionell geprüft. Mehr dazu