
Greven. Wenige Stunden vor einer wichtigen politischen Entscheidung über die Zukunft mehrerer Kindertagesstätten wächst der Widerstand in Greven. Eine am Samstag gestartete Online-Petition gegen die geplanten Kita-Schließungen hat bereits mehr als 800 Unterschriften gesammelt. Die Initiatoren fordern, die für Mittwoch, 14. Oktober 2026, vorgesehene Beratung über die Schließungspläne zu vertagen. Dabei geht es längst nicht mehr nur um einzelne Einrichtungen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Greven mit sinkenden Kinderzahlen umgehen soll und welche Folgen die Neuordnung für Familien, Beschäftigte und Kinder mit besonderem Förderbedarf hat.
Auslöser des Protests ist die Beschlussvorlage 260/2026, mit der die Stadtverwaltung ihre Betreuungslandschaft neu ordnen will. Nach Darstellung der Petitionsinitiative sollen die Kita Kinderland an der Overmannstraße und die Outlaw-Kita an der Naendorfstraße vollständig geschlossen werden. Hinzu kommen geplante Gruppenschließungen in den katholischen Einrichtungen St. Raphael und St. Martinus im Gertrudenstift.
Bereits Anfang Oktober hatte MS Aktuell über das geplante Aus der Kita an der Overmannstraße berichtet. Dort werden derzeit 71 Kinder in sechs Gruppen betreut. Nun zeigt sich, dass der Widerstand gegen die Neuordnung über diesen Standort hinausgeht.
Die Petition trägt den Titel „Stoppt die Kita-Schließungen in Greven: Kinder sind keine Rechengrößen!“ und richtet sich an Bürgermeister Dietrich Aden sowie die politischen Entscheidungsträger. Hinter dem Aufruf steht eine Initiative aus Elternbeiräten, Elternschaft und Grevener Familien. Sie kritisiert insbesondere, dass die geplanten Einschnitte wenige Träger besonders stark treffen würden.
Die Initiative bestreitet nicht grundsätzlich, dass Greven auf rückläufige Kinderzahlen reagieren muss. Sie stellt aber die vorgesehene Verteilung der Einschnitte infrage. Statt komplette Einrichtungen aufzugeben, sollen die verfügbaren Plätze nach ihrer Vorstellung möglichst gleichmäßig über das Stadtgebiet reduziert werden. Ein gemeinsamer Runder Tisch aller Kita-Träger soll dafür eine neue Lösung entwickeln.
Besondere Sorgen bereiten den Initiatoren die Auswirkungen auf die Inklusion. Sie befürchten, dass mit dem Wegfall von Gruppen auch wichtige Räume und Betreuungsstrukturen für Kinder mit erhöhtem Förderbedarf verloren gehen könnten. Zudem verlangen sie, den Beirat für Menschen mit Behinderungen und den Jugendamtselternbeirat vor einer Grundsatzentscheidung umfassend anzuhören.
Ein weiterer Streitpunkt sind mögliche Rückzahlungen von Fördermitteln, wenn öffentlich geförderte Kita-Räume vor Ablauf ihrer Zweckbindungsfristen aufgegeben werden. Ob und in welcher Höhe solche Forderungen tatsächlich entstehen könnten, ist bislang nicht abschließend belegt.
Die Stadtverwaltung begründet die geplanten Kita-Schließungen in Greven mit dem deutlichen Rückgang der Kinderzahlen. Nach ihrer aktuellen Darstellung müssen 13 Kita-Gruppen wegfallen, um das Betreuungsangebot langfristig wirtschaftlich und pädagogisch tragfähig zu halten. Die längerfristige Bedarfsplanung hatte zuvor einen Überhang von insgesamt 15 Gruppen ergeben.
Wie stark sich die Situation verändert hat, zeigen die Bevölkerungszahlen: Während 2022 noch 2.537 Kinder unter sechs Jahren in Greven lebten, waren es 2025 nur noch 2.318. Das entspricht einem Rückgang um 219 Kinder innerhalb von drei Jahren.
Die Verwaltung hält es nicht für dauerhaft tragfähig, zahlreiche Einrichtungen mit zu geringer Auslastung weiterzuführen. Sie befürchtet, dass dies später zu wirtschaftlich erzwungenen Schließungen führen könnte. Bei der Standortauswahl würden unter anderem die Nachfrage, die Erreichbarkeit anderer Kitas, soziale Besonderheiten und die wirtschaftlichen Folgen berücksichtigt.
Auf die Sorgen betroffener Eltern reagiert die Stadt mit konkreten Zusagen. Jedes Kind, das wegen einer Schließung die Einrichtung wechseln muss, soll einen neuen Betreuungsplatz erhalten. Geschwister, die gemeinsam wechseln müssen, sollen zusammenbleiben. Auch die Förderung von Kindern mit Integrationsbedarf soll nach Angaben der Verwaltung nahtlos fortgesetzt werden.
Am heutigen Mittwoch beschäftigen sich der Jugendhilfeausschuss und der Haupt-, Finanz- und Wirtschaftsausschuss mit den Plänen. Die endgültige Entscheidung ist für die Ratssitzung am 4. November 2026 vorgesehen. Die betroffenen Einrichtungen beziehungsweise Gruppen sollen zum Ende des laufenden Kita-Jahres am 31. Juli 2027 schließen.
Für die Familien ist der Zeitplan eng. Bereits am 5. November beginnt das Anmeldeverfahren für das Kita-Jahr 2027/28. Eltern haben anschließend bis zum 15. Dezember Zeit, ihre Kinder über das zentrale Anmeldeportal STEP vorzumerken.
Ob der politische Druck die Planungen noch verändert, ist offen. Die Online-Petition hat innerhalb weniger Tage zahlreiche Unterstützer gefunden. Eine politische Entscheidung ersetzt sie allerdings nicht.
Für Greven geht es damit um mehr als die Schließung einzelner Gebäude. Die Stadt muss ein kleiner werdendes Betreuungssystem organisieren, während Eltern um vertraute Strukturen und verlässliche Betreuungswege kämpfen. Wie dieser Interessenkonflikt gelöst wird, könnte die Grevener Kita-Landschaft für viele Jahre prägen.
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